Zielstrebig, diszipliniert, ehrgeizig: Bundestrainer Christian Prokop lebt seinen Nationalspielern die Tugenden vor, die er von ihnen einfordert. Foto: dpa

An diesem Samstag (17.15 Uhr/ZDF) startet die deutsche Handball-Nationalmannschaft in Zagreb gegen Montenegro in die EM. Bundestrainer Christian Prokop gibt vor seinem ersten großen Turnier Einblicke in sein (Handball-)Leben und bittet um Respekt für seine Personalentscheidungen.

Stuttgart - Er ist der jüngste Bundestrainer in der Geschichte des Deutschen Handball-Bundes (DHB). Vor dem EM-Auftakt spricht Christian Prokop über die umstrittene Kadernominierung, seine Spielphilosophie und seine wichtigen Ratgeber aus der Familie.

Herr Prokop, der Aufschrei in der Öffentlichkeit nach Ihrer Kadernominierung war groß.
Ich verstehe die Kritik in der breiten Öffentlichkeit, erwarte aber auch, dass der jetzige 16-er Kader respektiert und unterstützt wird.
Da Sie Ihren ehemaligen Leipziger Spieler Bastian Roscheck für Finn Lemke als Abwehrchef nominiert haben, wird Ihnen eine Entscheidung durch die Vereinsbrille vorgeworfen.
Die Entscheidung, vier Spieler vorerst nicht mit nach Kroatien zu nehmen, ist mir sehr schwer gefallen, weil alle sich mit ihren Stärken eingebracht haben. Der Hauptgrund für die Nichtberücksichtigung von Finn Lemke liegt einzig und allein im taktischen Bereich. Mehr möchte ich zu diesem Thema nun nicht mehr sagen.
Der Erwartungsdruck ist hoch. Sie werden bei Ihrem ersten großen Turnier als Bundestrainer am Titelgewinn 2016 gemessen.
Das weiß ich. Und ich muss schon sagen, dass es mich sehr stört, wenn genau das als einziges Ziel an uns herangetragen wird. Dieser EM-Titel wurde nach 2004 gerade mal zum zweiten Mal für unser Land geholt - und das sehr, sehr unerwartet. Es ist keine Selbstverständlichkeit, den Gewinn einer Europameisterschaft als Ziel auszusprechen.
Aber als Titelverteidiger und nach den starken Testspielen gegen Island gehören Sie zu den Topfavoriten.
Wir haben eine hohe Identifikation mit dem maximalen Erfolg. Wir wissen aber auch, dass uns Demut gut zu Gesicht steht.
Weil gerade bei einer EM die Leistungsdichte ungemein hoch ist?
Das ist der Punkt. Die Weltspitze ist extrem eng beieinander. Acht Nationen können in Kroatien den Titel holen. Da braucht man auch das gewisse Quäntchen Glück, das wir uns hoffentlich erarbeiten. Aber es wäre vermessen, nur dann von einer erfolgreichen EM zu sprechen, wenn wir den Titel verteidigen.
Wann wäre die EM denn erfolgreich für Sie?
Erfolgreich wäre es, wenn wir das Halbfinale erreichen. Doch das wird ein harter Weg. In der Vorrunde geht es gleich gegen drei Gegner vom Balkan: Montenegro, Slowenien und Mazedonien haben Heimvorteil, sie werden daraus Stärke und Energie ziehen und bis in die Haarspitzen motiviert sein. Es warten große Herausforderungen auf uns.
Da sind Bad-Boy-Qualitäten gefragt.
Mit Sicherheit. Wir müssen mit heißem Herzen alles in die Waagschale werfen. Da braucht es auf jeder einzelnen Position den unbedingten Willen, Zweikämpfe zu gewinnen. Das funktioniert nur mit einem hohen Maß an Mentalität, Einstellung, Aggressivität, Disziplin und auch Tempo.
Klingt ähnlich wie die Philosophie von Rolf Brack, dem Trainer von Frisch Auf Göppingen?
Da sind mit Sicherheit viele Parallelen zu sehen. Gerade wenn ich auch an taktische Disziplin beim Thema siebter Feldspieler denke.
Wie gehen Sie persönlich mit dem hohen Druck um?
Ich glaube, wir Sportler machen uns einen gesunden Druck selbst. Wir wollen uns für intensive Arbeit belohnen und erfolgreich sein. Wir alle sind hungrig nach Erfolg.
Als Bundesligatrainer standen Sie oft im Mittwoch-Samstag-Rhythmus an der Linie. Wie haben Sie die Umstellung hinbekommen?
Durch die viermonatige Doppelfunktion als Bundesligacoach in Leipzig und Bundestrainer hatte ich einen fließenden Übergang. Jetzt ist das Aufgabengebiet vielschichtiger, aber hochinteressant.
Können Sie in Leipzig noch unbehelligt durch die Straßen gehen?
Weitestgehend ja, und das ist mir auch ganz recht so. Ein Jogi Löw oder auch RB-Trainer Ralph Hasenhüttl müssten sich dagegen schon die Mütze tief ins Gesicht ziehen, um nicht erkannt zu werden.
Also hat sich Ihr Leben gar nicht groß verändert?
Nicht nennenswert. Ich bin flexibler, weil ich nicht mehr jeden Abend eine Vereinsmannschaft trainiere. So war auch Anfang Oktober mal ein Griechenland-Kurzurlaub möglich. Doch insgesamt bin ich viel für den deutsche Handball unterwegs, habe repräsentative Aufgaben, und ich beobachte permanent das nationale und internationale Handballgeschäft.
Wenn keine Lehrgänge oder Spiele sind, sehen Sie Ihre Familie dennoch häufiger?
Ja - das ist so. Es liegt auch mal ein Zoo- oder Schwimmbadbesuch drin. Wir sitzen öfter gemeinsam beim Abendessen zusammen. Ich kann meine Kinder häufiger ins Bett bringen.
Sie dürften mächtig stolz sein auf den Bundes-Papa.
(lacht) Mein Sohn ist mit einem Jahr noch zu klein. Aber meine Vierjährige trägt voller Stolz ein Deutschland-Trikot mit ihrem Namen und ihrer Wunschnummer vier.
Wie sehr fiebert Ihre Frau Sabrina mit?
Wir haben uns beim Sportstudium kennengelernt. Sie ist sehr sportinteressiert und unterrichtet als Grundschullehrerin auch Sport. Sie unterstützt mich, wo immer Sie kann. Sie genießt es auch und versucht bei allen Spielen live vor Ort zu sein.
Sprechen Sie mit ihr auch über Taktik?
Über taktische Details sprechen wir nicht, aber über wichtige andere Dinge.
Zum Beispiel?
Über pädagogische Dinge: Charaktere, Emotionalität und solche Sachen. Das ist für den Teamsport fast noch wichtiger als taktische Aspekte. Gerade wenn in einer Nationalmannschaft Spieler aus verschiedenen Vereinen für eine bestimmte Zeit zusammenkommen.
Ihr Vater Heinz war auch Handball-Trainer. Welche Rolle spielt er für Sie?
Mein Vater ist mein wichtigster Ratgeber. Er hat mit seinem Verhalten mir wichtige Dinge im Leben vorgelebt. Gerade Ehrlichkeit, Offenheit und die Förderung des Teamgeists waren hier zentrale Punkte.
Wie würden Sie Ihren Führungsstil skizzieren?
Ich achte auf Disziplin und dass die Vorgaben, die wir uns über das Videostudium und Training erarbeitet haben, eingehalten werden. Gleichzeitig haben aber auch die Spieler Freiheiten, um ihre individuellen Stärken und Kreativität einzubringen. Außerhalb des Handballs bin ich offen für die Belange der Spieler.
Wie halten Sie sich persönlich fit?
Ich laufe. Wegen meiner Knieverletzung allerdings nur einmal in der Woche acht Kilometer. Zu meinen Hobbys Tennis und Tischtennis komme ich leider auch als Bundestrainer nicht.
Deutschland hat keinen Superstar im Rückraum, der im Alleingag ein Spiel entscheiden kann. Ist das ein großer Nachteil?
Nein. Im Gegenteil. Mir gefällt es, dass wir keinen Superstar haben. In dieser Konstellation sind wir schwerer ausrechenbar.
Die Teamorientierung steht über allem?
Ja. Dazu kommen Emotionalität und taktische Finesse. Auch die Testspiele gegen Island haben gezeigt, dass wir ungemein vielseitige Spieler im Rückraum haben. Da ist Wurfgewalt und Durchsetzungskraft dabei, aber eben auch spielerische Leichtigkeit, Schnelligkeit - die komplette Bandbreite. Das ist eine sehr gute Ausgangsposition. Wir sind schwerer ausrechenbar.
Den Spielmacher alter Schule hat das Team nicht.
Deutschland wurde 2016 Europameister und holte Olympia-Bronze mit einem unglaublich guten spieltaktischen Strategen: Martin Strobel war der verlängerte Arm von Dagur Sigurdsson. Den haben wir nicht mehr, diese Rolle müssen andere auf ihre eigene Art übernehmen und sich entwickeln.
Sind die klassischen Spielmacher eine aussterbende Spezies?
Grundsätzlich sind die Rückraum-Mitte-Spieler torgefährlicher geworden, doch das ist von Nation zu Nation verschieden. Wir müssen unseren Weg finden, und wir haben auch Spieler mit strategischen Fähigkeiten. Klar ist: Jede Mannschaft braucht einen Takt- und Impulsgeber, der die richtigen Aktionen ansagt.
Welches Team hat überhaupt noch individuelle Weltklasse?
Frankreich hat Nikola Karabatic, Dänemark Mikkel Hansen, auch der Norweger Sander Sagosen hebt sich deutlich von seinem Team ab. Montenegro hat in Vuko Borozan von Champions-League-Sieger Vardar Skopje eine unglaubliche Waffe.
Sie haben dafür vier Weltklasse-Torhüter...
...um die uns die ganze Welt beneidet.
Jogi Bitter vom TVB 1898 Stuttgart wird aber nur zum Einsatz kommen, wenn sich Andreas Wolff oder Silvio Heinevetter verletzt?
Ich war wahnsinnig froh, dass Jogi für den 28er Kader zusagte. Er ist eine Riesenbereicherung für das Team. Wegen seiner Verletzung kann er erst Mitte Januar wieder zu 100 Prozent fit sein. Von daher steht er Gewehr bei Fuß.
Wo sind Sie am 28. Januar 2018?

Ich hoffe, dass wir an diesem letzten EM-Tag um die Medaillen spielen. Wie gesagt, selbstverständlich ist das aber nicht.

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