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Der deutsche Islamkritiker Hamed Abdel-Samad soll am vergangenen Sonntag in Kairo entführt worden sein. Das ägyptische Innenministerium bestätigte, dass seine „Sicherheitskräfte davon ausgehen, dass in diesem Fall eine Entführung vorliegt“.

Kairo - Der deutsche Islamkritiker Hamed Abdel-Samad soll am vergangenen Sonntag in Kairo entführt worden sein. Das ägyptische Innenministerium bestätigte, dass seine „Sicherheitskräfte davon ausgehen, dass in diesem Fall eine Entführung vorliegt“. Es sei nicht auszuschließen, dass „radikale Kräfte dafür verantwortlich sind“.

Abdel-Samad ist in Deutschland vor allem durch seine Zusammenarbeit mit dem Publizisten Henryk M. Broder in der 14 teiligen TV-Serie „Entweder Broder“ bekannt geworden. Für die Satiresendungen kurvten der in Polen geborene Jude Broder und der aus Ägypten stammende Muslim Abdel-Samad in einem klapprigen Volvo durch Deutschland und Europa. Auf ihrer Reise beschäftigten sie sich augenzwinkernd-kritisch mit Themen wie Antisemitismus, Angst vor dem Islam, Integration von Ausländern und Religion. Für die Serie erhielten Abdel-Samad und Broder 2012 den Bayerischen Fernsehpreis.

Geboren wurde der Publizist 1972 als Sohn eines Imams in Gizeh. Als 23jähriger kam der strenggläubige Muslim und bekennende Muslimbruder Abdel-Samad nach Deutschland und studierte Politik, Geschichte, Englisch und Französisch in Augsburg und München. In München forschte er zum Bild der Juden in ägyptischen Schulbüchern. „Ich bin“, sagte er der Tageszeitung „taz“ 2009, „ein Muslim, der vom Glauben zum Wissen konvertiert ist“.

Hamed Abdel-Samad tauchte in der Millionenmetropole Kairo unter

In seinen Büchern „Der Untergang der islamischen Welt“, „Krieg oder Frieden“ und „Mein Abschied vom Himmel“ setzt sich der 41 Jahre alte Deutsch-Ägypter kritisch mit den aktuellen Entwicklungen im Islam auseinander. Am 4. Juni 2013 vertrat er bei einem Vortrag in der ägyptischen Hauptstadt die These, der Islamismus sei „eine Form des Faschismus“. Der Prophet Mohammed habe den Islam als Glauben und Gesellschaftsmodell mit Gewalt durchgesetzt und damit bereits bei der Gründung des Islams die Basis für Intoleranz und Unterdrückung gelegt. Bereits am nächsten Tag riefen Muslimbrüder wie auch Salafisten im Internet dazu auf, den Sohn eines Imams zu ermorden.

Die Aufrufe blieben nicht auf das Internet beschränkt. Assem Abdel Maged, Führer des politischen Arms der Gruppe Al Gamaa al Islamija, die 1981 für die Ermordung des damaligen Präsidenten Anwar als Sadat verantwortlich war, hetzte vor laufenden Kameras im salafistischen Fernsehsender Al Hafes gegen den deutschen Islamkritiker. Weil er den Propheten beleidigt habe, dürfe Abdel-Samad nicht länger leben, wütete Maged: „Er muss getötet werden, und seine Reue wird nicht akzeptiert.“ Abdel-Samad habe zudem aus freien Stücken die Entscheidung getroffen, aus dem Islam auszutreten.

Unterstützt wurde Hassprediger Maged bei seiner Abdel-Samad-Hatz von Professor Mahmud Schaaban. Der Salafist unterrichtet an der bedeutenden Al-Azhar-Universität. Dadurch erhielt die Drohung des Gelehrten fast den Rang eines religiösen Rechtsgutachtens, einer Fatwa.

Hamed Abdel-Samad tauchte in der Millionenmetropole Kairo unter. Zumal die Hetzer auch Adressen von Orten in der Hauptstadt veröffentlichten, an denen er sich regelmäßig aufhielt. Das ägyptische Innenministerium ließ nach dem Sturz des im deutschen Außenministerium als „moderat“ eingeschätzten Präsidenten und Muslimbruders, Mohammed Mursi, Abdel-Samad von Leibwächtern beschützen, wenn er sich in Ägypten aufhielt.

Auf den verzichtete der Islamkritiker jedoch am Sonntagnachmittag. Abdel-Samad habe, so sein Bruder Mahmud, „einen besonderen Termin“ gehabt, bei dem ihn keine Leibwächter eskortiert sollten.Von unterwegs habe der Bedrohte jedoch einen seiner Beschützer angerufen diesem gesagt, ihm folge ein schwarzes Auto, seit er sein Hotel im Zentrum Kairos verlassen habe. Gegen 16.15 Uhr verlor sich dann jede Spur des Deutschen in der Nähe des Al-Azhar-Parks im Osten der Stadt.

Für übernächste Woche hatte unsere Zeitung mit Hamed Abdel-Samad ein Interview vereinbart. Sein deutsches Mobiltelefon klingelte am Montagnachmittag. Unseren Anruf aber nahm niemand entgegen.

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