Ein Kind im Chaos einer Katastrophe: Der verletzte Junge musste in Port-au-Prince auf Haiti das stärkste Erdbeben seit 200 Jahren miterleben. Foto: AP

Seit dem Erdbeben in Haiti wächst auch in Deutschland das Interesse an Adoptionen aus dem Karibikstaat. Doch Vermittlungen kommen nur als letzter Ausweg infrage.

Stuttgart - Seit dem Erdbeben in Haiti wächst auch in Deutschland das Interesse an Adoptionen aus dem Karibikstaat. Doch Vermittlungen kommen nur als letzter Ausweg infrage. Vorrang hat die Suche nach Angehörigen in der zerstörten Heimat.

Wenn Stephan Krause am Wochenende in die Dominikanische Republik fliegt, um sich von dort mit dem Auto in die haitianische Hauptstadt Port-au-Prince durchzuschlagen, kann er nur ahnen, was ihn dort erwartet. "Wir hatten vor dem Beben 130 bis 140 Patenkinder. Wir wissen von keinem einzigen, ob es noch lebt."

Der Dokumentarfilmer aus Eichenau bei München reiste erstmals 1996 in die karibische Millionenmetropole, um gemeinsam mit seiner Frau Heike Fritz über das größte Slum Cité Soleil (Sonnenstadt) einen Film zu drehen. "Das Land hat uns nicht mehr losgelassen." Das himmelschreiende Elend der Menschen veranlasste ihn, dem Verein Haiti-Kinderhilfe e. V. beizutreten, einer Organisation, die Patenschaften vermittelt und den Bau von Schulen, Waisenhäusern und Kliniken durch Spenden finanziert. "Wir helfen Müttern, damit sie nicht gezwungen sind, ihre Kinder herzugeben."

Zwei Länder Lateinamerikas haben den zweifelhaften Ruf, Adoptionsparadiese zu sein: Guatemala und Haiti. In dem Neun- Millionen-Staat auf der Insel Hispaniola ist die Armut groß, der Staat schwach und die Gesellschaft vom organisierten Verbrechen unterwandert. Im karibischen Armenhaus gab es schon vor dem Erdbeben nach UN-Angaben rund eine halbe Million Kinder, die ohne Eltern aufwachsen. Kinder, die von ihren Müttern nicht mehr ernährt werden können, oder Aidswaisen, die bei Verwandten gelassen, an wohlhabende Familien verkauft oder in Waisenheimen abgegeben werden.

Stephan Krause kennt diese Zustände nur zu genau. Sein Verein betreut rund 2000 Kindersklaven, sogenannte Restavek, die bei fremden Familien leben und "wie Haushaltsgegenstände behandelt" würden. "Niemand wird diese Kinder vermissen und nach ihnen suchen. Mir blutet das Herz, wenn ich sehe, was stattfindet."

Bis zu 200.000 Menschen sollen bei dem verheerenden Erdbeben ums Leben gekommen sein. Zehntausende traumatisierte Kinder irren allein durch die von Trümmern übersäten Straßen der Hauptstadt, auf der Suche nach Wasser, Nahrung, Hilfe. "Viele haben Mutter oder Vater verloren. Viele waren bitterarm. Jetzt sind sie noch ärmer", sagt Alinx Jean-Baptiste, Repräsentant der Kindernothilfe in Haiti. Es gebe mehr als 100.000 Kinder, die auf der Straße lebten und sich nicht selbst versorgen könnten.

Ihre Not bleibt nicht unbemerkt. Adoptionsagenturen in den USA und Europa melden eine Riesenwelle an Anfragen. In Port-au-Prince landete eine Chartermaschine aus den Niederlanden, die 109 zur Adoption freigegebene Kinder ausflog. Der US-Verband Joint Council on International Childrens Service meldet 150 Anfragen in drei Tagen - üblich sind zehn pro Monat.

Haiti ist seit langem ein beliebtes Adoptionsland. Nach Schätzungen des UN-Kinderhilfswerks Unicef werden jedes Jahr 1300 haitianische Kinder vor allem nach Frankreich, in die USA, nach Belgien und Kanada vermittelt. Nach dem Beben könnte ihre Zahl deutlich zunehmen. So teilte eine italienische Adoptionskommission mit, die Telefone stünden nicht mehr still. Viele Anrufer wollten Waisen ein neues Zuhause bieten.

Hilfswerke befürchten, dass die Lage nach dem Zusammenbruch aller staatlichen Strukturen außer Kontrolle geraten könnte. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass in Katastrophenfällen wie dem Tsunami 2004 Banden versuchen, Kinder außer Landes zu schaffen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch in Haiti Kinderhändler die Notlage ausnutzen", erklärt Michael Heuer vom Kinderhilfswerk Terre des hommes.

Bei seriösen Adoptionsvermittlern stehen die Telefone nicht mehr still. Die Nachfrage nach Kindern aus Haiti ist sprunghaft angestiegen. Doch trotz der Katastrophe wollen die beiden Vereine Help A Child und Eltern für Kinder, die hierzulande Kinder aus dem Karibikstaat an deutsche Paare vermitteln, an den aufwendigen Prüfungen festhalten. "Einfach zu sagen, wir machen ein Flugzeug voll, und dann kriegt ihr ein Kind, das geht nicht", betont das Vorstandsmitglied von Help A Child, Bea Garnier-Merz. Auch die Vize-Leiterin der Gemeinsamen Zentralen Adoptionstelle (GZA) in Hamburg, Brigitte Siebert, hält nichts von Turbo-Adoptionen. "Die Hoffnung, schnell und unbürokratisch ein Kind aus Haiti aufnehmen zu können, wird sich nicht erfüllen."

Stephan Krause und seine Frau Heike Fritz brachten im Jahr 2000 ihren Adoptivsohn Jakob (heute elf) und ihre Adoptivtochter Sophie (heute 14) aus Port-au-Prince nach Eichenau. "Adoptionen sind keine Schnäppchen-Aktionen. Bei uns hat es vier Jahre gedauert und für jedes Kind 5000 Mark gekostet." Maßlos ärgert er sich über die Kritik der Unicef-Botschafterin Sabine Christiansen. Die Ex-"Tagesthemen"- Moderatorin hatte in der ARD-Sendung "Anne Will" gesagt, man habe vor dem Beben "eine Adoption für zehn Dollar" bekommen. Auf dem Flughafen von Port-au-Prince habe man "nur weiße Ehepaare mit kleinen haitianischen Kindern gesehen, weil sie nichts kosteten". Christiansen habe Adoptiveltern beleidigt und mit skrupellosen Menschenhändlern gleichgestellt, wettert Krause.

Der Grat zwischen legaler Adoption und illegalem Kinderhandel ist in einem Staat wie Haiti allerdings schmal. Laut Unicef ist die Zahl der Waisenheime in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen. Einige Heime dienten vor allem dazu, Kinder ins Ausland zu vermitteln, vermuten Experten. Beweise dafür gibt es nicht.

Deshalb warnt Terre des hommes auch vor voreiligen Beschuldigungen. "Einen Überblick, was mit den Kindern passiert ist, werden wir erst in ein paar Wochen haben", sagt Heuer. Ihn wundert allerdings die Eile, mit der etwa Frankreich Adoptionsverfahren beschleunigen will. Auch einige US-Organisationen "stehen "Gewehr bei Fuß". Heuer warnt: "Es ist nichts fataler, als Kinder ins Ausland zu verschicken, und Monate später stellt sich heraus, dass es in Haiti Eltern gibt, die ihr Kind zurückwollen."

Mancher wird sich angesichts der haitianischen Apokalypse fragen, ob es nicht besser sei, Kinder schnell und unbürokratisch ins Ausland zu vermitteln. Nein, sagen die Helfer. Eine Adoption um jeden Preis dürfe es nicht geben. "Die Zusammenführung mit den Eltern muss absolute Priorität haben", sagt Unicef-Sprecherin Veronique Taveu. Kinder, die allein seien, müssten registriert und identifiziert werden.

Dass eine Adoption der letzte Ausweg bleiben muss, glaubt auch Carmen Thiele vom Bundesverband der Pflege- und Adoptionsfamilien (Pfad) in Berlin. "Die Heimat hat immer Vorrang." Nach ihren Angaben werden jedes Jahr bis zu 2000 Kinder aus Osteuropa, Asien und Lateinamerika nach Deutschland vermittelt. Ein Land wie Haiti, "das in einem solchen Chaos steckt", sei ein "gefundenes Fressen für unsaubere Geschäftemacher", ist die Soziologin überzeugt. "Wo die Korruption blüht, wittern einige Leute im Kinderhandel ihre große Chance."

Welches Ausmaß der Kinderhandel annehmen könnte, ist schwer vorauszusagen. Doch das ist auch nicht Krauses Hauptsorge. "Am schlimmsten ist nicht, dass Kinder außer Landes geschafft werden", sagt er. "In Port-au-Prince können Zehntausende Kinder an Blutvergiftung, Unterernährung und Wassermangel sterben. Und wie will man ein Kind illegal außer Landes bringen? Die meisten Flüge gehen in die USA. Ein Passagier ohne gültige Papiere darf erst recht, seit die verschärften Sicherheitsbedingungen gelten, nicht einreisen."

Haitis Erdbebenkinder sind im Ausland begehrt - doch nicht alle. Er habe eine E-Mail von einem Paar bekommen, erzählt Terre-des-hommes-Mitarbeiter Heuer, das ein Kind aus Haiti adoptieren wolle. Bedingung sei, dass "es kein Aids hat und nicht traumatisiert ist". Adoption sei nur eine Lösung für eine kleine Gruppe von Kindern. "Für die Mehrheit ist es keine Lösung, weil es für sie gar kein Interesse gibt." In dem Karibikstaat leben schätzungsweise 200.000 Aidswaisen. Sie fallen von vornherein durch jedes Adoptionsraster.

In den letzten Tagen haben Krause und seine Frau nächtelang im Internet nach Lebenszeichen ihrer Patenkinder und deren Angehörigen gesucht. Tochter Sophie, die in Cité Soleil aufgewachsen ist, hat Großeltern, eine Patentante und eine Schwester in Haiti. "Wir wissen nicht, wie es ihnen geht - ob sie überlebt haben, verletzt oder obdachlos sind." Die Hoffnung ist das Einzige, was ihnen derzeit bleibt. Eins steht für das Ehepaar allerdings fest. "Wir waren dort, als sich noch niemand für Haiti interessiert hat. Und wir werden dort sein, wenn sich niemand mehr für Haiti interessiert."

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