Esther Dierkes als Gretel in „Hänsel und Gretel“ Foto: Thomas Aurin

Am Sonntagabend hat Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ Premiere gefeiert: als „Musiktheater, gestaltet vom Ensemble der Oper Stuttgart“. Musikalisch ist Glänzendes zu hören. Zu sehen ist ein richtiges, wichtiges politisches Statement. Eine schlüssige Inszenierung ist es nicht.

Stuttgart - Ja, sagt lächelnd Kirill Serebrennikow, das Ende der Oper sei glücklich: „ein Happy End in Afrika“. Das Publikum im Opernhaus sieht den Regisseur auf der Leinwand, die über der Bühne hängt: Dort wird Serebrennikows „Hänsel und Gretel“-Film mit zwei ruandischen Kindern gezeigt, und dort wird kurz vor dem Finale der Oper auch ein kleiner Ausschnitt aus der Dokumentation eingespielt, die ein Team des SWR über die Arbeit des 48-Jährigen an Engelbert Humperdincks romantischem Erfolgsstück gedreht hat. Physisch ist Serebrennikow nicht anwesend; der Hausarrest, mit den ihn die russischen Behörden wegen der vermeintlichen Unterschlagung staatlicher Fördergelder belegten, verhinderte seine Inszenierung dessen, was sich zwischen Film und Orchestermusik auf der Bühne ereignen sollte.

Nur das gezeichnete Konterfei des Regisseurs ist überall: Auf einem Banner am Opernhaus, auf den T-Shirts der Mitarbeiter. „Free Kirill“ steht darauf. Esther Dierkes, die hoch engagierte, agile Sängerin der Gretel, trägt ebenfalls eines. Und „To be continued“ ist auf der Filmleinwand zu lesen, bevor sich am Ende der Vorhang senkt. Serebrennikow, so hoffen alle hier, wird seine Arbeit an „Hänsel und Gretel“ irgendwann doch noch beenden.

Musiktheater ohne Regisseur

Es ist aber auch jetzt etwas auf der Bühne zu sehen. Die Produktion vollständig vom Spielplan zu streichen, wäre, so die einleuchtende Meinung des Hauses, ein politisch falsches Signal gewesen. Deshalb erlebt man jetzt einen Abend, der etwas versucht, das weder gelingen kann noch überhaupt sollte: nämlich ein schlüssiges Musiktheater-Erlebnis zu bieten und gleichzeitig auch keines – um das Fehlen des Regisseurs deutlich zu machen. Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage. Sie machte das schwierig, was jetzt im Programmheft als Ergebnis einer gemeinsamen Gestaltung des Opernensembles bezeichnet wird, und sie wirft der Rezensentin Knüppel zwischen die Füße. Da die Produktion einen fertiggestellten Film enthält, da sie den Anspruch erhebt, ein „komplettes künstlerisches Erlebnis“ sein zu wollen und da sie weiterhin auf dem Spielplan der Oper steht, sei es dennoch gewagt.

Dabei ist es schwierig, das politische Statement von der Kunst zu trennen, denn bis zum Ende ist die Aufführung, auch wenn man es sichtlich zu vermeiden suchte, durchtränkt mit einem gewissen Betroffenheitspathos, das zudem den Rahmen des Bühnengeschehens selbst mitbestimmt. Das Orchester, zu wunderschön silbrigen Streichertönen und zu wonnigen Piano-Momenten geleitet von Georg Fritzsch, ist auf der Bühne, es ersetzt die Bühnenbilder Serebrennikows, die man bewusst nicht verwendet hat, und zum Vorspiel kommen die sechs Sänger der Oper auf die Bühne. „Es war einmal ein Märchen“, „Es war einmal eine Sängerin“: So beginnen die Sätze, mit denen sie sich vorstellen, so installieren sie jene Distanz der Ausführenden zu den von ihnen gespielten Figuren, die für das epische Theater typisch ist, und so rücken sich die Darsteller in Distanz zu dem, was jetzt wie eine Inszenierung in Anführungszeichen wirkt: wie ein Stellvertreter für das eigentlich Gewollte im Spielraum zwischen Film und Musik.

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