Szene aus Kirill Serebrennikows Film zu „Hänsel und Gretel“ Foto: © Regie: Kirill Serebrennikov, Kamera: Denis Klebleev, Produktion: Márk Szilágy

Einen Tag nachdem die russischen Behörden den Hausarrest des Regisseurs Kirill Serebrennikow um weitere drei Monate verlängert haben, hat die Oper Stuttgart Details der Inszenierung verraten, die an diesem Sonntag ohne den Regisseur stattfinden wird.

Stuttgart - Es ist Herbst, auch in der Oper Stuttgart. Zumindest aus der Perspektive derer, die sich dem Haus von Ferne nähern, verdecken zurzeit oft Nebelschwaden die klare Sicht. Drinnen wird inszeniert, aber man weiß nicht recht was; da stellt man ein Stück auf die Bühne, aber ohne Regisseur; da geht es um Kunst, aber auch um ein politisches Statement; da wird ein Märchen erzählt, aber auch von den Gefahren der globalen Armut berichtet; da ist die Rede von der gemeinsamen Suche nach einer Erzählung und davon, dass der Regisseur, der nicht da sein darf, irgendwie auch anwesend sein soll. So viel Nebel!

Am Mittwochvormittag, einen Tag nachdem der Hausarrest von Kirill Serebrennikow nach sechs Verhandlungsstunden in Moskau um weitere drei Monate verlängert wurde, hat die Oper Stuttgart zum Pressegespräch geladen. „Wir sind traurig und wütend“, so der Kommentar des Intendanten Jossi Wieler. Grund- und haltlos, sagt der Chefdramaturg Sergio Morabito, sei der Vorwurf der russischen Behörden, der Regisseur habe staatliche Fördergelder veruntreut. Die Aussichten für Serebrennikow sind düster, eine längere Inhaftierung droht. In Stuttgart gibt man die Hoffnung dennoch nicht auf – und wird mit großer kollektiver Kraftanstrengung am Sonntag „Hänsel und Gretel“ auf die Bühne bringen.

Der Film ist ein zentrales Element der Inszenierung

Dass diese Inszenierung, die nach Wielers Aussage „das ganze Haus gemeinsam gestemmt hat“, vom Geist Serebrennikows durchweht wird, liegt vor allem an dem Film, den er im Frühjahr in Ruanda und Stuttgart gedreht hat. Auf dessen Bilder sollte sich die Bühnenhandlung beziehen. Auch jetzt ist der Film, der auf die Musik zugeschnitten wird (nicht umgekehrt!), ein zentrales Element der Produktion – aber „die neue Art von Musiktheater“, die der russische Regisseur nach Wielers Aussage erfinden wollte, „wird es so jetzt nicht geben“. Etwa achtzig Prozent des Films, sagt Serebrennikows Mitarbeiter Ilya Shagalov, seien fertiggestellt, den Rest werde man nicht vollenden, um Serebrennikow noch etwas übrig zu lassen. Der Wunsch, dass der Regisseur seine eigenen Ideen zu „Hänsel und Gretel“ in Stuttgart eines Tages doch noch umsetzen wird, steht weiter im Raum – und hat auch die Arbeit an der aktuellen Inszenierung geprägt, bei der man bewusst nicht die fertigen Bühnenbilder und die Kostümentwürfe des Russen verwendete.

Was genau am Sonntag zu sehen sein wird? Dafür, dass sich der Nebel jetzt ein wenig lichtete, sorgte schon die Vorführung von Teilen eines Dokumentarfilms, den Hanna Fischer für den SWR gedreht hat. „Der Fall Serebrennikow“ heißt der Streifen, der die Entstehung der Operninszenierung von den ersten Filmarbeiten in Ruanda bis hin zur Premiere begleitet und dessen Endfassung am 19. November um 11 Uhr im SWR-Fernsehen gezeigt wird. Zu sehen ist, wie Serebrennikow mit der Kamera das Alltagsleben in Ruanda fast dokumentarisch einfangen lässt – und wie er vor diesem Hintergrund die Märchenhandlung mit zwei verspielt improvisierenden ruandischen Kindern inszeniert. Der Hunger der Kinder im Märchen: Wo wäre er heute präsenter als in Afrika? „Für mich“, sagt der Regisseur im Dokumentarfilm, „ist es ein Albtraum, wenn eine dicke Darstellerin von Hunger singt.“

Hänsel und Gretel wachen in dem Land auf, das sie sich erträumten

In Engelbert Humperdincks Oper schlafen Hänsel und Gretel ein. In Serebrennikows Film zur Oper wachen sie auf dem Kontinent auf, den sie sich erträumten. Dort begegnen sie: der Hexe – aber die ist keine Person, sondern ganz allgemein die Welt des Konsums. Vor dem Schaufenster einer Konditorei mit zuckersüßer Tortenauslage drücken sich die ruandischen Kinder die Nasen platt. „Die Figur der Hexe“, sagt die Dramaturgin Ann-Christine Mecke, „hat Kirill Serebrennikow in seinem Film ausgelassen. Deshalb mussten wir dafür eine spezielle theatrale Lösung finden.“ Insgesamt habe man für die Inszenierung eine „dramaturgische Form gewählt, die nicht verdeckt, dass Sänger am Werk sind“: eine epische, vielleicht sogar postdramatische Form. „Natürlich“, so Mecke, „sind Sänger auf der Bühne immer Darsteller, nicht sie selbst, aber die Ebenen werden hier durchlässiger.“

Wie aber kann das gelingen, was sich die Oper seit der Nachricht von Kirill Serebrennikows Hausarrest vorgenommen hat? Kann man tatsächlich zwei Geschichten auf einmal erzählen: die von Hänsel und Gretel und die von einem Regisseur, der deren Geschichte eben nicht inszenieren kann? Wie kann ein Musiktheaterabend rund werden, der aufzeigt, dass er nicht rund sein kann? „Die Märchenhandlung und die Geschichte der Produktion überlagern sich“, sagt Ann-Christine Mecke, „und der Wendepunkt ist der Moment, an dem die Hexe auftaucht. Da spürt man, dass die Hoffnung und Freude des Anfangs nicht bleiben können. Wir sehen auch die Geschichte eines Ensembles, das sich auf eine Arbeit freut, die so nicht stattfindet.“

Oper für Kinder?

Ob das etwas für Familien, für Kinder ist? Von einer Zielgruppe „ab acht Jahren“ spricht der Intendant. Dass auch Kinder die Inszenierung verstehen sollen, so die Dramaturgin, sei eine Leitidee der aktuellen Arbeit gewesen – „und Kinder werden hier immer etwas finden, das sie interessiert“. Schwerer täten sich womöglich deren Eltern und Großeltern – „zumindest dann, wenn sie eine feste Vorstellung davon haben, wie Hänsel und Gretel auszusehen haben“. Die Spannung steigt. Am Sonntag wird der letzte Nebel weichen.

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