Untröstlich: HSV-Profi Heiko Westermann Foto: dpa

Kein Plan, kein Aufbäumen, keine echte Torchance, kaum Laufbereitschaft: Dem Hamburger SV droht der Bundesliga-Abstieg, der erste seiner Clubgeschichte. Es wäre die Chance für eine Erneuerung.

Sinsheim/Hamburg - Und jetzt? Was hilft jetzt noch? So schlapp und blutleer, wie sich die Hamburger Spieler bei der 0:3(0:2)-Niederlage bei der TSG Hoffenheim über den Platz schleppten, hatte das mit Bundesliga-Fußball wenig bis nichts zu tun. Das war, um im hanseatischen Sprachbild zu bleiben, weder Schnellboot noch Tanker – es war die „Titanic“. Gestrandet, gekentert, gesunken. Ein Wrack von einer Mannschaft. Und der Kapitän, der niederländische Trainer Bert van Marwijk, sagte nach zwölf Punkten aus 13 Spielen und dem Sturz auf einen direkten Abstiegsplatz nur: „Ich bin kein Typ, der aufgibt. Aber wenn jemand glaubt, ein anderer kann das besser, muss er das machen.“

Van Marwijk hat gut reden. Er ahnt ja, dass es keiner besser kann als er. Er ist ja auch nicht der Erste, der den Dauerpatienten vergebens aufzupäppeln versucht. Vor ihm hießen die Zampanos auf der Hamburger Experimentier-Bühne Martin Jol, Bruno Labbadia, Armin Veh, Michael Oenning und Thorsten Fink. Alle wurden sie rausgeworfen, fünf Trainer in fünf Jahren. Van Marwijk ist der sechste – und der vorerst letzte zu Bundesliga-Zeiten?

Der Dinosaurier der Liga windet sich in seinem Todeskampf, und das ist schon die dynamischste Bewegung, zu der er fähig ist. Sage und schreibe neun Kilometer liefen die HSV-Spieler weniger als ihre Hoffenheimer Kontrahenten. So viel Lauffaulheit gönnt sich nur ein Club, der seines Daseins als Erstligist überdrüssig ist. Immerhin: Van Marwijk hat den freien Montag gestrichen.

Wie es intern aussieht, wurde nach dem Schlusspfiff deutlich. Erst sprach Kapitän Rafael van der Vaart, der selbst nur noch ein Schatten seiner selbst ist, den Mitspielern die nötige Klasse ab, dann redete van Marwijk den desolaten Auftritt schön und fügte hinzu: „Ich habe mir noch keinen Gedanken über meinen Job gemacht und werde das auch nicht tun.“ Nur sprachliche Schlamperei? Meinte er, er habe sich noch keine Gedanken über das mögliche Ende seines Jobs gemacht? Oder juckt ihn sein Job wirklich nicht? Das würde zumindest den sportlichen Offenbarungseid in Hoffenheim erklären. Entschlossenheit zeigten die Spieler nur, als es darum ging, ihren umstrittenen Trainer zu stützen. „Sein System kennen wir, aber wir spielen katastrophal. Da kann der Trainer nichts dafür“, sagte van der Vaart.

In Hamburg, so scheint es, kann nie irgendjemand etwas dafür, dass es beständig nach unten geht. Dabei lohnt sich der Blick nach oben, in die Führungsetage des zuweilen allzu selbstherrlich wirkenden Vereins. Vorstandschef Carl-Edgar Jarchow, seit März 2011 im Amt, hatte vergangenen Sommer Oliver Kreuzer als Sportchef installiert, gemeinsam haben sie seither die personellen Weichenstellungen und die Einstellung von Bert van Marwijk zu verantworten. So kann Kreuzer gar nicht anders, als sich hinter den Coach zu stellen. „Ständig immer alles auf den Trainer zu schieben, das hat man in den vergangenen Jahren gemacht. Aber das ist der richtige Trainer für diesen Verein.“

Gestützt wird das Führungsduo durch einen Aufsichtsrat, dem der Ruf vorauseilt, so viel vom Fußball zu verstehen wie jeder Kapitän eines Elbkutters. Zwischen allen irrlichtert Klaus-Michael Kühne (76). Zuletzt machte der milliardenschwere Edel-Fan alle mit seinem Versprechen verrückt, er pumpe 100 Millionen Euro in den Verein, wenn dessen Mitglieder die Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung beschließen.

Wo Populisten das Wort führen, fällt das Argumentieren schwer. Deshalb schwebt der Hamburger SV scheinbar immer ein Stück über dem Boden der Realität. Dabei ist es doch so: Die ständige Unruhe, die permanenten Personalwechsel und die ewige Finanznot blockieren alles. Keiner schafft Abhilfe, seit Jahren nur wirres Stimmengezwitscher. Und auf dem Deck spielt die Musik munter weiter wie einst auf der „Titanic“ – bis allen das Wasser über dem Hals steht.

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