Fast sechs Stunden haben die Abiturienten des Wilhelms-Gymnasiums in der Schulturnhalle die Deutsch-Klausur geschrieben. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Halbzeit bei den diesjährigen Abiturprüfungen: Am Mittwoch stand die Deutsch-Klausur auf dem Programm. Wie es bislang lief, erzählen Schüler des Stuttgarter Wilhelms-Gymnasiums.

Rund um die Turnhalle an der Degerlocher Albstraße tummeln sich Schüler. Auf der einen Seite wird Basketball gespielt, auf der anderen haben drei Jungs direkt vor dem Halleneingang Abfallkörbe als Tore aufgestellt und kicken. Die gelben Zettel „Abitur – Bitte Ruhe!“ an den Glastüren des Foyers beachten sie nicht.

 

Drinnen herrscht seit gut fünf Stunden angespannte Stille. Seit 9 Uhr wird in der Turnhalle des Wilhelms-Gymnasiums Deutsch-Abi geschrieben. Um 14 Uhr, eine Dreiviertelstunde vor Abgabe, kommt Oliver Holoch heraus. Der 20-Jährige ist entspannt. Dabei ist es bei ihm zunächst nicht gut gelaufen. Zuerst hatte er mit der Erörterung einer literaturwissenschaftlichen Interpretation von Georg Büchners Dramenfragment „Woyzeck“ angefangen, aber dann festgestellt, dass ihn der Text doch „nicht so anspricht“. Nach einer Stunde hat er umgesattelt auf die Gedichte „Nacht“ von Ludwig Tieck und „Fremde“ von Rose Ausländer. „Cool“ findet er, dass es darin um Sehnsucht, Zweifel, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit geht. Zwölf Seiten hat er geschrieben. Oliver Holoch ist mit dem Schriftlichen schon durch, er hat die Leistungskurse Spanisch, Kunst und Deutsch. „Bis jetzt bin ich zufrieden“, sagt er. Nun muss er Ende Juni noch ins Mündliche in Mathe und Ethik. Aber zuerst ist ein bisschen Party angesagt, spätestens am Freitag, wenn die meisten mit der Englisch-Prüfung das Schriftliche hinter sich haben.

Auch Gesche  Timm, 18,  hat sich fürs Thema Woyzeck entschieden. Allerdings brauchte auch  sie  wie  einige  andere ein wenig, bis sie sich in den Interpretationstext eingelesen hatte. Auch sie war früher fertig, die 13 Seiten, die sie geschrieben hat, konnte sie noch gründlich durchlesen. „Lief ganz gut“, sagt sie. Heute Nachmittag könne sie mal „durchatmen“. Aber dann muss sie wieder weiter lernen, am Donnerstag nächster Woche hat sie noch Chemie-Klausur.

Elias Lange hatte vor allem einen Gedanken in den Stunden der Deutsch-Prüfung: „eine rauchen“. Auch der 18-Jährige hat sich für die Gedicht-Interpretation entschieden. Die deutsch-jüdische Exilautorin Rose Ausländer, die auch in Czernowitz im der Ukraine lebte, hat ihn angesprochen. „Ich bin Halbukrainer“, sagt der Abiturient, „da habe ich gedacht, das ist was für mich“.

Einige wirken recht geschafft, als sie nach fast sechs Stunden die Halle verlassen. Romi fühlt sich jedenfalls „ganz schön fertig“. Die 18-Jährige hat ebenfalls das Woyzeck-Thema gewählt, sie ist unsicher und weiß nicht so recht, „was da rauskommt“. Sie weiß auch nicht, ob sie an diesem Tag noch Lust hat zum Feiern. Romi steckt noch die Abiklausur in Wirtschaft vom Montag in den Knochen, auf die sie viel lernen musste. „Das hatte für mich Priorität“, sagt die 18-Jährige.

Was sie nach dem Abi machen wollen, ob einen Beruf lernen oder studieren, wissen die meisten der Schüler noch nicht. Oliver Holoch will erst einmal ein Jahr in Argentinien verbringen, er habe „Familie da unten“. Vielleicht will er auf Lehramt studieren, er hofft aber, dass ihn die Reise „noch auf andere Ideen bringt“. Gesche Timm will sich ein Jahr für ein Praktikum oder fürs Jobben geben und sich in der Zeit „Gedanken machen, welchen Beruf ich ergreifen will“. Sie hat viele verschiedene Interessen. Vielleicht mache sie auch erst einmal eine Ausbildung, hat sie sich überlegt, das Praktische habe sie in der Schule doch vermisst. Wenn man so auf die Schule „fokussiert“ sei, habe man für die Studien- oder Jobwahl nicht den Kopf frei. Das geht den meisten in der Klasse so.

Elias Lange hat fürs Jahr eins nach dem Abi schon einen Plan. Der 18-Jährige will zur Orientierung ein FSJ in Frankreich machen oder dort jobben, am besten in Paris. „Meine Traumstadt“ sagt er. Die französische Sprache sei seine „Leidenschaft“. Drum will er sich noch mal gut auf das Französisch-Abitur am Freitag nächster Woche vorbereiten, dem letzten Tag der schriftlichen Prüfungen.

Und Romi hat vor, ein Jahr als Au Pair zu gehen und sich zu orientieren. Sie will etwas machen, „bei dem man mit Menschen zu tun hat und nicht den ganzen Tag rumsitzt“, sagt sie. „Das habe ich zwölf Jahre gemacht.“