Massive Eichenbohlen bilden einen Boden, über den Archäologen rätseln. Klicken Sie sich durch die Bildergalerie. Foto: Peter-Michael Petsch

Wer im Hallschlag beim Römerkastell den Spaten ansetzt, stößt fast unweigerlich auf Spuren der Römer. Deshalb verfolgt der Denkmalschutz Bauarbeiten mit Argusaugen.

Stuttgart - Wer im Hallschlag beim Römerkastell den Spaten ansetzt, stößt fast unweigerlich auf Spuren der Römer. Deshalb verfolgt der Denkmalschutz Bauarbeiten mit Argusaugen. Im Sparrhärmlingweg 6, ge­genüber dem Steigfriedhof, haben Archäologen der Denkmalpflege jetzt einen rund 30 Quadratmeter großen römischen Holzfußboden gefunden. Anlass war der Bau eines Achtfamilienhauses mit Tiefgarage. Im vergangenen Jahr wurde dafür die neuapostolische Kirche abgerissen, im Mai begann der Tiefbau. Dabei stieß man auf alte Gemäuer, und die Archäologen waren am Zug.

1898 und 1950 fanden Archäologen auf Nachbargrundstücken Reste der römischen Siedlung. Parallel zum Sparrhämlingweg verlief die Römerstraße vom Neckar über die Prag und Pforzheim nach Straßburg. Sie war etwa neun Meter breit, mit einem Steinpflaster auf einem bis zu 1,5 Meter dicken Unterbett aus Neckarkies. Hinter der Straße befand sich ein 18 Meter breites und rund 40 Meter langes zweigeschossiges Wohn- und Geschäftshaus eines römischen Händlers. Zwei Meter hohe und 1,20 Meter dicke Mauern gehören zum Keller.

Der Boden ist geneigt und endet in einer hölzernen Wasserrinne

Zu den Funden zählen römische Münzen. Eine zeigt den Kopf des Kaisers Septimius Severus (146–211 n. Chr.). Außerdem fand man Töpferware: Öllämpchen, ein Siegelgefäß und Scherben der vermutlich in Rheinzabern produzierten Luxuskeramik.

Andreas Thiel vom Landesamt für Denkmalpflege und seinen Kollegen gibt vor allem der Fußboden aus dicken Eichendielen Rätsel auf: Er ist geneigt und endet in einer hölzernen Wasserrinne. In einer feuchten, luftdichten Tonschicht hat er überdauert. Thiel: „Das ist einmalig.“ So etwas finde man sonst nur in feuchten Flussbereichen oder an Seen. „Entweder ist der Boden Teil eines frühen römische Holzhauses oder der Unterbelag einer Straße unter einer Tonabdeckung, um das Hochdrängen von Wasser zu verhindern. Als Boden für ein Wasserbecken, wie es Handwerker bei der Metallverarbeitung oder zum Walken von Wolle brauchten, ist er viel zu groß“, sagt Thiel.

Einige Balken nehmen die Forscher mit, um ihr Alter zu untersuchen

Ende des Monats endet die Grabung. Dann wird weitergebaut. Einige Balken nehmen die Forscher mit, um ihr Alter zu untersuchen. Dann legen sie die Fragmente zur Konservierung ein Jahr lang in eine Kunstharzlösung, bis die Wassermoleküle im Holz vollständig durch Kunststoffmoleküle ersetzt sind.

Eine keltisch-römischen Mischkultur, die es in Frankreich und der Schweiz gab und deren Zeugnisse in der Keltenausstellung im Alten Schloss und im Kunstgebäude zu bewundern sind, gibt es in der gesamten Region nicht. „Die Gegend war bis zum Auftauchen der Römer menschenleer“, sagt Andreas Thiel. Cäsar habe in seinem Werk „Der gallische Krieg“ berichtet, die keltischen Helvetier seien von den aus der Elbregion anrückenden Germanen zur Flucht aus Südwestdeutschland veranlasst worden. Thiel: „Die Kelten waren hier schon längst weg, als die Römer kamen.“ Offen ist noch, wann genau sie nach Cannstatt gekommen und wann sie abgezogen sind. „Vielleicht erhalten wir Belege dafür bei weiteren Grabungen im Hallschlag“, hofft Thiele.

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