Nach einem Hochwasser wie dem in Walheim (Kreis Ludwigsburg) sollten Betroffene eigentlich in die Aufarbeitung einbezogen werden. In der Neckargemeinde wollen viele Flutopfer wissen, wie so eine Katastrophe in Zukunft verhindert wird.
Der schlimmste Moment war, als sie die Tür zum Keller öffnete, sagt Susanne E., die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Nur noch wenige Stufen waren zu sehen, der Rest stand komplett unter Wasser.“ Am 2. Juni dieses Jahres verwandelte sich der ruhig plätschernde Baumbach vor dem Haus von Susanne E. in einen bis zu 50 Meter breiten Fluss. Nachdem sich das Wasser nach einigen Stunden zurückgezogen hatte, waren rund 50 Gebäude und etliche Gärten beschädigt.
Susanne E. musste ihre Kellermöbel wegwerfen, eine Waschmaschine und einen Gefrierschrank waren hinüber. Doch auch ihre Tagebücher und ihre geliebten Notenblätter waren verloren.
Keller noch immer eine Baustelle
Auch ein halbes Jahr nach dem Hochwasser ist der Keller der Walheimerin noch immer eine Baustelle – die Diskussionen mit ihrem Bauleiter seien eine Belastung. „Beim Hochwasserschutz muss etwas passieren, denn so etwas darf nie wieder geschehen.“
Schon kurz nach der Baumbach-Flut zeigten sich einige Betroffene verärgert, dass sich die Gemeinde und das Landratsamt augenscheinlich nicht für ihre Schicksale interessieren. Es sei kaum mit den Bürgern kommuniziert worden. Auch jetzt fühlen sich einige Walheimer immer noch schlecht informiert und wollen wissen: Was wird für den Hochwasserschutz getan?
Druck aus Bürgerschaft erhöhen
Sie habe seit einem halben Jahr nichts von der Gemeinde über den Hochwasserschutz gehört, sagt Susanne E. „Ich habe mir schon gedacht, dass ich mich selbst einbringen muss, um den Druck aus der Bürgerschaft zu erhöhen. Ich habe wegen meines Kellers aber einfach noch zu viel um die Ohren.“ Als Bürgerin hat Susanne E. das Gefühl, dass es zu viele Interessen gibt, von Neubaugebieten über Brücken und Bahnlinien – die Walheimer und der Hochwasserschutz würden dazwischen aufgerieben.
Auch weitere Bürger sind unzufrieden mit der Informationslage und der Kommunikation. Nur ein Gemeinderat habe sich in den vergangenen Monaten nach ihrer Situation erkundigt, sagt eine Unternehmerin aus dem Dorf verärgert. Ideen, wie ein Infoabend für die private Vorsorge von Betroffenen, seien im Sande verlaufen.
Auch Manja Vogel wohnt am Baumbach. Der Keller der Familie mitsamt Waschküche und Partyraum wurden Anfang Juni zerstört, auch bei der Familie Vogel gehen immer noch Handwerker ein und aus. „Wenn man gesehen hat, wie das eigene Hab und Gut wegschwimmt, hat man schon Sorge, dass das jetzt öfters passiert“, sagt Manja Vogel. „Wenn es stark regnet, kann ich nicht gut schlafen oder stehe am Fenster und beobachte den Bach.“
Hoffen auf den neuen Bürgermeister
Sie habe Geld zum Wiederaufbau vom Landratsamt angefordert und erhalten, ansonsten habe sie in den vergangenen Monaten nichts von den Behörden mitbekommen. „Da muss jetzt schon kommuniziert werden, ob, was und wie etwas für den Hochwasserschutz passiert.“ Vogel hofft, dass mit dem neuen Bürgermeister Christoph Herre endlich Schwung in die Aufarbeitung des Hochwassers kommt. Die betroffenen Bürger seien bereit, privat vorzusorgen – es brauche aber zuerst einen zentralen Plan von Gemeinde und Kreis.
Auf Nachfrage verweisen Landratsamt und die Gemeindeverwaltung auf eine gemeinsame Gewässerschau Anfang Juli. Als Sofortmaßnahme sei damals Holz aus dem Bachbett entfernt worden. Im Februar soll die nächste Gewässerschau stattfinden – ob die zu weitreichenderen Maßnahmen führt, ist offen. Zudem hat die Gemeinde laut eigener Aussage ein Starkregenrisikomanagement eingeleitet. Das ist eine freiwillige Leistung, um Gefahren und Risiken zu analysieren und so eine kommunale Starkregenkarte zu erstellen.
Die Arbeit an einer Starkregenkarte sei schon einmal ein wichtiger Schritt nach so einem Hochwasser, lobt Jörn Birkmann. Er forscht an der Universität Stuttgart, wie sich Städte besser gegen die Folgen der Klimakrise wappnen können – besonders gegen Überschwemmungen. Ebenso wichtig sei in den Monaten nach einem Hochwasser aber auch, proaktiv auf Betroffene und Bürger zuzugehen und diese mitzunehmen.
Infos über neue Heizungssysteme
Gemeinden, Landratsämter und Regierungspräsidien hätten die Aufgabe, über die Entwicklungen rund um den Hochwasserschutz zu informieren, aber auch über Fördertöpfe für Betroffene und über die private Vorsorge. Speziell in Walheim wäre es laut Birkmann beispielsweise wichtig, die Bürger über neue Heizungssysteme ohne Öl zu informieren und finanziell zu unterstützen. „Dass kein Öl austritt, wenn es doch wieder die Keller volllaufen.“
Unterm Strich scheint einiges, was Experte Birkmann naheliegt, versäumt worden zu sein. Gleichzeitig bewegt sich langsam auch etwas. Der neu gewählte Bürgermeister Christoph Herre scheint gewillt, den Hochwasserschutz anzupacken. Ab Januar wolle er Lösungen „gemeinsam mit dem Gemeinderat und allen Beteiligten priorisiert vorantreiben“.
Das Hochwasser in Walheim
Ablauf
Anfang Juni steigen nach tagelangen Regenfällen die Pegel der großen Flüsse der Region. In Walheim drückt das Neckarhochwasser in den Lauf des Baumbachs. An sich kein Problem, doch dann geht am Sonntag, 2. Juni, ein Starkregenereignis östlich von Walheim nieder. Das Regenwasser sammelt sich im Baumbach und rauscht durch den Ort in Richtung Neckar. Der kann die Wassermassen jedoch nicht aufnehmen, der Baumbach tritt über das Ufer.
Schäden
Nach dem Hochwasser sind rund 50 Gebäude in Walheim beschädigt, auch in Löchgau gibt es große Schäden. Rettungskräfte aus dem ganzen Landkreis sind im Einsatz. Laut Innenministerium beläuft sich der Hochwasserschaden im Kreis Ludwigsburg auf 1,84 Millionen Euro – ein großer Teil davon bezieht sich auf Walheim und Löchgau.