Trainer Markus Baur wird das Saisonziel mit Frisch Auf Göppingen deutlich verfehlen. Foto: Baumann/Alexander Keppler

Mit dem Spiel am Sonntag beim VfL Gummersbach endet die Zeit von Trainer Markus Baur bei Handball-Bundesligist Frisch Auf Göppingen. Im Interview zieht der Weltmeister von 2007 Bilanz und blickt nach vorne.

Am 30. November 2022 löste Markus Baur beim Handball-Bundesligisten Frisch Auf Göppingen Hartmut Mayerhoffer als Trainer ab. Zwölf Monate später wurde bekannt, dass sein am Saisonende auslaufender Vertrag nicht verlängert wird – und Ben Matschke sein Nachfolger wird, was seine Arbeit nicht leichter machte. Am Sonntag (16.30 Uhr) im Spiel beim VfL Gummersbach sitzt der Weltmeister von 2007 letztmals auf der Frisch-Auf-Bank.

 

Herr Baur, mit welchen drei Worten würden Sie Ihre Zeit bei Frisch Auf beschreiben?

Ich nehme vier Worte: mit Höhen und Tiefen.

Unterm Strich steht Platz 14 in der vergangenen Saison, nach dem peinlichen 22:32 im letzten Heimspiel gegen die MT Melsungen droht jetzt sogar Rang 15 oder 16. Das Saisonziel Top Ten wurde klar verfehlt. Damit können Sie doch überhaupt nicht zufrieden sein.

Wir alle können insgesamt sicher nicht zufrieden sein. Wir sind 2022/23 aber auch ins Final Four der European League eingezogen. Das zeigt, dass wir bei den Highlights gegen die Topteams richtig gute Spiele gemacht haben. Auch in dieser Saison haben wir zum Beispiel Flensburg geschlagen und bei den Füchsen gepunktet. Gegen die nicht ganz so guten Gegner leisteten wir uns dann aber zu viele ernüchternde Auftritte und Ergebnisse.

Wie erklären Sie sich die zwei Gesichter?

Natürlich spielt da auch der Kopf eine Rolle. Man muss immer mit maximaler Vorbereitung und Einsatz in jedes Spiel gehen, ansonsten kann es in dieser starken und ausgeglichenen Liga schnell zu unliebsamen Überraschung kommen.

„Wollt ihr mich vera. . .“, haben Sie in einer Auszeit mal gebrüllt.

Wenn man weiß, dass eigentlich mehr drinsteckt in einer Mannschaft, dann bringt einen das zur Weißglut. Man kann einfach nicht in ein Spiel gehen nach dem Motto: Jetzt schauen wir mal, wie es wird.

Oder fehlte es einfach an der Qualität?

Um konstant gute Leistungen abzuliefern, muss im Gesamtpaket eine hohe Qualität vorhanden sein. Von daher ist die Frage berechtigt. Als ich kam, stand der Kader. Auch für die folgende Saison liefen nur zwei Neuzugänge über meinen Schreibtisch. Zudem darf man nicht vergessen, dass wir immer wieder personelle Rückschläge zu verkraften hatten.

„Frisch Auf ist eine Hausnummer im Handball“

Die hatten andere Teams auch.

Klar, aber für mein Team ist zum Beispiel Sebastian Heymann ein ganz wesentlicher Bestandteil in Abwehr und Angriff. Wenn so jemand immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen hat, dabei mit Josip Sarac ein zweiter zentraler Spieler phasenweisen nicht einsetzbar ist, gehen dadurch sehr viel Qualität und Konstanz verloren.

Sie kannten Frisch Auf aus der Ferne. Was hat Sie als Trainer am meisten überrascht?

Frisch Auf ist einer der Traditionsvereine Deutschlands, eine echte Hausnummer im Handball. Aber was derzeit herauskommt an Ergebnissen, entspricht nicht dem, was eigentlich möglich wäre.

Woran liegt das?

Das könnte eventuell den Rahmen des Interviews sprengen (lacht). Deshalb bitte ich um Verständnis, dass ich da nicht näher darauf eingehen möchte.

Was nehmen Sie persönlich mit aus den eineinhalb Jahren?

Viele nette Menschen, die mich, die uns unterstützt haben. Die Begeisterungsfähigkeit der Fans, die aber bei schwachen Leistungen auch mal umschlagen kann. Wobei wir als Mannschaft dies auch selbst zu verantworten hatten.

Ansonsten?

Ich musste mich ja innerhalb kürzester Zeit für den Trainerjob bei Frisch Auf entscheiden. Im Nachhinein ziehe ich die Lehre, dass man vorbereiteter und mit noch mehr Detailwissen über Mannschaft und Verein eine solche Tätigkeit antreten sollte. Damit man in der Folge einfach auch mehr Möglichkeiten hat, in bestehende Strukturen eingreifen zu können.

„Vor TVB zu landen ist für mich kein Saisonziel“

Frisch Auf droht in der Abschlusstabelle erstmals hinter dem TVB Stuttgart zu landen. Welche Rolle spielt das?

Ich gehe in keine Saison, um vor einer speziellen Mannschaft zu landen. Wenn wir am Ende 13. werden und der TVB 14., wäre ich auch nicht zufrieden. Vor einem Lokalrivalen zu landen ist für mich kein Saisonziel, für den einen oder anderen im Verein mag das eventuell anders sein.

Frisch Auf war jahrzehntelang der Platzhirsch in Württemberg. Steht kurz- und mittelfristig eine Wachablösung bevor?

Schwer zu sagen. Die Teams sind auf Augenhöhe. Die Etats liegen in einem ähnlichen Bereich. Es dürfte spannend bleiben.

Der Umbruch unter Ihrem Nachfolger Ben Matschke wird so krass wie seit sehr langer Zeit nicht mehr. Chance oder Risiko?

Es ist eine Chance dahingehend, dass viele Verträge ausgelaufen sind, der Verein sich neu aufstellen kann, sich so ein neues Spielsystem mit einer schnellen, skandinavischen Note einführen lässt. Ob es ein Risiko ist, wird sich zeigen.

Besteht die Gefahr, in den Abstiegsstrudel zu kommen?

Das weiß man nicht, es kann vieles passieren in dieser Liga. Die Aufsteiger werden jung und hungrig sein und viele Teams ärgern wollen. Aber Frisch Auf hat eine Mannschaft beisammen, in der die Einzelspieler schon gezeigt haben, dass sie Qualität haben. Wenn sie zu einer Einheit zusammenwachsen, kann die Mannschaft auch positiv überraschen. Das Ganze hat ein bisschen was von einer Wundertüte.

Kapitän Tim Kneule hätte dem Team als erfahrende Säule gutgetan?

Er hat selbst entschieden, nach 18 Jahren aufzuhören. Unglaublich, was er geleistet hat. Faszinierend, wie er in jedem Training am Kabel gezogen hat. Es war eine Riesenfreude, ihn zu trainieren, so einen Spieler wünscht sich jeder Trainer. Wie ihn die Fans bei seinem letzten Heimspiel gefeiert haben – das hat er sich mehr als verdient.

„Kneule könnte man dringend gebrauchen“

Vorerst bleibt er dem Verein nicht erhalten.

Das löst bei mir schon ein bisschen Verwunderung aus. Ich finde, einen Mann mit seinen Verdiensten, seinen Charaktereigenschaften und seinem fachlichen Wissen hätte man einbinden müssen. Seine Qualitäten könnte man dringend gebrauchen.

Was sind Ihre sportlichen Zukunftspläne?

Ich bin nach vielen Seiten offen. Wahrscheinlich werde ich erst einmal pausieren. Ich muss sagen, die letzten fünf Monate waren sehr intensiv und nicht immer einfach für mich. Weil man gemerkt hat, dass sich die Kommunikation untereinander verändert hat.

Was trauen Sie den deutschen Handballern bei den Olympischen Spielen zu?

Olympische Spiele sind etwas ganz Spezielles. Wichtig wird sein, sich in der Vorrunde eine gute Ausgangsposition zu erspielen, um im Viertelfinale Dänemark und Frankreich aus dem Weg zu gehen. Dann wird auch für das deutsche Team alles möglich sein.

Zur Person

Karriere
Markus Baur wurde am 22. Januar 1971 in Meersburg geboren. Er bestritt 228 Länderspiele für Deutschland, wurde Europameister 2004 und war Kapitän des Weltmeisterteams von 2007. Er spielte für den VfL Pfullingen, die SG Wallau-Massenheim, den TV Niederwürzbach, die HSG Wetzlar, den TBV Lemgo und Pfadi Winterthur (Spielertrainer). Als Coach lauteten seine Stationen TBV Lemgo, TuS N-Lübbecke, Kadetten Schaffhausen, deutsche Junioren-Nationalmannschaft, TVB Stuttgart und seit 30. November 2022 (und noch bis zum Saisonende) Frisch Auf Göppingen.

Persönliches
Baur ist verheiratet mit Marion. Das Paar hat drei Kinder, Chiara (24) spielt Handball beim HC Schmiden/Oeffingen in der Baden-Württemberg Oberliga, Mika (19) Fußball beim SC Freiburg II und in der deutschen U-20-Nationalmannschaft, Kimi (16) ist auch Fußballer im NLZ des SC Freiburg. Hobbys: Skifahren und Tennis. (jüf)