Konsterniert nach dem voraussichtlichen Aus: Die deutsche Mannschaft nach der knappen Niederlage gegen Kroatien. Foto: dpa/Robert Michael

Das selbst gesteckte Ziel EM-Halbfinale haben Deutschlands Handballer verfehlt. Der Bundestrainer will die ausstehenden Spiele mit Blick auf die Olympia-Qualifikation nutzen. Ziehen seine Spieler mit?

Wien - Gezeichnet von einer kurzen Nacht schworen sich Deutschlands Handballer nach dem bitteren Ende aller realistischen Medaillenträume auf den EM-Charaktertest gegen Österreich ein. „Wir haben uns zusammengesetzt und gesagt, dass es weitergeht. Wir haben in der Hauptrunde ein anderes Gesicht gezeigt, genauso wollen wir das fortführen, auch wenn das Ziel Halbfinale abgeschrieben ist“, berichtete Kapitän Uwe Gensheimer am Sonntag über die Teamsitzung gleich nach dem Frühstück.

Lesen Sie hier: Die Einzelkritik zur Niederlage gegen Kroatien

Auch wenn das 24:25 gegen Kroatien bei allen Beteiligten sichtbar nachwirkte, erwartet DHB-Vizepräsident Bob Hanning eine Trotzreaktion. „Es ist elementar wichtig für Mannschaft und Trainer, das Turnier erfolgreich zu Ende zu bringen. Es geht um den Willen und die Bereitschaft, nach solch einer Enttäuschung zurückzukommen“, sagte Hanning im schicken Teamhotel „Hilton Garden Inn“ in der Wiener Südstadt. „Ich hoffe, dass sich die Mannschaft der Verantwortung bewusst ist und uns das gelingt.“

Auf ein Handball-Wunder hofft niemand

Die Partie gegen Co-Gastgeber Österreich am Montag (20.30 Uhr/ARD) wird also zum ultimativen Charaktertest für Gensheimer & Co. „Ich habe in die Mannschaft reingehorcht und eine klare Antwort bekommen: Wir wollen weiter Vollgas geben“, verkündete Bundestrainer Christian Prokop. „Es ist ganz wichtig, dass wir die EM nach der ersten Enttäuschung noch intensiv nutzen.“

Aus unserem Plus-Angebot: Kopf hoch, deutsche Handballer!

Auf das im Kampf um den Einzug ins Halbfinale benötigte Handball-Wunder hoffen selbst die größten Optimisten im deutschen Lager nicht mehr. „Die Chance liegt im Promillebereich. So betrunken kann ich gar nicht sein, das zu glauben“, sagte Hanning. Zu unrealistisch ist das Szenario, bei dem unter anderem der im Turnier noch ungeschlagene Titelverteidiger Spanien mit sieben oder acht Toren Unterschied gegen Weißrussland verlieren müsste.

Im Duell gegen Österreich geht es ums Prestige

Die EM-Reise kann aber immer noch in Stockholm enden - wenn auch nur im ungeliebten Spiel um Platz fünf. „Es wäre eine Enttäuschung, wenn wir das nicht erreichen. Diesem Druck müssen wir Stand halten“, bekräftigte Hanning die neue Zielsetzung. Dazu müssen Siege gegen Österreich und zum Abschluss der Hauptrunde gegen Tschechien her.

Im Duell mit dem Gastgeber geht es auch um ganz viel Prestige. „Für Österreich ist es das Spiel des Jahres. Die werden alles daran setzen, uns zu schlagen. Ich bin mal gespannt, ob wir uns das gefallen lassen“, sagte Prokop und nahm vor allem Gensheimer in die Pflicht: „Es wird wichtig sein, wie Uwe voran geht. An ihm orientieren sich viele Spieler.“ Der Kapitän versprach: „Wir werden keinen Deut zurückstecken.“

Nach der Niederlage herrscht zunächst Leere

Hanning ist gespannt darauf, ob die nach dem Frusterlebnis gegen Kroatien geschockte Mannschaft den Worten auch Taten folgen lässt. Direkt nach dem Abpfiff des Handball-Krimis, bei dem am Samstagabend mehr als sechs Millionen TV-Zuschauer mit der lange stark aufspielenden deutschen Mannschaft litten, herrschte zunächst nur Leere. „Der Stachel sitzt tief. Es tut einfach nur weh“, beschrieb Gensheimer die Gefühle und berichtete: „Es war nicht ganz einfach, zur Ruhe zu kommen und einzuschlafen.“

Der Bundestrainer ist jetzt gefordert, die Mannschaft so einzustellen, dass sie die erste XXL-Endrunde zu einem vernünftigen Abschluss bringt. Doch schon jetzt steht fest: Nach dem verletzungsbedingten Ausfall mehrerer Rückraumspieler fehlte dem DHB-Team trotz eines in der Hauptrunde überragenden Andreas Wolff im Tor die Klasse, auf allerhöchstem Niveau bestehen zu können. „Wir müssen konstatieren, dass der Kader nicht ausgereicht hat, um das Halbfinale zu erreichen“, resümierte Hanning.

Im April beginnt der Kampfs ums Olympia-Ticket

Anlass zu einer Trainerdiskussion sieht er deshalb nicht. Es gebe „im Moment überhaupt keinen Bedarf, darüber zu sprechen. Ich gehe auch nicht davon aus, dass es nach dem Turnier dazu kommt“, betonte der DHB-Vizepräsident.

Immerhin steht Mitte April schon der Kampf um das Olympia-Ticket an. „Deshalb sollten wir das Turnier tunlichst nicht als beendet ansehen und dafür sorgen, dass wir nach Stockholm kommen und diese positive Energie dann ins Qualifikationsturnier nach Berlin mitnehmen“, forderte Hanning. „Dafür müssen wir die Kräfte wieder sammeln.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: