Finanzielle Engpässe und das erzwungene enge Zusammenleben der Familien durch das Coronavirus erhöhten das Konfliktrisiko. In Frauenhäusern geht man deshalb davon aus, dass es mehr häusliche Gewalt gibt. (Symbolbild) Foto: dpa/Maurizio Gambarini

Die Frauenhäuser erwarten infolge der Corona-Krise mehr Fälle häuslicher Gewalt. Finanzielle Sorgen und beengte Wohnverhältnisse seien Ursachen von Angriffen auf Frauen. Doch die können ihren Peinigern derzeit kaum entfliehen.

Stuttgart - Frauen, die während der Corona-Krise häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, können kaum Unterschlupf in den Frauenhäusern im Land finden. „Das bestehende Problem, dass es in Baden-Württemberg viel zu wenig Plätze gibt, wird durch die Corona-Krise deutlich verschärft“, sagte Andrea Bosch von derKoordinierungsstelle der Landesarbeitsgemeinschaft Autonomer Frauenhäuser der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart. Es sei zu befürchten, dass mit den Lockerungen in der Corona-Krise Opfer häuslicher Gewalt verstärkt Schutz brauchten. Doch freie Plätze seien in den 42 Frauen- und Kinderschutzhäusern Mangelware.

Hotels und Ferienwohnungen könnten genutzt werden

Der Infektionsschutz gebiete es auch mancherorts, die Kapazitäten der Frauenhäuser auszubauen, erläuterte Bosch. Dafür seien zusätzliche Mittel von Land und Kommunen nötig. Die Liga der Freien Wohlfahrtspflege forderte, vorübergehend die leer stehenden Hotels und Ferienwohnungen im Land zu nutzen. Die Finanzierung müsse vom Land mit den Kommunen geregelt werden.

Im Südwesten wird noch kein Andrang verzeichnet. „Informationen aus Ländern wie China, Italien und Spanien weisen aber darauf hin, dass Gewalt auch in Deutschland zunehmen wird“, sagte Bosch. Laut Innenministerium stellt die Polizei derzeit keine signifikante Veränderung bei häuslicher Gewalt fest. Sie beobachte aber aufgrund der derzeitigen Konzentration auf das familiäre Umfeld die Entwicklung sehr genau.

Dass diese in absehbarer Zeit zu mehr häuslicher Gewalt führe, glaubt neben Frauenhaus-Vertreterin Bosch auch Vanessa Bell, Expertin für das Thema bei der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes. Finanzielle Engpässe und das erzwungene enge Zusammenleben der Familien erhöhten das Konfliktrisiko, erläuterte Bell. „Manche Männer erfahren in dieser Zeit den Verlust der Kontrolle und versuchen, diese wenigstens im Verhältnis zur Partnerin zu behalten und zu verstärken.“ Derzeit sei es für Betroffene schwierig, dem stets anwesenden Partner zu entkommen, geschweige denn eine Flucht vorzubereiten. In Berlin sei die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt bereits um zehn Prozent gewachsen.

Hilfsangebote sind eingeschränkt

Zugleich seien die Möglichkeiten für betroffene Frauen eingeschränkt, Hilfe zu suchen, Beratung in Anspruch zu nehmen oder in Ruhe oder unbemerkt ein Telefonat mit einer Beratungsstelle zu führen, fügte Bosch hinzu. Terre des Femmes fordert ein sofortiges Hilfspaket für Frauenhäuser.

Auch im Südwesten sind die Frauenhäuser trotz erhöhter Mittel mit ihrer Finanzierung durch das Land unzufrieden. Dieses hat im Haushalt für 2020 vier Millionen Euro und für 2021 acht Millionen Euro eingestellt. Die jüngst vom Land speziell für Beratung in der Corona-Krise bereit gestellten zwei Millionen Euro seien kein zusätzliches Geld, sondern stammten aus dem Topf für 2020, monierte Bosch. „Ich hoffe, da wird nachjustiert.“

Das Sozialministerium geht derzeit von rund 630 fehlenden Plätzen aus. Vorhanden sind aktuell etwa 340 Plätze für Frauen und mehr als 400 Plätze für Kinder in den 42 vom Land geförderten Frauenhäusern. Die Landesarbeitsgemeinschaft sieht weit mehr Bedarf und hält den vom Ministerium genannten Wert von über 600 benötigten Plätzen für einen „absoluten Mindeststandard“, der möglichst schnell umzusetzen sei.

Beratungsstellen sind derzeit telefonisch und online erreichbar.Zudem rufen Bosch und ihre Mitstreiterinnen dazu auf, bei Zeichen von häuslicher Gewalt Betroffenen zu helfen. „Gewalt ist keine Privatsache.“

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