Freie Bahn im Leo-Vetter-Bad: Damit könnte bald Schluss sein. Foto: Kraufmann

Die Stadt Stuttgart will die Öffnungszeiten vieler Hallenbäder massiv reduzieren. Profitieren sollen davon Schüler und Vereine. Der Streit darüber ist in vollem Gang.

Stuttgart - Freitags ist in Plieningen Badetag. Das Hallenbad im südlichsten Stadtbezirk Stuttgarts hat seit längerer Zeit nur noch freitags für die Öffentlichkeit geöffnet – und auch damit könnte es bald vorbei sein. Wenn der Bäderausschuss des Gemeinderats am 29. März die weitgehenden Pläne der Verwaltung absegnet, würden die Öffnungszeiten der städtischen Hallenbäder bald drastisch reduziert werden. Stattdessen sollen Vereine und Schulen mehr Zeit in den Bädern bekommen.

Christian Günther fände das schlimm. Der 51-jährige Steckfelder geht seit Jahren jeden Freitag vor der Arbeit ins Plieninger Hallenbad. „Wir Hobbyschwimmer und auch viele ältere, gehbehinderte Mitschwimmer sind empört, entsetzt, zornig und vor allem traurig“, sagt er. „Wir würden eine Schließung für die Öffentlichkeit wahnsinnig bedauern.“ Ganz ähnlich äußern sich am Freitagmorgen auch zwei Hohenheimer Studenten: „Die Schließung wäre sehr schade. Das Bad ist ein echter Treffpunkt: Dort treffen freitags Familien, ältere Menschen und Studenten aufeinander“, sagt Marius Bunner (25).

59 Prozent aller Grundschüler können nicht schwimmen

Auch zahlreiche Kommunalpolitiker wenden sich gegen die geplante Einschränkung. „Das ist inakzeptabel“, wetterte der Sozialdemokrat Jörg Trüdinger nach einer gemeinsamen Sitzung aller Bezirksbeiräte, bei der Vertreter der Stadt die neuen Pläne präsentierten. Dass demnach das Leo-Vetter-Bad im Sommer für die Öffentlichkeit komplett geschlossen werden solle, sei „eine kalte Dusche für alle Badegäste im Stuttgarter Osten“, schimpfte der Sprecher der SPD-Bezirksbeiratsfraktion. Und: „Wer regelmäßig schwimmen will, der kann sagen: Ich bin dann mal weg.“

Die geplante Neubelegung ist Teil des sogenannten Bäderentwicklungsplans 2030. Der Plan sieht unter anderem vor, die Schwimmfähigkeit von Schülern zu verbessern. Um die sei es nämlich schlecht bestellt, sagt Thomas Ruhland von der DLRG. Er berichtet von einer mittlerweile „erschreckend hohen Quote an Nichtschwimmern“, die von 34 Prozent aller Grundschüler im Jahr 2004 auf 59 Prozent im Jahr 2017 angestiegen sei. „Mir läuft es angesichts dieser Zahlen eiskalt den Rücken runter“, sagt Ruhland.

Es fehlen qualifizierte Schwimmlehrer

Die Gründe dafür seien mannigfaltig. Unter anderem verließen sich Eltern viel zu sehr darauf, dass es die Sportlehrer schon richteten – ein Trugschluss, auch deshalb, weil es zu wenig qualifizierte Schwimmlehrer gebe. Die Wartezeiten für Schwimmkurse seien immens, weil die Wasserflächen begrenzt seien. Ruhlands Schlussfolgerung: Schulen und Vereine brauchen mehr Zeit im Becken.

So sieht es auch der Geschäftsführer der Bäderbetriebe, Alexander Albrand. Im Gegensatz zu Privatpersonen seien Schulen und Vereine auf die Hallenbäder angewiesen. Zusammen mit dem Schulverwaltungsamt habe man die Bedürfnisse aller Nutzer erörtert und mithilfe einer Beraterfirma ein Belegungsszenario entwickelt. Dieses Szenario sieht vor, die öffentlichen Badezeiten der acht Bäder um 132 Stunden pro Woche zu reduzieren, um sie Schulen und Vereinen zur Verfügung zu stellen. In den Hallenbädern in Bad Cannstatt und Plieningen würden Privatleute demnach gar nicht mehr baden können. In den meisten anderen Bädern wie im Leo-Vetter-Bad, in Zuffenhausen oder in Heslach würden ein oder zwei Tage für die Öffentlichkeit ausfallen.

Im Sommer sollen nur noch zwei Hallenbäder offen sein

In den Sommermonaten sollen sogar nur noch zwei Hallenbäder geöffnet bleiben, nämlich Sonnenberg und Zuffenhausen. Von dieser Maßnahme verspricht sich die Stadt, den Fachkräftemangel zu kompensieren, der vor allem im Sommer durch die Öffnung der fünf Freibäder entsteht. „Vereine und Schulen haben einen Mehrbedarf an Zeiten, den wir derzeit nicht decken können“, sagt Albrand. Dagegen sei die Zahl der regulären Badegäste rückläufig. In Plieningen zum Beispiel zähle man im Durchschnitt nur acht Badegäste pro Stunde. Nutze eine Schule das Bad, so seien im Schnitt 70 bis 80 Kinder pro Stunde im Wasser, sagt Albrand. Da gelte es abzuwägen. Die Neubelegung, so sie denn komme, wolle man dann für alle Bürger transparent machen. „Wir wollen jeden Quadratmeter Wasserfläche sinnvoll nutzen.“

Profiteur der Neuausrichtung wäre neben den Schulen die Arbeitsgemeinschaft der Schwimmsport betreibenden Vereine Stuttgarts (AGS) mit 37 Vereinen und 20 000 Mitgliedern. „Die Vereine können heute 1800 Kurse anbieten, mit dem neuen Konzept wären es 2700“, sagt Alexander Wolff, Vorsitzender der AGS. Vor allem in den Zeiten nach 18 Uhr könne ihr Freizeit-, Gesundheits- und Breitensportangebot zur Geltung kommen.

Dennoch ist das Verständnis vieler Bezirksbeiräte begrenzt. Während der Vaihinger CDU-Mann Uli Bayer das Konzept der Verwaltung als „grundsätzlich gut“ bezeichnet, kann Ulrike Holch den Plänen nur wenig abgewinnen. „Ich habe fünf Kinder, und kein einziges hat in der Schule schwimmen gelernt“, sagt die SPD-Rätin aus dem Stuttgarter Süden.

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