Die Frisch-Auf-Spieler jubeln ausgelassen über ihren zweiten Sieg innerhalb von drei Wochen über die Rhein-Neckar Löwen – Mannheims Kreisläufer Jannik Kohlbacher geht enttäuscht vom Spielfeld. Foto: imago//Oliver Zimmermann

Die Handballer von Frisch Auf Göppingen mischen die Bundesliga auf und überraschen auch beim 32:31 bei den Rhein-Neckar Löwen. Die Gründe für den Aufschwung sind vielschichtig.

Mannheim/Göppingen - Sie hatten schon mit 16:8 geführt, am Ende wurde es für den Handball-Bundesligisten Frisch Auf Göppingen noch einmal richtig eng, doch es reichte zu einem 32:31 (17:15) bei den Rhein-Neckar Löwen. Es war der vierte Sieg in Serie – wir nennen die Hauptgründe des Aufschwungs.

 

Sebastian Heymann „Ich habe nicht mein bestes Spiel gemacht, aber als es drauf ankam, war ich da.“ Und wie! Als es zwei Sekunden vor Schluss noch einen Freiwurf für Frisch Auf gab, stieg Heymann hoch und wuchtete den Ball mit seinem dritten Tor zum Siegtreffer ins Netz der Löwen. Es ist nicht nur diese Wurfgewalt, die diesen 23-jährigen Modellathleten zu einem interessanten Spieler in Europa macht, es ist auch sein Spielverständnis, sein Auge für den Mitspieler und seine Abwehrqualitäten im Innenblock. Der 1,98-m-Mann profitiert nun von seiner Entscheidung, auf die WM zu verzichten. Er ist topfit und könnte im Olympia-Qualifikationsturnier vom 12. bis zum 14. März in Berlin zu einem wichtigen Faktor für Deutschland werden. Bleibt die Frage: Wie lange spielt dieser Mann noch für Frisch Auf? Fest steht: Er hat einen Vertag bis 2022, und natürlich würde der Verein liebend gerne vorzeitig verlängern. Heymann wartet erst mal ab, was die nächsten Wochen und Monate bringen. Bisher ist nur das Interesse der Rhein-Neckar Löwen durchgesickert.

Tim Kneule überragend

Mentalität In der Hinrunde lebte das Angriffsspiel von der Kreativität von Janus Smarason. Dass der Spielmacher seit der WM-Pause wegen einer Schulteroperation ausfällt, macht die Erfolgsserie noch erstaunlicher. „Jeder einzelne Spieler hat in Sachen Einstellung und Kampf noch mal fünf Prozent draufgepackt“, sagt Kresimir Kozina. Er ist gemeinsam mit Kreisläuferkollege Jacob Bagersted der emotionale Anführer des Teams. Hinzu kommt Teamplayer Tim Kneule, der im Angriff Smarasons Rolle übernommen hat und vor allem in Mannheim (sechs Tore) einen überragenden Auftritt ablieferte. Trotz seiner 34 Jahre ist das Urgestein (seit 2006 bei Frisch Auf) physisch in einem Topzustand. „Die Mannschaft hat in der WM-Pause auch in diesem Bereich überragend gearbeitet“, lobt der Sportliche Leiter Christian Schöne. Zudem trägt Trainer Hartmut Mayerhoffer mit einer klugen Wechselstrategie zu einem Verteilen der Kräfte bei. Er stellte sich in schlechten Phasen immer vor die Mannschaft, was sie ihm nun zurückzahlt.

Kastelics Schlüsselparade

Torwart Es gibt im Sport Schlüsselszenen, die über den Verlauf einer Saison ganz wesentlich entscheiden. Die Glanzparade von Urh Kastelic, die beim ersten Spiel 2021 kurz vor Schluss gegen die Eulen Ludwigshafen einen Rückstand verhinderte, gehört mit Sicherheit dazu. Frisch Auf kam am Ende zu einem 24:22-Arbeitssieg und setzte in den erfolgreichen Spielen danach auch spielerische Glanzlichter. Überhaupt scheint Kastelic, nachdem er schon als Fehleinkauf galt, in Göppingen angekommen zu sein. Der slowenische Nationaltorwart hatte zuletzt deutlich mehr Spielanteile als Daniel Rebmann.

Signal ans Team

Verpflichtungen In den vergangenen Jahren war der Kader traditional auf Kante genäht. Nach den Ausfällen von Smarason und Marco Rentschler (Pfeiffer’sches Drüsenfieber) hat der Verein aber reagiert und in Rechtsaußen Josip Bozic-Pavletic und Spielmacher Gunnar Stein Jonsson zwei international erfahrene Spieler nachverpflichtet. Dies war ein wichtiges Signal an die Mannschaft, die Saison nicht auslaufen zu lassen, sondern noch einmal Richtung oberes Tabellendrittel anzugreifen. Auch der Transfer von Rückraum-Allrounder Josip Sarac für die neuen Saison zeigt, dass Frisch Auf – mit dem neuen Hauptsponsor Teamviewer im Rücken – nach Höherem strebt. Denn schon vor der Verpflichtung des kroatischen Nationalspielers waren alle Positionen im Kader doppelt besetzt.

Konstanz im Ligaalltag

Aussichten Dass Frisch Auf im Gegensatz zu Mitkonkurrenten um die Europapokalplätze keine aktuelle internationale Belastung hat, ist ein Vorteil. Entscheidend wird sein, dass die Mannschaft nicht nur bei außergewöhnlichen Spielen wie gegen die Löwen, sondern auch im Ligaalltag konstant gute Leistungen abrufen kann.

Info: So geht’s nach Europa

Champions League:
Die Handball-Bundesliga (HBL) hat zwei garantierte Plätze.

European League:
„Eine verlässliche Regelung gibt es noch nicht. Es ist von drei oder vier Plätzen auszugehen“, teilt HBL-Chef Frank Bohmann auf Nachfrage mit. In der laufenden Saison waren es vier, da Berlin eine Wildcard bekommen hat. Einer der Plätze wird durch den Pokalsieger eingenommen oder durch den unterlegenen Finalisten, sofern sich der Sieger schon über die Liga qualifiziert hat. Unklar ist auch, ob die Startberechtigung für die Titelverteidiger in den europäischen Wettbewerben auf die Länderkontingente angerechnet werden oder nicht.

Fazit: Um ganz sicher in der kommenden Saison europäisch dabei zu sein ist Platz vier nötig. Gegebenenfalls reicht auf Platz sechs.