Dass der Sieger des Mercedes-Benz Junior-Cups in Sindelfingen FC Basel heißt, ist inzwischen weithin bekannt. Es gab im Glaspalast aber noch viele andere Dinge zu beobachten.
Die U19-Fußballer auf dem Kunstrasen genossen ebenso wie die vielen Heinzelmännchen im Hintergrund die zwei restlos ausverkauften Tage beim Mercedes-Benz Junior-Cup im Sindelfinger Glaspalast.
Kein vorzeitiges Geburtstagsgeschenk: Um ein Haar hätte der Holzgerlinger Karl Kempf drei Tage vor seinem 19. Geburtstag mit dem VfB Stuttgart den Titel-Hattrick gefeiert. Doch im Finale wurde der Favorit mit 4:1 vom FC Basel entzaubert. Wie seine beiden älteren Brüder Moritz und Paul-Jona lernte Karl Kampf bei der SpVgg Holzgerlingen das Kicken. Von dort ging es als Achtjähriger zu den Stuttgarter Kickers, und 2023 folgte der Wechsel zu den Roten aus Cannstatt. In der U17 wurde er auf Anhieb Stammspieler, in der U19 warfen ihn dann immer wieder Verletzungen zurück. Was in ihm steckt, zeigte er jetzt. „Als Zuschauer war ich früher oft hier“, genoss Karl Kempf jeden Augenblick. Er war nicht nur wegen seiner drei Treffer eine Triebfeder für die beste Offensive des Turniers. In der Defensive hielt der gelernte Innenverteidiger den Laden zusammen. „Er wird seinen Weg gehen“, ist auch sein Trainer Tobias Rathgeb überzeugt.
Mit dem FC Bayern München im Glaspalast in Sindelfingen
In die Fußballwelt hinaus: Beim TSV Waldenbuch hat Peer Lauster einst seine große Liebe zum Fußball entdeckt. Mittlerweile ist er nach seinen Stationen als Jugendtrainer bei den Kickers und als Leiter der Nachwuchsabteilung bei der SG Sonnenhof Großaspach beim FC Bayern München gelandet. Der 33-Jährige war dort erst U19-Teammanager, dann Koordinator Teammanagement, und seit vergangenen Sommer trägt er die Verantwortung als Teamleiter Spielbetrieb und Management für die Teams bis zur U23. „Auch ich war früher unter den Zuschauern“, so Lauster. „Hier kann man bestehende Kontakte vertiefen und neue knüpfen.“
Stimme des Glaspalast: Sein Markenzeichen sind energiegeladene Moderationen, spontaner Humor und eloquenter Wortwitz. Authentisch und sympathisch unterhielt Kevin Gerwin die Zuschauer. Der 38-Jährige ist Fernsehmoderator, Hallensprecher, Sportkommentator und Komiker in Personalunion. „Der Junior-Cup ist was ganz Besonderes, kein Jugendturnier in Europa hat einen höheren Stellenwert“, findet er. Viele Jahre war er Stadionsprecher beim Karlsruher SC, weit über ein Jahrzehnt ist der Wahl-Badener Hallensprecher bei den Rhein-Neckar-Löwen in der Handball-Bundesliga. Zudem hört man seine Stimme auch bei Länderspielen der deutschen Handballer, bei den Zweitliga-Handballern von MLP Academics Heidelberg und in der Icon-League.
Vorbild: Anderen Mut zu machen hat sich Niklas Luginsland, alias „Niklugi“, zum Ziel gesetzt. Der Lebensweg des beliebten Twitch-Streamers soll als Vorbild dienen für Menschen mit und ohne Behinderung. Der 30-Jährige, der an der seltenen Glasknochenkrankheit leidet, hat schon früh „eine große Leidenschaft für den Verein mit dem Brustring“ entwickelt. Am Finaltag kommentierte er im Livestream viele Begegnungen. Der gebürtige Altensteiger startete eine Karriere als Manager im E-Sports-Bereich und Content Creator beim VfB. Er machte sich zudem in der Szene einen Namen als erfolgreicher Influencer.
Klinke in die Hand: „Wo sieht man sonst so viele Talente auf einem Fleck?“, war Roland Virkus ganz privat im Glaspalast. „Es gibt ein paar ganz gute Jungs hier“, war sich der 59-jährige Ex-Sportgeschäftsführer von Borussia Mönchengladbach einig mit seinem Nebensitzer Lorenz-Günther Köstner, einst als Spieler ebenfalls ein Borusse und später unter anderem Co-Trainer beim VfB Stuttgart.
„Wo sieht man sonst so viele Talente auf einem Fleck? Es gibt ein paar ganz gute Jungs hier.“
Roland Virkus, Ex-Sportgeschäftsführer von Borussia Mönchengladbach
Auslaufmodell? Kaum war es früher Winter, startete der Budenzauber unterm Hallendach. Doch der Hype scheint vorbei zu sein. „Bei uns in der Schweiz gibt es auch nur sehr wenige Hallenturniere“, bedauert Patrik Baumann, Coach des FC Basel. Er wünscht sich wieder mehr solcher Events: „Es ist doch für jeden eine tolle Geschichte, sich mit solch interessanten Teams wie in Sindelfingen zu messen.“
Hall of Fame: Nach so klangvollen Namen wie Manuel Neuer, Mesut Özil und Joshua Kimmich oder Ralf Rangnick, Thomas Tuchel und Sebastian Hoeneß wurde nun auch Nico Willig in die Hall of Fame des Junior-Cups aufgenommen. „Es war ein mega Erlebnis, hier 2024 und 2025 als Trainer mit dem VfB zu gewinnen“, bedeutet diese Auszeichnung dem gebürtigen Tübinger unheimlich viel. „Ich kann es kaum in Worte fassen.“ Bei den Stuttgartern coacht Willig mittlerweile die zweite Mannschaft in der 3. Liga.
Lerneffekt: „Spielerisch und taktisch haben wir überzeugt“, nickte VfB-Trainer Tobias Rathgeb, der vor einem Vierteljahrhundert selbst mitspielte. Genau hingeschaut hat auch der Sportdirektor der Stuttgarter, Christian Gentner. „Was für ein riesiger Pool an Talenten“, meinte Gentner anerkennend. „Als Coach will man viel Mut sehen, genauso wie die Eins-gegen-eins-Situationen vorne wie hinten“, betonte Stefan Ruthenbeck, der auch schon die Profis des 1. FC Köln trainiert hat. Zu den wichtigsten Ausbildern beim FC Bayern München gehört U19-Coach Peter Gaydarov. „Ein außergewöhnlich gutes Turnier mit coolen, spannenden Spielen – hervorragend für die weitere Entwicklung eines jeden Spielers“, gab der 33-Jährige zu Protokoll. Kurz und knackig brachte es Übungsleiter Kevin Brok von Bayer 04 Leverkusen auf den Punkt: „Die Stimmung in Sindelfingen ist gigantisch. In der Halle kann man sich nicht verstecken.“
Klasse Plattform: Heiß begehrt waren auch Autogramme von und Selfies mit Alex Veith, dem Athletiktrainer von Oberligist FSV 08 Bietigheim-Bissingen. Vor allem bei den Youngsters sind die Clips des Influencers mit rund 700 000 Followern auf Instagram und TikTok hat ein Renner. Seine Fitness- und Ernährungstipps wurden schon über elf Millionen mal angeklickt. „Der Junior-Cup ist eine klasse Plattform“, befand er.
Ein Trio vom FC Sao Paulo war schon beim VfB Stuttgart im Probetraining
Neuland: Die Delegation des FC Sao Paulo um Trainer Marcos Cezar Vizolli staunte beim Betreten des Glaspalasts. Dort war es Joaquin dos Santos und Davi Pena Araujo gar zu kühl, sie spielten mit Handschuhen. Die Südamerikaner stellten mit Abstand das jüngste Team. Bis auf ein Duo sind alle erst 16 Jahre jung, ein Trio aus dem Kader war 2025 schon für einen Monat in der VfB-Talentschmiede zum Probetraining. „Bei uns spielt man oft ohne Torwart und vier-gegen-vier auf halb so großen Feldern“, erklärte Simon Stasiak vom dänischen Klub Odense BK. „Manchmal waren wir nicht mit dem Kopf dabei“, ärgerte er sich.
Regelkunde: Damit es während des Junior-Cups keine Irritationen gibt, lud Helmut Ebermann von der Turnieraufsicht im Vorfeld alle Teamverantwortlichen zu einer Sitzung ein und erklärte unter anderem die Vier-Sekunden-Regel beim Eckball und beim Einkick. Aber auch die Spielerpässe wurden da bereits vom Team um Ebermann kontrolliert. „So wie die Spieler sind auch die Schiedsrichter heiß darauf, hierher zukommen“, kümmerte sich Ebermann, der in Dettingen/Erms zu Hause ist, auch darum, welcher Unparteiische welche Partie leiten wird.
Tandem: Auf das eingespielte Team von GSV Maichingen und VfL Sindelfingen war wie immer Verlass. Das Gros der 160 ehrenamtlichen Helfer kümmerte sich ums leibliche Wohl. „Wir sind ganz nah dran“, strahlte Cristian Fiscella, Kapitän der VfL-Zweiten und freute sich, „dass wir auch Selfies machen und Smalltalks halten dürfen“. Der 25-Jährige verfolgt die eine oder andere Karriere aus dem VfB-Talentschuppen ganz genau. Wie die des Sindelfingers Eliot Bujupi, aktuell an den belgischen Klub KVC Westerlo ausgeliehen. „Ich kenn ihn von der Fairplay-Fußballschule“, erläuterte Fiscella. Besonders hat es ihm Tuncay Durna vom VfB angetan: „Er ist für mich der Star der Hinrunde. Der wird seinen Weg gehen.“
Weiter Weg: Viele der VfB-Fans kamen aus der Region, einige auch aus der Ferne. Aus dem 240 Kilometer entfernten Weil am Rhein reiste das Ehepaar Renate und Hans-Peter Schweizer an. „Durch unsere Tochter haben wir unser Herz für den VfB entdeckt“, schilderten die beiden, die sich übers Wochenende in einem Böblinger Hotel einquartierten. „Seit acht Jahren haben wir jetzt schon eine Dauerkarte, schauen uns aber auch Spiele der Zweiten und der Frauen an.“ Aus Liebe zum Verein guckten sie auch dem Nachwuchs zu und waren baff, was der Hallenzauber der A-Junioren alles zu bieten hat.
Mädchen für Alles: Voriges Jahr war Hannes Richter, der in dieser Woche beim Daimler seine Ausbildung als Fachinformatiker beendet, Betreuer von Borussia Mönchengladbach, dieses Mal kümmerte er sich um Bayern München. „Ich bin erster Ansprechpartner für die Mannschaft“, beschrieb der 24-Jährige, der in seiner Freizeit für den SV Leonberg/Eltingen bis rauf in die Landesliga pfeift, seine Tätigkeit. „Ich bin die kompletten drei Tage beim Team. Die Jungs sind alle motiviert und locker drauf“, galt es für Richter einiges zu organisieren – Getränke, Schlüssel für die Kabine und vieles mehr.
Schirmherr: „Immer wenn ich den Glaspalast betrete und die Spiele sehe, denke ich: Was hätte ich dafür gegeben, selbst bei so einem Jugendturnier mitzuspielen“, sagte Cacau, der Schirmherr des Junior-Cups. „Diese Stimmung, dieses Niveau, diese Schnelligkeit, diese Atmosphäre, diese Zuschauer, diese Internationalität“, bekam er bei seiner Aufzählung funkelnde Augen.
34 Mal, also bei jeder einzelnen Auflage seit der Turnierpremiere 1991, hat Klaus-Dieter Medwed in irgendeiner Funktion beim Junior-Cup mitgearbeitet
Immer dabei: Seit der Premiere 1991 hat Klaus-Dieter Medwed bei jedem Junior-Cup ohne Unterbrechung in irgendeiner Funktion mitgeschafft. Der 70-Jährige, der seinen Lebensmittelpunkt von Schönaich nach Kaiserslautern verlegt hat, sah übers Wochenende als Leiter der Teamzone zwar kaum eine Spielszene live, hatte dafür aber wieder viele nette Begegnungen. Späteren Weltstars wie Sami Khedira oder Leroy Sane lief er einst ebenso über den Weg wie dem unvergessenen Gerd Müller oder den Nationaltrainern Jogi Löw und Julian Nagelsmann. Als Sebastian Hoeneß 2019 im Glaspalast noch die Talente des FC Bayern München coachte, war es mehr als ein Smalltalk. „Aus dir wird ein ganz Bekannter“, hat Medwed ihm prophezeit und sollte Recht behalten.