Der 31-jährige Christian Walter führt Regie bei den Bezirksklasse-Handballern der HSG Gablenberg-Gaisburg und ist seit November 2020 Bürgermeister in Weil der Stadt.
Stuttgart-Ost - Einerseits verschwitzte, zerzauste Haare und ein aggressiv, bissiger Blick, andererseits fein bis sportlich leger gekleidet, gut sitzende Frisur und smarter Gesichtsausdruck – das sind zwei Seiten von Christian Walter, beides mal sitzt er dabei praktisch im Chefsessel. Der 31-Jährige gibt als Rückraum-Mitte-Spieler bei den Handballern der HSG Gablenberg-Gaisburgdie Spielzüge vor, als Bürgermeister in Weil der Stadt im Rathaus die Richtung an. Jedoch bewegt sich der aus Neckarsulm kommende Walter auf beiden Parketts auch unterschiedlich. Auf dem Spielfeld schieße er durchaus mal übers Ziel hinaus, wisse schon, dass sein Verhalten gegenüber den Gegnern und auch den Schiedsrichtern nicht immer ok sei. „Handball ist für mich der Ausgleich, das Ventil zum Alltag, da entgleite ich durchaus mal“, gibt er unumwunden zu. Im Job, im Rathaus in der Keplerstadt, sei er indes verständnisvoller und kooperativer. „Ich versuche, mit allen Seiten in Kontakt zu treten und bin als Bürgermeister auch kompromissbereiter wie als Handballer.“ Dennoch gebe es viele Parallelen zu seinem Sport und dem Bürgermeisteramt. „Sowohl auf dem Feld als auch in der Politik mit den unterschiedlichen Meinungen und Parteien streitet man sich, manchmal auch heftig der Sache wegen. Man geht spätestens nach dem Abpfiff oder dem Ende von Sitzungen aber fair und respektvoll miteinander um“, so Walter. Darüber hinaus versucht der Neckarsulmer den Teamgeist vom Handball auch in seine Amtsgeschäfte in der rund 19 100 Einwohner zählenden Stadt miteinfließen zu lassen. „Ich lege viel Wert auf unterschiedliche Meinungen und halte nichts von Alleingängen.“
Seit November 2020 Bürgermeister
Seit November 2020 sitzt Christian Walter im Chefsessel Weil der Stadts. Kein leichtes Unterfangen, denn um die finanzielle Situation der Keplerstadt war es bei seinem Amtsantritt nicht gut bestellt und „ist es immer noch nicht“, so Walter. Geprägt war seine Amtszeit, die bis 2028 dauert, bislang von der Corona-Pandemie. „Ich hatte natürlich aufgrund der Beschränkungen nicht so viel direkten Kontakt zu den Bürgern und Bürgerinnen und auch die Anzahl der Veranstaltungen und Pflichttermine war sehr gering.“ Doch der Bürgermeister hat das beste daraus gemacht und umgesetzt, was in der Politik häufig propagiert wird, aber immer noch nicht ehrgeizig verfolgt wird: Digitalisierung und Transparenz. Vieles, was im Rathaus geschehe, unter anderem die Gemeinderatssitzungen, seien nun niederschwellig für die Bürgerinnen und Bürger mitzuverfolgen. Sei es über YouTube oder auch Instagram. „Wir haben die Aktivitäten und Entscheidungen im Rathaus für die Allgemeinheit sozusagen greifbarer und schneller zugänglich gemacht. Sodass die Einwohner immer und aktuell auf dem Laufenden sind“, so Walter, für den jeder Tag als Bürgermeister eine positive Herausforderung darstellt.
Ursprünglich Lehrer
Außerdem spielte Corona dem Bürgermeister in die Karten – aus sportlicher Sicht. „So hatte ich mehr Zeit fürs Handball und die HSG Ga-Ga. Ein normaler Alltag als Bürgermeister hätte mich ansonsten nicht so häufig in die Zeppelin-Halle geführt.“ Apropos Zeppelin-Halle am Stöckach. Das Gebäude ist der Grund, weswegen Walter, der mit seiner Freundin noch in Stuttgart wohnt, zu den Ga-Gas kam. Als 20-Jähriger zog er zum Studieren nach Stuttgart, wollte sich einem Verein anschließen, in dessen Heimspielstätte „harzen“ erlaubt ist. In vielen Schulsporthallen der Landeshauptstadt ist das Haftmittel nicht erwünscht – aber in der Zeppelin-Halle schon. „So bin ich seit über fünf Jahren hängen geblieben.“ In dieser Saison läuft es jedoch nicht rund, die Ga-Gas sind aufgrund von Trainerwechsel, enger Personaldecke, Verletzungen und Corona-Infektionen arg gebeutelt und in Abstiegsgefahr. „Ich hoffe, dass wir den Klassenerhalt schaffen, das wäre ein beruhigender Abschluss“, so der sportliche Bürgermeister, der darüber nachdenkt, mit dem Handballspielen aufzuhören.
Walter studierte Politik, Wirtschaft, Germanistik und Sport auf Lehramt und saß sechs Jahre lang für die Studentische Liste im Stuttgarter Gemeinderat. Nach drei Jahren als Lehrer an der Schickhardt-Gemeinschaftsschule kehrte er der Pädagogik den Rücken, bewarb sich für das Amt des Bürgermeisters und setzte sich prompt durch. „Kommunalpolitik war schon immer eine Leidenschaft von mir, nun konnte ich sie zum Beruf machen.“
Bewusst war ihm vor Amtsantritt, dass er die Amtsgeschäfte mit einem akkuraten Schnitt und nicht zerzausten Haaren führen wird.