Die jüdische Gemeinde in Halle entging knapp einem Massaker. Wie geht man mit dieser Erkenntnis um? Eine Stadt ringt um Fassung – und um Trost.
Halle - Ist das Schreckliche wirklich wahr? Diese Frage beschäftigt viele Menschen in Halle an der Saale. „Als ich heute Morgen aufgewacht bin, brauchte ich erst zwei Minuten, um wieder zu wissen, was passiert ist“, sagt die 29-jährige Christina Feist. Sie gehört zu den Gläubigen, die in der Synagoge in der Humboldtstraße Jom Kippur feierten und nur knapp einem Massaker entgingen. Feist war aus Berlin angereist, um in Halle den höchsten jüdischen Feiertag zu begehen.
Anders als vor Synagogen in anderen Städten stand an diesem Tag vor dem Gotteshaus keine Polizeistreife. Die Gläubigen lasen gerade in der Thora, als sie von draußen Schüsse hörten. „Mit unserer Überwachungskamera konnten wir erkennen, dass jemand getötet wurde“, beschreibt Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Halle, den Blick auf die Straße. Das Opfer war eine 40-jährige Passantin, hingestreckt durch den Rechtsextremisten Stephan B., weil sie zum falschen Zeitpunkt durch die Humboldtstraße ging. Zudem sah Privorozki, wie sich Stephan B. an der hölzernen Eingangstür zu schaffen machte, um unter den Gläubigen ein Blutbad anzurichten. Die Türen hielten stand.
„Ich habe geschrien“
Das ist wohl das größte Wunder. Denn an den Absichten von Stephan B. bestehen keine Zweifel. Der 27-Jährige ist Rassist und Antisemit, wie ein von ihm im Internet hochgeladenes Video der Tat belegt. Er wollte Juden töten, möglichst viele. Neben mehreren selbst gebauten Waffen hatte er vier Kilo Sprengstoff dabei. Die Polizei hätte Stephan B. wohl nicht rechtzeitig stoppen können. Wegen des hohen Feiertags hatte Privorozki als gläubiger Jude sein Handy ausgeschaltet. Um 12.03 Uhr konnte er den Angriff endlich melden. „Ich habe geschrien, es sind so viele Menschen in der Synagoge, es wird geschossen“, schildert er die dramatischen Minuten. Acht Minuten später fuhren die ersten Einsatzkräfte vor, da war der Angreifer schon geflohen.
Frustriert von seinem Misserfolg an der Synagoge setzte sich Stephan B. ins Auto und verließ den Tatort, stoppte aber nach einigen Hundert Metern an dem Imbiss „Kiez Döner“, wo er den 20-jährigen Kevin S. erschoss. Dann lieferte er sich noch einen Schusswechsel mit der Polizei, rund anderthalb Stunden nach Beginn der Tat wird er auf der Flucht gefasst.
Besucher sind den Tränen nahe
Viele Bürger in Halle sind auch am Tag danach überwältigt von der Gewalt, die Stephan B. über ihre Stadt gebracht hat. Vor der Synagoge ist auf der Straße noch das Blut der getöteten Passantin zu sehen. In der Holztür klaffen die Löcher der Schüsse, mit denen sich der Angreifer Zugang zu dem Gotteshaus verschaffen wollte. An einem Haus gegenüber der Synagoge haben die Bewohner ein Transparent aus dem Fenster gehängt: „Humboldtstr. gegen Antisemitismus und Hass“.
An der Mauer, die Synagoge und jüdischen Friedhof umgibt, stehen Kerzen, es werden Blumen niedergelegt. Im Verlauf des Tages kommen immer mehr Hallenser, um ihre Anteilnahme auszudrücken. Einer von ihnen ist Matthias. Er zündet eine dunkelrote Kerze an und hält kurz mit zusammengesunkenen Schultern inne. Es fällt ihm schwer, seine Gefühle in Worte zu fassen. „Das ist schlimm. Deutschland hat eine schlimme Richtung genommen“, sagt der Mittvierziger.
Die Kunststudentin Ruth legt Blumen an der Synagoge nieder. „Das war das, was ich heute Morgen machen musste“, erzählt sie und kämpft mit den Tränen. Besonders betroffen macht sie, dass der in Kampfmontur gekleidete Stephan B. seine Tat mit einer Helmkamera filmte und live im Internet verbreitete: „Furchtbar, dass er denkt, sich dadurch zum Helden machen zu können.“ Ruth geht weiter zum „Kiez Döner“. Auch hier liegen bereits Blumen, brennen Kerzen.
Der Attentäter kannte keine Gnade
In dem dunklen Imbiss blinkt nur eine Lichterkette an dem Regal mit Zigaretten. Die Fensterscheibe ist an einer Stelle durch ein Einschussloch gesplittert. Auf der Glastheke liegt noch ein Döner – zubereitet am Vortag von Rifat Tekin, in dem Moment, als Stephan B. in den Imbiss stürmte. Tekin hat seitdem kaum geschlafen, der Schrecken des vergangenen Tages hat sich tief in das Gesicht des 31-Jährigen eingegraben. Er ist wohl nur knapp dem Tod entgangen.
„Der kam rein, hat die Waffe erst kurz auf mich gehalten. Dann hat er sich zu dem Jungen gedreht“, erzählt Tekin. „Der hat gebettelt: Bitte nicht! Bitte nicht!“ Doch Stephan B. kannte keine Gnade. In dem Moment flüchtet Tekin aus dem Laden, er hört, wie Stephan B. auf Kevin S. schießt. Hilflos sieht Tekin, wie Stephan B. aus dem Laden kommt, eine andere Waffe holt, um weitere Schüsse auf sein Opfer abzugeben. „Seit gestern muss ich nur noch an den Toten denken“, sagt Tekin.
Am Tag nach der Tat mischt sich in die Trauer und Fassungslosigkeit auch Wut. Denn Stephan B. war zwar nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler ein den Behörden unbekannter Einzeltäter, doch mit seinem Hass auf Fremde und Juden ist er nicht alleine in Deutschland. „Ich lasse mir von keiner auf Hass beruhenden Ideologie die Vielfalt der Stadt zerstören, die wir alle lieben!“, hat jemand auf ein Blatt gedruckt, das in einer Klarsichthülle vor dem Imbiss angebracht ist. Karamba Diaby ist Bundestagsabgeordneter der SPD aus Halle, er sieht Wegbereiter für Taten wie die von Stephan B. auch in den Parlamenten. „Rechte Hetze in den Landtagen und im Bundestag sind die Grundlage für Gewalt auf der Straße“, sagt der aus dem Senegal stammende Politiker. Auch Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) macht in Halle klar, dass er in den Reihen der AfD die geistigen Brandstifter für Taten wie diese sieht.
Die Neonazi-Szene ist bekannt
Für Israel Ben-Ami Welt ist der Terrorangriff von Halle keine Überraschung. „Wir verfolgen die Entwicklung in Deutschland seit einigen Jahren. Wir haben so etwas erwartet“, sagt der Chefberater des Krisen- und Sicherheitszentrums vom European Jewish Council. Geraten jüdische Gemeinden in Europa unter Druck, fühlen sich unsicher oder werden zum Ziel von Gewalt, bietet er Unterstützung an. Als er am Mittwoch in Brüssel von den Nachrichten aus Halle erfuhr, machte er sich umgehend auf den Weg. „Das ist kein jüdisches Problem“, sagt Ben-Ami Welt zu den Ereignissen in der Stadt an der Saale. „Das ist ein deutsches Problem.“
Christian Wenzel von der Anwohnerinitiative „Adam-Kuckhoff-Straße Für weltoffene Nachbarschaft!“ hat mit Anschlägen aus der Neonazi-Szene gerechnet, „aber nicht in diesem Ausmaß und auch nicht direkt vor unserer Haustür.“ Die Rechten in Halle, so Wenzel, warnten seit Jahren vor einem geplanten Bevölkerungsaustausch. „Sie verbreiten Verschwörungstheorien und sind in einer starren Männergesellschaft organisiert.“
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier legt am Mittag Blumen vor der Synagogentür nieder. Nach einem Gespräch mit Gemeindevertretern tritt er vor die Kameras aus dem In- und Ausland. „Dieser Tag ist ein Tag der Scham und der Schande“, zeigt sich Steinmeier tief betroffen. Er ruft die gesamte deutsche Gesellschaft auf, jetzt Haltung zu zeigen. „Wir müssen dauerhaft zusammenstehen. Wir müssen jüdisches Leben schützen.“