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Fünf Tage nach dem katastrophalen Erdbeben hat die haitianische Regierung den Ausnahmezustand ausgerufen.

Port-au-Prince - Knapp eine Woche nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti hat die Regierung den Ausnahmezustand ausgerufen. Sie will damit gegen chaotische Zustände mit ersten Unruhen vorgehen und die schwierige Versorgung verbessern.

Der Notstand soll vorerst bis Ende des Monats gelten. Die Regierung in Port-au-Prince bat die USA, für die Sicherheit in Haiti zu sorgen und beim Wiederaufbau zu helfen. In der weitgehend zerstörten Hauptstadt wurden am Montag bis zu 12.000 US-Soldaten erwartet.

Die EU plant die Entsendung von Gendarmerietruppen. Zahlreiche Staaten stockten ihre Hilfe auf. Eine internationale Haiti-Konferenz in Montréal (Kanada) soll - voraussichtlich am 25. Januar - die weltweite Welle der Hilfsbereitschaft koordinieren helfen.

Retter im Katastrophengebiet berichten weiter über große Not und verzweifelte Szenen. Manchen Verletzten würden zerquetschte Gliedmaßen auf offener Straße amputiert, berichtete ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen". Am Vortag habe ein umgefallener Baumstamm als OP-Tisch gedient. "Es gibt keine Alternative, es ist eine Entscheidung zwischen Leben und Tod." Die genaue Zahl der Opfer ist weiter unklar, wird aber mittlerweile auf bis zu 200.000 Tote geschätzt.

Rund 70.000 Leichen seien bereits geborgen, sagte Ministerpräsident Jean-Max Bellerive dem US-Fernsehsender ABC. Zahlreiche Menschen - darunter noch 16 Deutsche - werden seit dem Beben am Dienstag weiter vermisst. Helfer suchen in der Trümmerstadt weiter verzweifelt nach Überlebenden unter den Trümmern. Obwohl es Berichte über Gerettete gibt, sinken nach Ansicht von Experten die Chancen, die noch verschütteten Opfer lebend zu retten. Ein großes US-Lazarettschiff soll am Freitag vor Haiti eintreffen.

Der Flughafen und die Zugangsstraßen zur Hauptstadt sind nach Angaben des UN-Koordinationsbüros für humanitäre Hilfe (OCHA) weiter völlig überlastet. In den nächsten 48 Stunden könnten somit keine neuen Hilfslieferungen nach Haiti geflogen werden, teilte OCHA in Genf mit. Für neue Güter gebe es keine Lagermöglichkeiten mehr. Auch auf dem Landweg ist der Transport von Hilfsgütern schwierig: Die rund 300 Kilometer lange Fahrt vom Nachbarland Dominikanische Republik in Haitis Hauptstadt dauert mehr als 18 Stunden. Grund seien Staus.

Der Treibstoff wurde knapper und teurer und deshalb rationiert. Die dominikanischen Krankenhäuser an der Grenze zu Haiti seien überfüllt. Es fehle an medizinischer Ausrüstung. Bisher seien zudem erst 3000 bis 4000 Zelte in Haiti eingetroffen. Nötig wären 20.000.

Voraussichtlich am 25. Januar werde sich die Weltgemeinschaft auf einer Konferenz in Montréal über den Wiederaufbau Haitis abstimmen, sagte Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner im französischen Rundfunk. Bei einem Sondergipfel am 11. Februar werden sich die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union (EU) mit der Lage des bitterarmen Landes befassen.

"Wir hoffen, dass wir in Kürze Gendarmerie aus den EU-Staaten in Marsch setzen können, um auf eine entsprechende Anforderung der Vereinten Nationen zu reagieren", sagte Spaniens Außenminister Miguel Angel Moratinos nach einer Krisensitzung des EU-Ministerrates. Vor allem Frankreich, Spanien und Italien haben paramilitärische Polizeieinheiten. Sie sollen helfen, die Sicherheit von Rettern und Bewohnern zu gewährleisten. Nach Polizeiangaben wurde in verschiedenen Teilen der Millionenstadt auf Menschen geschossen

Die Soforthilfe der 27 EU-Staaten belaufe sich auf 20 Millionen Euro, sagte die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton am Montag in Brüssel Die EU arbeite mit den USA zusammen. Die UN und Haitis Regierung müssten aber die Gesamtverantwortung tragen. Tschechien, Großbritannien, Südkorea und andere Länder stockten ihre Hilfe auf.

Generalsekretär Ban Ki Moon hatte die Opfer des Jahrhundertbebens am Vortag bei einem Besuch in Port-au-Prince um Geduld gebeten. Die Versorgungslage werde sich langsam weiter verbessern. Nach UN-Angaben sind mindestens 40 UN-Mitarbeiter bei dem Erdbeben ums Leben gekommen. Insgesamt 330 weitere werden vermisst.

Rettungstrupps von Caritas International erreichten die Region um Léogâne, etwa 30 Kilometer westlich von Port-au-Prince. "Hier sind etwa 70 bis 80 Prozent der Gebäude zerstört", betonte Mitarbeiter Alexander Bühler nach Angaben der Organisation. Rund 20 Kilometer weiter westlich, in dem Ort Petit Goave, seien viele der alten Holzhäuser dagegen heil geblieben. "In dieser Region auf dem Land schätzen wir, dass etwa 40 bis 50 Prozent der Gebäude zerstört sind", betonte Bühler. Mehrere Straßen seien zudem unpassierbar.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) wird diese Woche nach der mobilen Gesundheitsstation noch ein Hospital ins Erdbebengebiet entsenden. Das Hospital kann nach DRK-Angaben bis zu 700 Patienten täglich ambulant versorgen und hat 120 stationäre Betten. Es war zuletzt beim Erdbeben in China im Mai 2008 im Einsatz und hat einen Wert von 1,4 Millionen Euro. Die Kapazität entspricht dem eines deutschen Krankenhauses für eine Bevölkerung von 250.000 Menschen.

Noch nicht vollständig eingetroffen ist dagegen das aufblasbare Krankenhaus von "Ärzte ohne Grenzen". Nach deren Angaben hatte eines der Transportflugzeuge keine Landegenehmigung für den Flughafen Port- au-Prince erhalten. Die Mitarbeiter der Organisation operierten nun pausenlos im wieder einsatzfähigen OP-Trakt des Carrefour- sowie des Choscal-Hospitals. Der Bedarf an chirurgischen Eingriffen für die Schwerverletzten sei "immens".

"Da draußen tobt ein Krieg", sagte der Arzt Karmi Bar-Tal nach israelischen Medienberichten zu den chaotischen Zuständen. "Wir entlassen Patienten, aber wir wissen nicht, was sie erwartet." Israel bemüht sich nach den Berichten um die Adoption von 50 Waisenkindern aus Haiti. Die Niederlande wollen mit einem Charterflug 109 Adoptivkinder ausfliegen. Frankreich plant ähnliche Maßnahmen.

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