Andy Schmid hat nicht nur den Blick für den Nebenmann, sondern ist auch ein torgefährlicher Spielmacher. Foto: Getty

Der Handballer Andy Schmid spricht im Interview über die Terminflut, verlorene Spiele und seine Beziehung zu Trainer Rolf Brack. Der Schweizer gilt als der weltweit beste Spielmacher und wurde 2016 und 2017 mit den Rhein-Neckar Löwen deutscher Meister.

Stuttgart - Andy Schmid gilt als derzeit bester Handballspieler der Welt. Mindestens bis 2020 wird der Schweizer die Fäden im Spiel des Bundesligisten Rhein-Neckar Löwen ziehen, mit dem er am Donnerstag in Göppingen antritt. Mit Frisch-Auf-Trainer Rolf Brack verbindet den 34-Jährigen noch so einiges.

Herr Schmid, schön, dass der weltbeste Handballer trotz der unfassbaren Terminhatz Zeit hat für ein Interview.
(Lacht) Jetzt mal nicht übertreiben. Aber das mit den vielen Spielen stimmt schon, das ist heftig und geht an die Substanz – physisch und psychisch.
Denken Sie in dieser stressigen Phase an ihren schwedischen Ex-Kollegen Kim Ekdahl du Rietz, der mit 28 Jahren die Karriere beendete, um etwas von der Welt zu sehen?

Zwangsläufig. Er lässt mich ja an seinem neuen Leben teilhaben und schickt mir regelmäßig Fotos, derzeit ist er in den USA.

Sie dagegen bereisen mit Ihrem Verein Europa in einer irrsinnigen Taktung und sehen nur Hotels, Busse, Flugzeuge.
Es ist ja jedem seine Entscheidung, was er tut. Aber klar, zuletzt hat sich die Terminsituation im Handball dramatisch verschärft. Wir hatten dieses Monster-Wochenende mit zwei Spielen innerhalb von zwei Tagen in Leipzig und Barcelona.
Die Partie an diesem Donnerstag bei Frisch Auf ist wettbewerbsübergreifend das neunte Auswärtsspiel hintereinander.
So etwas gab es noch nie. Doch Göppingen liegt ja praktisch um die Ecke, da haben wir fast ein Heimspiel. Auf jeden Fall sind wir froh, dass wir davor mal wieder im eigenen Bett schlafen konnten.
Diese hohe Belastung blieb zuletzt nicht ohne Folgen.
Ich will keine Alibis für unsere zwei Niederlagen. Vor allem das 26:29 in der Liga bei der MT Melsungen möchte ich nicht auf die Müdigkeit schieben. Und das 26:30 am Sonntag in der Champions League in Skopje war keine Sensation. Die Mazedonier haben in ihrem Hexenkessel seit eineinhalb Jahren kein Spiel mehr verloren.
Mediziner sind der Ansicht, die Zahl der Spiele sei unter gesundheitlichen Aspekten nicht zu verantworten.
Es ist fast ein Wunder, dass wir ohne große Blessuren aus dieser Flut von Spielen herausgekommen sind. Wenn du im Kopf nicht frisch bist, fehlen dir die Spritzigkeit und die Handlungsschnelligkeit. Dann kommst du einen Schritt zu spät, dir fehlt die Körperkontrolle, und die Verletzungswahrscheinlichkeit steigt.
Ist es nicht ein Armutszeugnis, dass es die Handball-Bundesliga (HBL) und der Europäische Handball-Verband (EHF) nicht schaffen, die Termine besser miteinander zu koordinieren?
Der Handball ist ein großer Kuchen. Jeder will einen großen Teil abschneiden und seinen Bauch sättigen. Für die Befindlichkeiten der Spieler bleibt da nichts übrig.
Statt aufeinander zuzugehen, wurde die nächste Eskalationsstufe erreicht.
Ich habe mitbekommen, dass die EHF den Ton dramatisch verschärft hat . . .
. . . und damit drohte, nur noch einen deutschen Champions-League-Teilnehmer zuzulassen.
Das ist eine überzogene Reaktion, aber vielleicht nehmen sich beide Parteien auch zu wichtig. Die HBL hat die Konsequenzen des neuen TV-Vertrags mit den fest verankerten Bundesliga-Anwurfzeiten nicht richtig bedacht. Die EHF bläht die Champions League immer weiter auf, was eben nur die deutschen Clubs hart trifft. Die Vereine aus den anderen Nationen leben von diesen internationalen Spielen, da ihre Ligen relativ uninteressant sind.
Wie könnte eine Lösung aussehen?
Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass beide Seiten aufeinander zugehen. Die EHF braucht den deutschen Markt. Sie weiß ja ganz genau, dass nirgendwo auf der Welt der Handball dermaßen zelebriert wird wie in Deutschland.
Kommen wir zu Ihnen und den Löwen. Die letzten zwei Ergebnisse ändern nichts an der Tatsache, dass die Angst vor Niederlagen der Gier nach Erfolg gewichen ist. Woher rührt das?
Wir hatten in ganz Handball-Deutschland das Image der Vize-Löwen – bis wir 2016 endlich die erste deutsche Meisterschaft feiern konnten. Das war für mich und den ganzen Verein das Schlüsselerlebnis. Das war eine Befreiung. Der ganz große Druck war weg.
Und die Selbstsicherheit wieder da.
Genau. Wir haben ein Urvertrauen in unser Spiel, in unser System. Wir wissen, dass wir jeden Gegner schlagen können. Das hat uns Ruhe gegeben. Negative Erlebnisse werfen uns nicht aus der Bahn.
In Kiel nannte man das das THW-Gen.
Diesen Vergleich anzustellen wäre vermessen. Der THW war in seinen Glanzzeiten eine ganz andere Hausnummer. Ich wehre mich auch dagegen, von einer Wachablösung zu sprechen.
Auch bei Ihnen persönlich kam zu den genialen Momenten dieser unbändige Siegeswille dazu.
Ich hatte 2014 schon die Hand an der Schale, als wir wegen der um zwei Treffer schlechteren Tordifferenz am THW gescheitert sind. Ich bin von Grund auf ehrgeizig, doch nach diesem kurzfristigen Tiefschlag kam eine Besessenheit nach Titeln bei mir hinzu, die sich bis heute nicht gelegt hat.
In Göppingen feiern Sie nun ein Wiedersehen mit Ihrem ehemaligen Schweizer Nationaltrainer Rolf Brack.
(Lacht) Da gibt es wirklich viele lustige Geschichten.
Welche?
Die kann ich nicht erzählen.
Schade, aber was haben Sie von Ihm mitgenommen?
Ich mag ihn sehr. Wir schätzen uns gegenseitig und telefonieren auch ab und zu. Es war schwierig, seine professionellen Vorstellungen und sein System in der Schweiz umzusetzen. Er war nur 30 bis 40 Tage im Jahr mit dem Team zusammen. Das war zum Scheitern verurteilt. Mitgenommen habe ich vor allem das von ihm perfektionierte Verhalten im Überzahlspiel 7:6. Von diesen Erfahrungen profitiere ich noch ­immer.
Sie sind 34. Wann folgen Sie Kim Ekdahl du Rietz in die Hängematte?
Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht, deshalb denke ich noch nicht an ein Karriereende.
Also geht es auch über Ihr Vertragsende 2020 bei den Löwen hinaus weiter?
Solange ich Spaß am Handball habe, werde ich spielen.
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