Als ihr Ex-Mann gewalttätig wird, sieht Yamina aus Ludwigsburg nur noch einen Ausweg: das Frauenhaus. Doch einen Platz zu kriegen, ist kaum möglich – und zwar in ganz Deutschland.
Es gibt Schicksale, die klingen zu furchtbar, um wahr zu sein. Vor acht Jahren kommt Yamina (Name von der Redaktion geändert) aus Algerien zu ihrer Tante nach Deutschland. Sie findet Arbeit in der Pflege, heiratet, bringt eine Tochter zur Welt. Und dann, im Oktober 2023, die Schockdiagnose: Leukämie. Es folgen Klinikaufenthalte, mehrere Chemotherapien, eine Stammzellentransplantation rettet ihr das Leben. Glück gehabt, eigentlich.
Denn als sie nach Hause kommt, zu Mann und Tochter, ist dort nichts mehr wie vorher. „Ich hatte sehr viel Streit mit meinem Mann“, erinnert sie sich. „Er ist mir fremdgegangen und wurde gewalttätig.“ Irgendwann ruft sie die Polizei, sieht nur noch einen Ausweg: das Frauenhaus. Doch einen Platz zu finden, wird zur Mammutaufgabe.
Anfangs gibt es nur Absagen
Zwar zeigt man ihr schnell die Website, auf der Frauenhäuser aus ganz Deutschland über ein Ampelsystem angeben können, ob eine Aufnahme möglich ist oder nicht. Aber erstens gibt es auf der Karte nur wenige grüne Punkte. Und zweitens erhält sie selbst dort, wo es Platz gäbe, Absagen. „Die Transplantation war noch nicht lange her, mein Immunsystem war quasi bei null“, sagt sie. „Ich glaube, manche hatten Angst, dass ich sterbe.“
Tagelang versucht sie es, immer wieder, ohne Erfolg. Sie kommt mit ihrer Tochter in dieser Zeit bei einer Freundin unter. „Ich war sehr geschwächt, aber ich wollte ihr auch nicht zur Last fallen“, sagt Yamina. „Das waren sehr schlimme Tage.“
Irgendwann klappt es doch, im Frauenhaus in Bruchsal findet sie Schutz. Einfach ist die Situation dort trotzdem nicht. Ihre Tochter, mit der sie sich ein Stockbett teilt, kann nicht in den Kindergarten, braucht deshalb den ganzen Tag Betreuung. Dazu gibt es unter den Bewohnerinnen immer wieder Streit. Nach etwa drei Monaten findet ihr Ex-Mann heraus, dass sie in Bruchsal lebt. Sie muss die Stadt verlassen, so schnell wie möglich. Den Mitarbeiterinnen dort sagt sie damals, sie würde gerne nach Ludwigsburg, dort hat sie Bekannte. Beim ersten Anruf klappt es zwar noch nicht, aber eine Woche später bekommt sie dort tatsächlich einen Platz.
Ludwigsburgs Frauenhaus als Glücksfall
Das ist, so muss man es im Nachhinein sagen, ein Glücksfall für die 27-Jährige. Denn wenn sie über ihre Zeit im Ludwigsburger Frauenhaus spricht, leuchten ihre Augen plötzlich. „Für mich war das hier von Anfang an nicht nur ein Ort zum Wohnen, sondern auch ein Ort, der mir Hoffnung und Sicherheit gegeben hat“, sagt sie. Das beginnt schon damit, dass die Mitarbeiterinnen ihrer Tochter direkt einen Platz im Kindergarten organisiert haben. Außerdem läuft das Zusammenleben mit den anderen Bewohnerinnen besser, auch, weil es in Ludwigsburg weniger Menschen sind.
Ein Jahr lang bleibt Yamina im Ludwigsburger Frauenhaus, das ist eigentlich viel zu lange. Denn der Bedarf an Plätzen ist nach wie vor riesig, zumal nur neun Frauen gleichzeitig dort unterkommen können. Nur an 20 Tagen gab es in der zweiten Jahreshälfte 2025 einen freien Platz in Ludwigsburg. Das zeigt eine Daten-Auswertung des Recherche-Netzwerks CORRECTIV.Lokal und des Bayerischen Rundfunks. In anderen Städten und Landkreisen in Deutschland sind es noch viel weniger Tage. Zum Vergleich: Im Rems-Murr-Kreis sind es 57 Tage, in Filderstadt ein Tag.
„Für unsere Mitarbeiterinnen ist es eine große Belastung, den Frauen sagen zu müssen, dass wir sie nicht aufnehmen können“, sagt Arezoo Shoaleh vom Verein Frauen für Frauen, dem Träger des Frauenhauses. „Wir wissen, dass die meisten nach der Absage zurück zu ihren Männern gehen.“
Im Kreis Ludwigsburg dürfte sich die Lage bald entspannen: Ende 2025 haben Stadt und Landkreis den Weg für ein zweites Frauenhaus frei gemacht, der Umbau des alten Kurhotels in der Marbacher Straße soll noch im Frühjahr starten. „Wenn alles läuft wie geplant, kommen wir in Ludwigsburg dann auf etwa 50 bis 60 Plätze“, sagt Shoaleh. „Das deckt den Bedarf dann nicht völlig, aber immerhin kommen wir aus der Notsituation raus, in der wir gerade stecken.“
Wie wichtig der Schutz des Frauenhauses sein kann, zeigt Yaminas Geschichte. Sie ist mittlerweile in eine Sozialwohnung der Wohnungsbau Ludwigsburg gezogen. Gleich in der Nähe gibt es einen Spielplatz, den sie mit ihrer Tochter täglich besucht. Im September kommt ihr Kind in die Schule. „Wir sind jetzt beide glücklich“, sagt sie lächelnd. „Die schwere Zeit liegt hoffentlich hinter uns.“
Datengrundlage
Methodik
Auf der Webseite frauenhaus-suche.de können sich Frauenhäuser aus ganz Deutschland auf einer Karte eintragen und über ein Ampelsystem angeben, ob eine Aufnahme möglich ist oder nicht. Für die vorliegende Recherche haben Datenjournalistinnen des BR den Stand der Karte zwischen dem 1. Juli 2025 und dem 30. Dezember 2025 täglich alle zwei Stunden zwischen 7 Uhr morgens und 19 Uhr abends abgefragt.
Netzwerk
Diese Recherche ist Teil einer Kooperation mit CORRECTIV.Lokal, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, das datengetriebene und investigative Recherchen gemeinsam mit Lokalredaktionen umsetzt. Die Daten wurden von Datenjournalistinnen des BR – in Zusammenarbeit mit report München und CORRECTIV.Lokal – recherchiert und zur Verfügung gestellt. Mehr unter correctiv.org.