Julian Köster zeigte gegen Polen nicht nur in der Abwehr, sondern auch im Angriff seine Klasse. Foto: imago/Marco Wolf

Zweitligaspieler Julian Köster nutzt nach den vielen Ausfällen seine Chance bei der Handball-EM. Auch an diesem Donnerstag (18 Uhr/ARD) gegen Spanien?

Stuttgart - Es verbietet sich eigentlich, der äußerst angespannten Coronalage bei den deutschen Handballern etwas Erfreuliches abzugewinnen. Doch Julian Köster war beim 30:23 gegen Polen ein Beispiel dafür, wie ein junger Spieler von den Ausfällen profitierte und seine Chance eindrucksvoll nutzte. „Sein Stern ging in diesem Spiel auf. Die vielen Spielanteile hätte er nicht bekommen, wenn Julius Kühn dabei gewesen wäre“, ist sich Junioren-Bundestrainer Martin Heuberger sicher. Köster gehört zu den Gewinnern der Coronalotterie. Genauso wie Christoph Steinert, der nach den Erkrankungen von Kai Häfner und Timo Kastening beider EM noch mehr Einsatzzeiten bekommt.

 

„Köster und Steinert sind für mich die absolut positiven Überraschungen dieser EM. Wie cool und clever sie spielen, ist beeindruckend“, sagt Heuberger vor dem ersten Hauptrundenduell an diesem Donnerstag (18 Uhr/ZDF) gegen Spanien. Beide Spieler kennt der Talentschmied aus der Ortenau bestens. Mit Steinert (32) feierte er 2011 den Gewinn der Junioren-WM. Danach spielte der Linkshänder vom HC Erlangen zehn Jahre in der A-Nationalmannschaft keine Rolle. Bei dieser EM ist er eine prägende Figur.

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Genauso wie Köster. Seine überragenden Abwehrqualitäten, speziell als vorgezogener Mann in einer 3:2:1-Deckung, waren bekannt, aber vorne rief seine Galavorstellung selbst bei Heuberger Verwunderung hervor: „Ehrlich gesagt, hat er mich im Angriff überrascht. Er bestach durch enorme Wurfvariabilität, mit beeindruckenden Schlag- und Sprungwürfen, mit genialen Anspielen an den Kreis, und im Eins-gegen-Eins ging er dahin, wo es wehtut.“

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Genauso so stellt man sich im modernen Handball einen „kompletten Spieler“ vor. Mit dem Begriff „Wunderkind“ tut man dem 2,01-Meter-Riesen allerdings keinen Gefallen, auch wenn der Vergleich mit Leverkusens Fußball-Jungnationalspieler Florian Wirtz (18) immer wieder mal fällt. Was nicht zuletzt auch daran liegt, dass beide aus dem gleichen Dorf Brauweiler stammen, auf dieselbe Schule gingen, und Mama Wirtz auch noch Kösters erste Handballtrainerin war.

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Köster hat aber nicht nur drei Jahre mehr auf dem Buckel als Wirtz, noch etwas unterscheidet ihn vom Fußballer. „Bei Julian stand der Leistungssport lange Zeit nicht an erster Stelle. Er richtete seinen Fokus auf die Schule und sein BWL-Studium“, weiß Heuberger. Erst mit seinem Wechsel von Bayer Dormagen zum VfL Gummersbach Anfang 2021 änderte sich das. Vom isländischen VfL-Coach Gudjon Valur Sigurdsson kamen ganz entscheidende Impulse auch in Sachen Professionalität und Taktik.

Jetzt profitiert der Rechtshänder, dessen Vorbild der Kroate Domagoj Duvnjak ist, von den vielen Ausfällen. Heuberger könnte sich durchaus vorstellen, dass noch weitere Jungspunde auch kurzfristig im Nationalteam eine gute Rolle spielen können: „Veit Mävers aus Hannover würde ich es zutrauen, er könnte ähnlich unbekümmert auftrumpfen wie Köster. Auch Philipp Ahouansou von den Rhein-Neckar Löwen wäre ein Kandidat.“

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Keine andere Nation hat ein solches Reservoir an fähigen Nachwuchskräften wie Deutschland. „Die kontinuierlich gute Arbeit mit den Talenten in den Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten wirkt sich aus. Das kommt jetzt auch ganz oben in der Spitze an“, sagt der 57-Jährige. „Aber andere Nationen schlafen auch nicht. Da passiert auch viel. Deshalb müssen wir konsequent weiterarbeiten.“ Eine entscheidende Weichenstellung war auch für ihn die Einführung des Jugendzertifikates. Dieses ligaübergreifende Gütesiegel „zwang“ die Bundesligisten professionelle Rahmenbedingungen für den Nachwuchs zu schaffen.

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Den Sprung in die A-Nationalmannschaft zu schaffen, ist aber ein weiter Weg. Sich dort zu halten, mindestens genauso schwer. Dies gilt auch für Senkrechtstarter Julian Köster. „Die Spanier werden ihn nach seiner Gala gegen Polen mit Sicherheit auf dem Schirm haben und ernst nehmen, aber vielleicht platzt ja diesmal bei Sebastian Heymann der Knoten“, hofft Heuberger.

Irgendjemand im deutschen Team war bisher immer der Gewinner in der Corona-Lotterie. Vielleicht hält die Serie auch gegen Europameister Spanien.