Obwohl mit dem erfahrenen Ivan Pesic ein dritter Keeper nachverpflichtet wurde, kassiert kein Handball-Bundesligist mehr Gegentreffer als der TVB Stuttgart. Liegen die Schwierigkeiten in der Defensive an der Abwehrphilosophie des neuen Trainers Roi Sanchez?
Stuttgart - Eigentlich braucht sich Roi Sanchez über die Unruhe rund um den TVB Stuttgart nicht groß zu wundern. Die Mannschaft hat die mit Abstand meisten Gegentore in der Handball-Bundesliga kassiert, steht auf dem drittletzten Tabellenplatz, und die beiden Clubs dahinter, der HBW Balingen-Weilstetten und GWD Minden, haben am Wochenende mit überraschenden Punktgewinnen den Rückstand verkürzt. Trotz der deutlich verschärften Lage ist dem Spanier „zu viel Drama“ im Umfeld des Clubs. „Wir können jetzt cool bleiben oder in Panik verfallen“, sagt er.
Wenn der TVB nach der 37:40-Heimniederlage gegen den TBV Lemgo gut beraten ist, wählt er den goldenen Mittelweg. Es muss nicht gleich die komplette Philosophie über den Haufen geworfen werden, doch fest steht: Bekommt der Club die eklatanten Defensivprobleme nicht in den Griff, steht nach sieben Jahren Bundesliga am Saisonende der Abstieg.
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Als sich der TVB bereits auf dem Weg zur Schießbude Nummer eins der Liga befand, reagierte Geschäftsführer Jürgen Schweikardt im November mit der Nachverpflichtung eines erfahrenen dritten Torwarts. Der kroatische Nationalkeeper Ivan Pesic kam vom weißrussischen Champions-League-Club Meshkov Brest, konnte die Probleme bisher aber auch nicht grundlegend beheben. Der 32-Jährige hielt entscheidende Bälle beim 32:27-Sieg beim HC Erlangen und zeigte 14 Paraden beim 35:31 gegen GWD Minden, in den restlichen Spielen konnte auch er nicht überzeugen. „Wir waren nach der Analyse der ersten zehn, elf Spiele praktisch gezwungen, im Tor etwas zu machen“, sagt Schweikardt. Die Hierarchie zwischen den Pfosten ist dadurch allerdings vollkommen durcheinandergewirbelt worden. Der vor der Saison vom SC Magdeburg gekommene Tobias Thulin (26) war als klare Nummer eins vorgesehen. Der Pesic-Transfer kam schlicht und ergreifend einem Vertrauensentzug gleich. Zumal im DHB-Pokal-Achtelfinalspiel bei den Rhein-Neckar Löwen, wie verabredet, Primoz Prost im Tor stand. Der 38-jährige Slowene hielt bei der 30:35-Niederlage vor der Pause überragend, ließ dann aber nach und saß danach wieder auf der Bank.
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Ob auf dem Torhüterkarussell nicht drei einer zu viel sind? „Wir setzen auf den Konkurrenzkampf. Der ist im Profisport doch völlig normal“, antwortet Schweikardt. Es hätte nach der Verpflichtung von Pesic durchaus Anfragen von anderen Vereinen für Thulin und Prost gegeben. Der TVB entschied sich aber, keinen der beiden abzugeben. Ob sich daran in der EM-Pause möglicherweise etwas ändert, dazu wollte sich Schweikardt nicht äußern.
Ohne zu früh den Stab über das sportliche Leistungsvermögen von Thulin zu brechen, eines muss sich der TVB vorwerfen lassen: Das Risiko, den ruhigen und introvertierten Schweden (Typ schüchterner Schulbub) als Ersatz für den emotionalen Leader Johannes Bitter zu verpflichten, war enorm hoch. Denn größer hätte der Kontrast nicht sein können. Und die Aussichten über die Saison hinaus sind auch nicht besonders prickelnd: Stand heute stehen in Thulin und dem ab 2022/23 verpflichteten Miljan Vujovic (21/RK Celje) zwei junge Torhüter unter Vertrag. Pesic hat längst beim HBC Nantes einen Dreijahreskontrakt unterschrieben. Prosts Abgang steht ebenfalls seit Wochen fest.
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Das Dilemma beim TVB nur auf die Keeper zu reduzieren wäre aber viel zu kurz gesprungen. Im Handball kommt dem Zusammenspiel mit der Abwehr entscheidende Bedeutung zu. Und bei diesem Thema kommt das neue Deckungssystem von Trainer Roi Sanchez ins Spiel. Die Philosophie des Spaniers sieht vor, Passwege zuzustellen, Räume offensiv zu verteidigen, viel zu antizipieren, Bälle zu klauen. Darunter leidet die Kompaktheit, besonders im Innenblock. Die nicht besonders beweglichen Abwehrhünen Dominik Weiß und Samuel Röthlisberger sind dadurch häufiger Eins-gegen-eins-Situationen ausgesetzt, ihre Blockqualität kommt, anders als in einer defensiveren 6:0-Abwehr, weniger zum Tragen. Hat Sanchez also nicht die passenden Spieler für sein System, hält er zu stur an seinem Konzept fest? „Ich glaube an mein System, wir haben auch schon gezeigt, dass wir es besser können, aber wir brauchen Zeit“, sagt der 37-Jährige. Zeit, die er mit Sicherheit nicht im Überfluss besitzt – auch wenn eine Niederlage am Mittwoch beim THW Kiel zunächst kein Drama wäre.
Jan Forstbauer soll kommen
Transfer
Der Abgang von Torjäger Viggo Kristjansson (28) am Saisonende zum SC DHfK Leipzig steht seit vielen Wochen fest. Bei der Suche nach einem Ersatz scheint der TVB Stuttgart beim HSV Hamburg fündig geworden zu sein: Nach Informationen unserer Redaktion steht Linkshänder Jan Forstbauer (29) vor einer Rückkehr zum TVB. Der Vertrag des gebürtigen Stuttgarters beim HSV läuft am Saisonende aus.
Derby
Nach dem Spiel an diesem Mittwoch (19.05 Uhr) beim THW Kiel steht für den TVB das Derby bei Frisch Auf Göppingen an (26. Dezember, 16 Uhr). Frisch Auf spielt zuvor am Mittwoch (19.05 Uhr) in Hannover. (jüf)