Rosie Aldridge als Hexe. Im Hintergrund stehen Statisten Foto: Staatsoper/Matthias Baus

An der Staatsoper Stuttgart hat Axel Ranisch bei Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ Regie geführt. Das Publikum feiert Sänger, Orchester und eine Inszenierung, die beweist, dass selbst aus Apokalyptischem Hoffnung keimen kann.

Stuttgart - So schön ist der Wald! So grün sind die Bäume, so blau ist der Himmel. Dann aber gleitet der Blick die Hänge hinab, vorbei an kahlen Stämmen, an leeren Fässern. Schau da: ein brennender Baum! Und plötzlich steht der Wald in Flammen. In lodernden Linien tanzt das Feuer über weite Hügel. Das ist schrecklich. Es hat aber auch einen eigenen Zauber. Den trägt das animierte Video von Philipp Contag-Lada schon in sich selbst, er entsteht aber auch durch die Musik, die ihn begleitet. Zu sehen sind Waldbrand und Waldsterben, zu hören ist dazu die Ouvertüre von Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“: Wagnerklänge mit Volkslied-Einlagen und ganz vielen satten romantischen Orchesterfarben.

 

Da das Stuttgarter Staatsorchester unter Alevtina Ioffes Leitung sehr genau, beweglich und in den Streichern wunderbar samtweich spielt, entwickelt die Schönheit der Klänge einen so starken Sog, dass sich der Gegensatz zwischen Tönen und Bildern auflöst. Das Schreckliche entwickelt eine eigene Poesie, und angerissen werden die großen Fragen des Abends: Was ist gut, was böse? Was Märchen, was Apokalypse? An der Staatsoper Stuttgart erlebt das Publikum am Sonntagabend eine Inszenierung von Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“, die lächelnd in der Schwebe bleibt.

Axel Ranisch, dem das Haus einen seiner größten Repertoire-Hits der letzten Jahre verdankt – Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“ von 2018 –, gibt sich gleichzeitig naiv, spielerisch, politisch und unverbesserlich optimistisch. Deshalb bedient seine Inszenierung der Märchenoper nicht nur Kinder ebenso wie Erwachsene, sondern zeigt überdies, dass sogar im dunkelsten Dunkel Hoffnung möglich ist.

Die Hexe betreibt eine Lebkuchenfabrik

Und das, obwohl das Dunkel hier besonders dunkel ist. Zu Beginn spielen die Kinder auf Gebäudetrümmern zwischen abgebrannten Bäumen, später auf einem Betonrohr (Bühne: Saskia Wunsch). Die siebenköpfige Securitytruppe der Hexe sieht aus wie eine Mischung aus Alien und Jedi-Rittern (mit Leuchtbesen statt Laserschwertern). Die Hexe selbst, eine manipulative, ja psychopathische Unternehmerin, erscheint passenderweise schon beim Lied „Ein Männlein steht im Walde“ im purpurroten Mantel und weckt im adoleszenten Hänsel erstes erotisches Verlangen. Später entpuppt sie sich als eiskalte Unternehmerin: Ihr Lebkuchenhaus ist eine riesige Fabrik, in der kleine Menschen zu Lebkuchen verarbeitet werden.

Da ist aber der Tanz . Hänsel und Gretel sind hier Heranwachsende, und ihnen wie dem Kinderchor hat Janine Grellscheid ziemlich heutige (Hip-Hop-)Bewegungen beigebracht. Da ist der Besen, der bei Gretels Kampf gegen die Hexe zum Zauberstab wird. Da ist die rosarote Seite der Macht hinter den Fabrikschloten. Und da sind die Sänger. Rosie Aldridge ist in die Rolle der Hexe vollkommen hineingewachsen, sie ist so aalglatt, dass man nicht mal mehr weiß, ob sie nun selbst böse ist oder nur Teil eines menschenverachtenden Systems.

Ida Ränzlöv gibt den Hänsel ganz ohne aufgesetzte Bübelei und findet mit ihrem warmen, beweglichen Mezzosopran in dieser Partie auch sängerisch das reine Glück. Josefin Feiler als Gretel weiß genau, wo sie ihren feinen Sopran aufblühen und wo sie ihn besser zurücknehmen soll (nämlich in den hier wunderschön ausbalancierten Duetten mit Hänsel). Dazu kommen Catriona Smith als Mutter, die glaubhaft wütend, verzweifelt und überglücklich sein kann, und Shigeo Ishino, dessen „Ra-la-la-la, ra-la-la-la, Hunger ist der beste Koch“ einem noch lange im Ohr bleibt. Ebenso wie die vielen anderen Hits des Stücks: der Abendsegen, das „Brüderlein, komm tanz mit mir“. Dies alles ist auch da, und schon deshalb kann das Dunkel hier allenfalls grau sein.

Das Ende ist nicht glücklich, aber voller Hoffnung

Das Ende ist sogar ziemlich bunt. „Wenn die Not aufs Höchste steigt, Gott der Herr die Hand uns reicht!“, heißt es im Finale. Der von Bernhard Moncado sehr gut einstudierte Kinderchor und die Ritter-Statisten irren dazu auf der Bühne umher. Gretel hat die Begegnung mit der Hexe aus dem Kindheitstraum geweckt. Hänsel lässt seine Eltern stehen und gesellt sich zum Taumännchen (Claudia Muschio). Es verteilt Fruchtkörper jenes Myzels, dessen Fäden schon in der Waldnacht die Kinder umgaben.

Die blauen Pilze der Romantik: Sie stehen für die Utopie, mit der Ranischs Inszenierung endet. So wie sich Pilze durch innige Verflechtung zu Überlebenskünstlern entwickelten, könnten schließlich auch Menschen Stärke aus Gemeinschaft entwickeln. Oder notfalls gemeinsam Pilze naschen. Es soll welche geben, die fast so halluzinogen wirken wie Humperdincks immer wieder überwältigend schöne Opernmusik.

Info

Vorstellungen
„Hänsel und Gretel“ ist nochmals am 9., 20. (Doppelvorstellung) und 26. Februar sowie am 9., 11., 13. und 28. März zu erleben.

Karten
Telefonisch unter 07 11 / 20 20 90 oder www.staatsoper-stuttgart.de (ben)