Der Haigst ist sein Revier: Buchautor Ulrich Schülke Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Der Haigst bei Degerloch ist weit mehr als eine hübsche Ansammlung von Stadtvillen zwischen Wald und Reben. Auf dem Haigst steht Deutschlands erster Block mit Eigentumswohnungen. Kaum einer kennt das Viertel besser als Buchautor Ulrich Schülke.

Stuttgart - Es gibt kaum ein Haus auf den Haigst, dessen Geschichte Ulrich Schülke nicht kennt. Wir sind mit dem Buchautor durch das Viertel im Norden von Degerloch spaziert.

Herr Schülke, können Sie einem Cannstatter oder einem Zuffenhausener in drei Sätzen erklären, was das Besondere am Haigst ist?
In drei Sätzen fällt es mir schwer. Aber mit drei Argumenten schon.
Dann drei Argumente.
Nun, zum einen liegt der Haigst an der Alten Weinsteige, einer Straße, die 700 Jahre lang die Hauptverbindung Stuttgarts nach ­Süden war. Zeitweise hieß die Alte Wein­steige auch Schweizer Straße. Zweitens hat der Haigst eine landeskundliche Bedeutung. Früher war Württemberg in das Land ob der Steig und das Land unter der Steig geteilt. Die Grenze dazu verlief durch das Haigst­gebiet.
Und drittens?
Und drittens hat der Haigst nach wie vor eine dörfliche Struktur, auch wenn die Häuser nicht unbedingt danach aussehen. Er liegt zwischen dem Wald auf der einen und den Reben auf der anderen Seite. Außer der Haigstkirche gibt es hier kein öffentliches Gebäude. Egal ob Europawahl oder ­Kirchengemeinderatsitzung – in der Haigstkirche findet alles statt.
Was hat es mit dem Namen Haigst auf sich?
Der Name bedeutet eigentlich der, die oder das Höchste. Das hat auch bis zur Eingemeindung der Fildergemeinden gestimmt, bis dato war der Haigst der höchste Punkt der Stuttgarter Markung. Heute ist der Haigst der tiefste Punkt von Degerloch.
Was hat Stefan Clarenbach und Sie bewogen, ein Buch über den Haigst zu schreiben?
Der Auslöser war eigentlich Stefan Clarenbach, der seit 1989 hier lebt und sich sagte: „Ich will eigentlich mal wissen, wo ich hier wohne, mit wem ich hier wohne, was um mich herum ist.“ So kam er zu mir, weil ich länger als er hier lebe. Ursprünglich sollte ich das Lektorat machen, aber als Stefan Clarenbach klar wurde, dass ich schon ­einiges vorgearbeitet hatte, was die Geschichte von Degerloch und den Haigst betrifft, entschieden wir uns, das Buch zusammen zu machen.
In Ihrem Buch steht, dass der Haigst seine Existenz auch der Zahnradbahn zu verdanken hat, eines der eigenwilligsten Verkehrsmittel der Stadt.
Das kann man so sagen. Anfangs konnte die dampfbetriebene Zahnradbahn auf dem Weg nach oben kaum anhalten, sonst wäre sie nicht mehr weggekommen. Aber durch die Elektrifizierung um 1900 war dies plötzlich möglich – so konnten auf dem Weg nach Degerloch Haltestellen entstehen. Nun war die Erschließung des umliegenden Wohngebiets nicht mehr aufzuhalten. Zunächst sprach man im damaligen Dorf Degerloch vom „unteren Degerloch“, aber im Lauf der Zeit wurde das dann der Haigst.
Auch wenn die 1831 gebaute Neue Weinsteige der Alten Weinsteige längst den Rang abgelaufen hat, so gilt die Alte Weinsteige nach wie vor als kürzeste Verbindung in die Stadt.
Die kürzeste und dank der Zahnradbahn auch die zuverlässigste. Ich erinnere mich noch an die Zeiten, als die Straßenbahn auf der Neuen Weinsteige fuhr. Da konnte es in heftigen Wintern passieren, dass bei starkem Schneebefall nichts mehr ging. Die Zahnradbahn aber schaffte es immer. Sie war tagelang die einzige Verbindung zwischen oben und unten.
Ihr Buch will auch Wanderführer sein. Welche Punkte sollte sich ein Haigst-Wanderer un­bedingt anschauen?
Natürlich die Haigstkirche. Auch wenn das nicht so geplant war, von ihr führen die Straßen fächerhaft weg. Und dann natürlich die Meistersingerstraße, weil sie jahrhundertelang die Steig war, die Landmarke zwischen ober der Steig und unter der Steig. Sie hieß zunächst Charlottenstraße, benannt nach der letzten württembergischen Königin Charlotte. Hier befand sich das Geschäftszentrum des Haigst, in etlichen Häusern waren Läden drin. Wenn man genau hinsieht, kann man das noch erkennen.
Auf alten Karten entdeckt man neben der Charlotten- auch eine Blumenstraße, Straßennamen, die es in Stuttgart auch gibt.
Deshalb wurden sie auch geändert. Im Jahr 1908 kam Degerloch mit dem Haigst zu Stuttgart – und von da an gab es immer wieder Verwechslungen. Die Straßen wurden aber erst 1935 umbenannt, aus postalischen Gründen.
Wir liefen vorhin an einer Straße vorbei, die für eine Wohnstraße auffallend breit war.
Das war die Figarostraße, die wurde 1937 als Aufmarschstraße für die SA gebaut. Darum ist die so breit. Hier sollten sich die Truppen sammeln und runter zum Marienplatz marschieren, der damals Platz der SA hieß – die Straßen dazu wurden allerdings nie gebaut. Gleich nach dem Krieg soll ein altgedienter Zahnradbahnschaffer bei der Ankunft am Marienplatz gerufen haben: „Platz der - Maria“. Er hat wohl im letzten Moment noch die Kurve gekriegt.
Zurück zur Haigst-Wanderung. Eine Straße haben Sie vergessen: die Kauzenhecke.
Die ist natürlich Pflicht, keine Frage. Hier steht eines der bedeutendsten Bauwerke Stuttgarts, was allerdings kaum jemand weiß. 1949 baute die Allianz-Versicherung das Wohnblock-Ensemble, das heute unter Denkmalschutz steht. Manche Leute sagen, das sei hässlich. Ich sehe das anders. Es ist wahnsinnig interessant, wie es den Architekten gelungen ist, diese Riesenmasse optisch zu gliedern. Man spürt die Bauhaus-Einflüsse. Gemessen an dem, was heute so in Stuttgart gebaut wird, ist es ein absolut schönes Haus. Aber nicht nur baulich ist das Ensemble interessant: Es war das erste Haus auf deutschem Boden mit Eigentumswohnungen. Auch wenn es den Begriff damals noch nicht gegeben hat.
Sind das heute noch Eigentumswohnungen?
Sicher, wenn da größere Reparaturen anstehen oder eine Eigentümerversammlung einberufen wird, kommen an die 300 Leute zusammen.
Auch wenn der Haigst zu Degerloch gehört, manche Degerlocher scheinen die Ecke nicht zu kennen.
Das ist tatsächlich so. Als ich im Dezember 2015 die Bürgermedaille verliehen bekam, sprach mich eine Dame an, die wissen wollte, was ich so mache. Ich erzählte ihr, dass ich die Kammermusik in der Haigstkirche organisiere. Die Frau kam aus Degerloch, aber kannte weder die Haigstkirche noch den Haigst.
Könnte man sagen, die Degerlocher schauen auf den Haigst hinab?
Nein, das würde ich nicht sagen. Aber Degerloch war ja einst ein Bauerndorf, und manch alteingesessenen Degerlocher würde ich zum Bauernadel zählen. Und für die Leute ist der Haigst immer noch die Ecke, in der ihre Stückle sind oder waren.
Um ein bedeutendes Stück Haigst zu sehen, muss man ins Naturkundemuseum.
Das ist richtig. Im Jahr 1847 hat der Stuttgarter Zigarettenfabrikant und Stadtrat Gottlieb Albert Reininger im Garten seiner Schwiegereltern ein Saurierskelett entdeckt, das jetzt im Untergeschoss vom Naturkundemuseum zu sehen ist. Kopf und Schwanz fehlen zwar, aber der schwäbische Lindwurm, wie der Kerl bezeichnet wird, soll an die acht Meter gemessen haben.
Herr Schülke, wo ist Ihr ganz persönlicher Lieblingsplatz auf dem Haigst?
In meinem Garten, bei meinem alten Birnbaum. Der Garten ist zwar nicht besonders groß, aber da auch etliche andere Gärten daran grenzen, ist das ein Effekt wie in einem Spiegelsaal: Er wirkt viel größer, als er in Wahrheit ist. Erst heute Morgen habe ich dort wieder den Vögeln zugeschaut. Etwas Erholsameres kann es kaum geben.
Das Buch von Stefan Clarenbach und Ulrich Schülke heißt „Der Haigst – Ein Spaziergang durch die Geschichte und Gegenwart“. Es kostet 24,80 Euro und man bekommt es in der Buchhandlung Albert Müller in Degerloch, Epplestr. 19 C.
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