Tiefrote Zahlen schreibt der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) im ersten Halbjahr 2020. Sowohl die Zahl der Fahrgäste als auch die Einnahmen gingen wegen der Corona-Pandemie massiv zurück. Wir haben die Einzelheiten.
Stuttgart - Im vergangenen Jahrzehnt sind Bahnen und Busse im Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) von Rekord zu Rekord gefahren. Auch das erste Frühjahr des neuen Jahrzehnts werde in die Historie eingehen, sagen jetzt die VVS-Geschäftsführer Thomas Hachenberger und Horst Stammler. Allerdings im negativen Sinn. Das Coronavirus hat dem dauernden Zuwachs bei den Fahrgastzahlen und den Einnahmen ein jähes Ende bereitet. In der VVS-Halbjahresbilanz 2020 stehen tiefrote Zahlen: 34 Prozent weniger Fahrgäste und 22 Prozent weniger Einnahmen in den ersten sechs Monaten gegenüber dem Jahr 2019.
Große Erwartungen jäh zerstört
Dabei starteten die VVS-Verantwortlichen mit großen Erwartungen in das Jahr 2020, nachdem im Februar für 2019 eine Rekordzahl von 394,5 Millionen Fahrten ermittelt worden war – ein Zuwachs von 2,8 Prozent. „Wir waren gespannt, was das erste volle Jahr nach der im April 2019 in Kraft getretenen Tarifreform bringen wird“, so Hachenberger, „doch von einer Minute zur anderen war dann die Zeit der Erfolgsmeldungen vorbei.“ Die Einschränkungen im Zusammenhang im Zuge der Corona-Pandemie sorgten für einen „massiven Einbruch“, so der VVS-Geschäftsführer, der von einer „ernüchternden Halbjahresbilanz“ spricht.
Zeitweise ein Minus von 80 Prozent
In den ersten sechs Monaten des Jahres 2020 wurden nach groben Abschätzungen lediglich 128 Millionen Fahrten mit den Bahnen und Bussen im VVS durchgeführt. Das sind knapp 65 Millionen Fahrten weniger als im ersten Halbjahr des Vorjahres. Zu Anfang der Pandemie, als Firmen, Geschäfte und Schulen schlossen, sind bis zu 80 Prozent der Fahrgäste weggeblieben. Allenfalls die Abo-Kunden nutzten in dieser Zeit Busse und Bahnen, der Gelegenheitsverkehr tendierte über Wochen hinweg gegen Null.
„Im Moment sind wir wieder bei rund 60 Prozent der Fahrgäste im Vergleich zum Juni des Vorjahres. In den Stadtbahnen wurden im Juli sogar schon wieder 70 Prozent gezählt. Im Ballungsraum geht es eindeutig wieder aufwärts“, sagt Hachenberger. Im ländlichen Bereich, wo vor allem Busse verkehren, seien es aber weniger. „Bis die Fahrgastzahlen wieder das Niveau der Vor-Corona-Zeit erreichen, wird es noch Monate dauern“, prophezeit Hachenberger.
Das deckt sich mit den Einschätzungen für den S-Bahnverkehr. Dort war an der Station Hauptbahnhof im April mit weniger als 20 000 Fahrgästen pro Tag gerade noch ein Fünftel der normalen Frequenz gezählt worden, inzwischen sind es wieder über 60 000.
Auch die Einnahmen brechen ein
Die Fahrgeldeinnahmen betrugen im ersten Halbjahr 2020 rund 202 Millionen Euro, 56 Millionen Euro weniger als im Vorjahreszeitraum. Die Ausgleichsleistungen – rund 40 Millionen Euro – von Land, Kreisen und Stadt Stuttgart für die vergünstigten Tarife nach der umfassenden Tarifreform im vergangenen Jahr hätten „stabilisierend“ gewirkt, so der VVS. „Dass es finanziell nicht noch schlechter aussieht, haben wir unseren vielen treuen Stammkunden zu verdanken, die bislang ihre Abos nicht gekündigt haben“, sagt Hachenberger. Etwa zwei Prozent der Dauerkartenbesitzer hätten gekündigt. Im Berufsverkehr gab es „nur“ ein Einnahmeminus von 12,3 Prozent, was vor allem am Jobticket liege, das noch rund 94 000 Arbeitnehmer nutzten, am Jahresanfang waren es tausend mehr. Im Gelegenheitsverkehr, also den Einzel-, Tages- und Mehrfachfahrscheinen, haben sich die Einnahmen aber fast halbiert: ein Minus von 36 Millionen Euro.
Beifall und Kritik für Aktionspaket
Mit einem Aktionspaket will die VVS deshalb die Kundenbindung erhöhen. Dazu zählen auch die kostenlosen Fahrt für Abokunden im Nahverkehr im Land in den Sommerferien und der Treuebonus von mindestens 15 Euro pro Abo, dessen genaue Höhe aber noch nicht feststeht. Diese „Dankeschön“-Maßnahmen werden von den Kunden unterschiedlich aufgenommen – mit Beifall, aber auch mit Kritik. So sprechen mehrere Abo-Besitzer angesichts von Jahreskarten, die mehrere hundert Euro kosten und monatelang nicht genutzt wurden, von einem „Fake-Dankeschön“. Andere bemängeln hohe Nachberechnungen, wenn das Abo gekündigt werde. Der VVS verweist darauf, dass immer ein Grundangebot an Bussen und Bahnen gefahren sei und man sich in Härtefällen durchaus kulant zeige. „Wir haben auf mehrere Zehntausend Euro Einnahmen verzichtet“, sagt Hachenberger.