Extrem seltener Fall von Zwillingen: In Australien wurden ein Mädchen und ein Junge geboren, die das Erbgut der Mutter zu 100 Prozent, aber nur einen Teil der väterlichen DNA tragen. Foto: dpa

Australische Ärzte haben halb-identische Zwillinge entdeckt. Der Fall ist extrem selten. Wahrscheinlich gibt es weltweit nur ein weiteres Paar.

Brisbane - Eine 28-jährige Frau in Australien hat eine medizinische Sensation zur Welt gebracht: halb-identische Zwillinge. Sie tragen das Erbgut der Mutter zu 100 Prozent, aber nur einen Teil der väterlichen DNA. Der Fall ereignete sich bereits vor vier Jahren, er wurde aber erst am Freitag veröffentlicht. Normalerweise sterben solche Embryonen bereits im Mutterleib, doch die australischen Zwillinge hatten enormes Glück. Die Kinder und entwickeln sich weitgehend normal. Für die junge Mutter war es die erste Schwangerschaft, die Kinder waren natürlich gezeugt worden.

Die Mediziner, die die Entdeckung bereits während der Schwangerschaft machten, haben den seltenen medizinischen Fall nun im renommierten Fachmagazin The New England Journal of Medicine veröffentlicht. „Es ist wahrscheinlich, dass das Ei der Mutter vor der Teilung gleichzeitig von zwei Spermien des Vaters befruchtet wurde“, sagte Nicholas Fisk, ein Mediziner der Universität von New South Wales in Sydney. Fisk leitete das Ärzteteam, das die Mutter und ihre Kinder in der Frauenklinik in Brisbane 2014 betreute.

Der Ultraschall nach sechs Wochen habe eine einzige Plazenta und eine Positionierung der Fruchtblase gezeigt, die zunächst auf eineiige Zwillinge deutete. Doch eine weitere Ultraschalluntersuchung nach 14 Wochen brachte die Überraschung zutage: Ein Zwilling war ein Mädchen, der andere ein Junge, etwas, das für eineiige Zwillinge unmöglich ist.

Eineiig, zweieiig, halb-identisch – wie funktioniert’s?

Bei eineiigen Zwillingen befruchtet ein Spermium eine Eizelle, bevor sich das Ei teilt. Das bedeutet, die Zwillinge haben identisches Erbgut und müssen deswegen auch das gleiche Geschlecht haben. Zweieiige Zwillinge dagegen sind wie normale Geschwister. In ihrem Fall entwickelt sich jeder Zwilling aus einem separaten Ei, das von einem eigenen Spermium befruchtet wurde. Das heißt, sie können ein Junge und ein Mädchen sein, zwei Jungen oder zwei Mädchen. Ihre Besonderheit ist nur, dass sie zusammen geboren werden.

Halb-identische Zwillinge dagegen entstehen aus einem Ei, das von zwei Spermien befruchtet wurde. Dies erzeugt drei Sätze an Chromosomen, einen von der Mutter und zwei von Seiten des Vaters. Der Normalfall sind jedoch zwei Chromosomensätze, jeweils einer von Mutter und Vater. Kommt es zu einem biologischen Sonderfall wie in Australien, so überleben die Embryonen normalerweise nicht. Drei Chromosomensätze gelten als inkompatibel mit dem menschlichen Leben.

Die Babys haben die Natur überlistet

Doch das Paar aus Australien scheint einer der seltenen Fälle zu sein, wo die Babys die Natur überlistet haben. „Im Fall der halb-identischen Zwillinge aus Queensland scheint das befruchtete Ei die drei Chromosomensätze zu gleichen Teilen in Gruppen von Zellen aufgeteilt zu haben, die sich dann in zwei Hälften teilten und die Zwillinge bildeten“, sagte Michael Gabbett, ein Genetik-Experte der Technischen Universität von Queensland. Sie sind gewissermaßen eine Mischung aus eineiigen und zweieiigen Zwillingen.

Sie besitzen zu 100 Prozent das Erbgut der Mutter, sind aber aus zwei Spermien hervorgegangen. „Einige der Zellen enthalten die Chromosomen aus dem ersten Spermium, während die übrigen Zellen Chromosomen aus dem zweiten Spermium enthalten, was dazu führt, dass die Zwillinge nur einen Anteil und nicht 100 Prozent der gleichen väterlichen DNA teilen“, erklärte Gabbett.

Der Fall in Australien ist extrem selten. Weltweit ist nur ein weiteres Zwillingspaar bekannt. Dieses wurde 2007 in den USA geboren und erst später identifiziert, nachdem eines der Kinder kein eindeutiges Geschlecht hatte. Als daraufhin die Chromosomen untersucht wurden, stellten die Ärzte fest, dass der Junge und das Mädchen zwar zu 100 Prozent das Erbgut der Mutter, aber nur etwa die Hälfte des väterlichen Erbgutes besaßen. Während ihrer Forschungen untersuchten die australischen Forscher eine weltweite Datenbank für Zwillinge, in der Hoffnung, noch weitere Fälle zu finden. Doch unter den 968 zweieiigen Zwillingen, die sie analysierten, waren keine weiteren halb-identischen Zwillinge.

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