Handarbeitsgruppe Leonberg Sie stricken wie die Weltmeister

Von Ulrike Otto 

Doris Ruhle (2.v.li.) und die Frauen der Handarbeitsgruppe haben drei Monate an den Flaggen gestrickt. Foto: factum/Granville
Doris Ruhle (2.v.li.) und die Frauen der Handarbeitsgruppe haben drei Monate an den Flaggen gestrickt. Foto: factum/Granville

Die Handarbeitsgruppe im Seniorenzentrum am Parksee hat alle Fahnen der WM-Teilnehmer gestrickt. Diese schmücken nun zwei Wände. Und damit nicht genug: Die ganze Station des Pflegeheims am Stadtpark ist im kollektiven Fußball-Fieber.

Leonberg - Zwei links, zwei rechts, eine fallen lassen. Nein, das ist keine Anleitung für einen Stürmer, um den Verteidiger auszutricksen und dann einen Elfmeter zu schinden, sondern eine zum Stricken. Mit viel Hingabe und Präzision haben die Frauen der Handarbeitsgruppe im Seniorenzentrum am Parksee die Flaggen der WM-Teilnehmer gestrickt.

Wer die Tür der zweiten Etage betritt, wähnt sich nicht im „Strohgäu“, wie die Station heißt, sondern eher in einer Fußballkneipe. Zwei ganze Wände sind mit Fahnen bedeckt. Im Essbereich hängen Fußballtrikots, und der Fernseher steht zum WM-Gucken bereit. Auf Sofas und Sesseln sitzen die Betreuungsassistentin Doris Ruhle und vier ältere Damen und lassen die Stricknadeln klappern. Eine arbeitet gerade an einem Schal in Schwarz-Rot-Gelb, die anderen an Mützen, Armbändern oder Deckchen. Die Flaggen sind dagegen schon fertig. Nur Doris Ruhle legt hin und wieder noch Hand an die Feinheiten.

„Wappen, Sterne und ähnliches stelle ich aus Filz her und bringe sie dann an. Das wäre zu kompliziert zu stricken“, erklärt sie. Ruhle leitet die Handarbeitsgruppe. Die Idee zu den WM-Fahnen hatte aber Wohnbereichsleiter Bernd Holczer. „Ich bin ein großer Fußballfan. Ich habe Fähnchen auf der Wohnstation verteilt. So kam mir die Idee“, erzählt er. Mittlerweile seien alle Bewohner im Fußballfieber.

Bereits im März hat Doris Ruhle mit den Vorbereitungen angefangen. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so lange dauert, aber wir haben wirklich die ganzen drei Monate gebraucht“, berichtet die Betreuerin. Sie malte jede Flagge auf einen Zettel, rechnete am Computer die ungefähre Zahl an Reihen und Maschen aus und schrieb für jede Fahne eine eigene Anleitung.

Diese sind nun alle etwa 70 Zentimeter lang und etwa 23 Zentimeter hoch. „Die eine strickt halt fester, die andere lockerer.“ Kurz vor Beginn der Weltmeisterschaft in Brasilien waren die Fahnen aller 32 WM-Teilnehmerländer fertig – plus eine 33. für die Türkei. „Wir haben hier auch viele türkische Mitarbeiter“, erklärt Holczer. Alle seien nun echte Experten, was die Farben und Formen der Fahnen angeht

Welches die schönste ist? „Alle Fahnen sind schön“, meinen die Seniorinnen. „Die deutsche ist natürlich die schönste. Aber die afrikanischen sind besonders interessant", meint Doris Ruhle. Besonders gut lief die Wolle bei Fahnen mit vertikalen Streifen, etwa bei Belgien oder Frankreich.

„Besonders schwierig waren dagegen die mit ganz vielen kleinen Streifen wie etwa die USA oder Griechenland“, erklärt die Betreuerin. Nachdem alle Flaggen fertig waren, haben die Handarbeitsdamen weitergemacht mit Fanartikeln. Etwa mit gestrickten und gehäkelten Armbändern, Anhängern und Schals, die sie stolz zeigen. „Das ist tunesisch gestrickt“, meint Heidi Vietz, und die Seniorin zeigt strahlend ihren Anhänger, dessen Schlaufe sie an einen Blusenknopf festgemacht hat.

Bei so viel schwarz-rot-goldener Euphorie ist auch die Antwort auf die Frage nach dem künftigen Weltmeister schnell gefunden. „Deutschland natürlich“, sagt Heidi Vietz im Brustton der Überzeugung.

Wenn der Weltmeister am Sonntag, 13. Juli, dann endgültig feststeht, werden die Flaggen zwar wieder abgenommen, aber gut aufbewahrt. „In zwei Jahren ist ja wieder Europameisterschaf. Viele Flaggen wie Deutschland und Italien können wir ja wieder verwenden“, sagt Bernd Holczer. Die noch fehlenden Fahnen werden dann wieder neu gestrickt. „Nur Brasilien hat dann keine Chance mehr“, meint der Wohnbereichsleiter und lacht.

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