Wechsel ab 1. Februar die Seiten: Der aktuelle österreichische Torwart-Trainer Matthias Andersson (2. v. li.) wird dann die deutschen Keeper unter seine Fittiche nehmen. Foto: imago/Wolf-Sportfoto

Da auf höchstem Niveau im Sport Kleinigkeiten entscheiden, professionalisieren Verbände und Vereine immer mehr ihr Team hinter dem Team. Auch im Handball.

Wien - Kai Häfner ist hellauf begeistert: „Bei ihm freut man sich immer aufs Essen. Er überrascht einen immer wieder mit verschiedensten Variationen.“ Der Linkshänder der deutschen Nationalmannschaft spricht von Nils Walbrecht. Der Mann aus Wermelskirchen ist Koch und Ernährungsberater und verpflegt die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) bei dieser EM im jeweiligen Teamhotel und in der Kabine.

Es ist eine Premiere für die deutschen Handballer. Und DHB-Sportvorstand Axel Kromer ist froh, dass er den Spezialisten gewinnen konnte: „Wir haben Mediziner, die sich darum kümmern, dass die Spieler gesund sind und einen optimalen Energiehaushalt haben. Und genauso haben wir jetzt einen Koch, der sich darum kümmert, dass die richtigen Nährstoffe eingenommen werden.“ Da gibt es dann Leinöl ins Müsli oder Eiweiß aus Hülsenfrüchten, aber zur Belohnung auch mal Burger oder Pizza wie nach dem 34:22-Sieg gegen Österreich.

Letzte Prozente rauskitzeln

Die Maßnahme passt ins Bild: Immer mehr Verbände und Vereine professionalisieren ihr Team hinter dem Team. Was im Profifußball längst zur Normalität gehört, nimmt im Handball immer mehr zu: Das Nutzen von Expertenwissen in den verschiedensten Bereichen. Die Leistungsunterschiede werden immer geringer, die Spiel immer knapper – es wird versucht, die letzten Prozente rauszukitzeln.

Ein weiteres Beispiel: Seit dem 1. Juni 2019 setzt der DHB in David Groeger auf einen Bundestrainer Athletik. „Unsere Analysen der vergangenen Turniere hatten gezeigt, dass wir im Athletikbereich noch Nachholbedarf zur Weltspitze haben“, erklärt Kromer.

Der nächste Fortschritt im Verband wird nicht lange auf sich warten lassen. Zum 1. Februar dieses Jahres kommt der Schwede Mattias Andersson vom Hauptrundengegner Österreich als leitender DHB-Torwarttrainer. Der 41-Jährige frühere Weltklassekeeper wird Kopf des neuen Torwart-Kompetenz-Teams mit Clara Woltering, Katja Kramarczyk, Tine Lindemann, Johannes Bitter, Henning Fritz und Carsten Lichtlein. Sie haben den Auftrag, für den deutschen Handball eine einheitliche Torwart-Ausbildungsphilosophie zu erarbeiten. „Der Bedarf, uns hier zu verbessern, ist enorm, wir versprechen uns mit Mattias Andersson die womöglich entscheidenden Prozente Leistungszuwachs für unsere Nationalmannschaften“, erklärt Kromer.

Bitters Mentor bei FAG

Es ist keine neue Erkenntnis, dass gerade die Qualität des Torwartspiels die Erfolgswahrscheinlichkeit einer Mannschaft nachweislich beeinflusst. Der Mann zwischen den Pfosten ist oft der entscheidende Faktor. Deshalb verwundert es, dass in diesem Bereich immer noch nicht alle Vereine, genug investieren. Frisch Auf Göppingen setzt seit 2017, mit einer kurzen Unterbrechung, auf Alexander Vorontsov. Der Russe gilt als Koryphäe auf seinem Gebiet und ist auch der Mentor von Johannes Bitter, den er einst in der C-Jugend in Varel zu trainieren begann und mit dem er heute noch in engem Kontakt steht. „Ein Torwarttrainer denkt wie ein Torwart, das ist sehr wichtig“, sagt Göppingens Sportlicher Leiter Christian Schöne. Sein Keeper Daniel Rebmann hat sich unter Vorontsov stark verbessert.

Neben Vorontsov beschäftigt Frisch Auf auch einen hauptamtlichen Physiotherapeuten und einen Athletikcoach. Beim TVB Stuttgart leitet Athletiktrainer Karsten Schäfer gleichzeitig das Torwarttraining. „Er hat sich das hervorragend angeeignet und genießt das Vertrauen von Jogi Bitter. Im Zuge der Professionalisierung ist ein gezieltes Torwarttraining einfach unabdingbar“, sagt Trainer und Geschäftsführer Jürgen Schweikardt.

Einen eigenen Koch leistet sich sein Team nicht. Aber vielleicht holt sich TVB-Spieler Max Häfner ein paar Tipps und Anregungen von seinem Bruder Kai.

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