Die Säule des Götterboten Merkur in Stuttgart – der Götterbote stammt aus der griechisch-römischen Mythologie, der von den Hellenen Hermes genannt wurde Foto: Fotolia

Die Ressentiments gegen Griechen in Stuttgart nehmen zu – und öffentlich widerspricht kaum einer. Dabei gehören Menschen mit griechischen Wurzeln schon seit Jahrzehnten zum Stadtbild. Eine Bestandsaufnahme.

Stuttgart - Es ist ein warmer Sommerabend. Im Biergarten hinter einem gelben Eckhaus in der Robert-Koch-Straße sitzen ein Paar und eine Frauengruppe. Die letzten Sonnenstrahlen des Abends lugen hier über die Wipfel der dichten Hecken. Die Gäste speisen und sprechen leise miteinander. Innen, in der Wirtsstube der deutsch-griechischen Gaststätte „Beim Paul“, geht es deutlich lautstärker zu.

An den Holztischen sitzen rund 20 Männer, fast alle von ihnen sind zwischen 30 und 60 Jahre alt. Sie unterhalten sich angeregt auf Griechisch. Bei den Diskussionen geht es allerdings nicht – wie manch einer vielleicht erwarten würde – um die jüngsten politischen Ereignisse in Athen. Es geht um Alltagsdinge. Und um Fußball. Kein Wunder, über die Fernsehschirme an den Wänden flimmert das Qualifikationsspiel zur Europa League zwischen Lokomotiva Zagreb und PAOK Saloniki.

Inhaber Theodoros Mpouranis steht hinter dem Tresen und zapft Bier. Unter seinen Stammgästen seien etwa eine Hälfte Deutsche und eine Hälfte Griechen, erzählt er. Nur freitags, wenn auf Holzkohle gegrillt wird, überwiege der deutsche Teil. Die Gaststätte in Stuttgart-Vaihingen betreibt er nun schon seit 26 Jahren. Er sei politisch weder engagiert noch übermäßig interessiert, sagt der 53-Jährige. Aber in den vergangenen Wochen sei er von seinen Gästen immer wieder wegen der Finanzkrise im hellenischen Staat angesprochen worden: „Mal meinen es die Leute spaßig, mal meinen sie es ernst. Aber klar, dass ich mich dann zwangsläufig damit auseinandersetzen muss.“ Flapsige Bemerkungen über das griechische Volk prallen an dem Mann mit der kräftigen Statur und dem Stoppelhaarschnitt nach eigener Aussage ab. „Das ist mir egal.“

Frotzeleien lassen Griechen in Stuttgart nicht mehr kalt

Andere Menschen mit griechischen Wurzeln in Stuttgart lassen die anhaltenden Frotzeleien nicht mehr kalt. Dimitrios Arvanitopoulos ist einer von ihnen. Auch er ist an diesem Abend unter den Gästen von Mpouranis. Der 22-Jährige ist in Stuttgart geboren, im Stadtbezirk Vaihingen aufgewachsen und absolviert derzeit eine Ausbildung zum Finanz- und Versicherungskaufmann beim größten Versicherer Deutschlands. Er fühle sich mehr schwäbisch als griechisch, sagt er. Sein Vater Vasileios arbeitet seit Jahrzehnten als Fliesenleger in Stuttgart, seine Schwester Parthena schreibt derzeit an ihrer Doktorarbeit in Chemie. Und dennoch wird Arvanitopoulos aufgrund seiner Abstammung seit Monaten mit hämischen und intoleranten Bemerkungen bedacht – von Bekannten, Klassenkameraden an der Berufsschule und manchmal sogar von Klienten.

Am Anfang habe er die Witze über die Schuldenkrise Griechenlands noch hingenommen und mitgelacht. Dass die Probleme in dem Staat nun aber auf die in Deutschland lebenden Griechen projiziert werden, ärgert den jungen Mann. „Es steht außer Frage, dass in Griechenland Fehler gemacht wurden – aber was können wir Griechen hier in Stuttgart dafür?“, fragt er. Permanent mache man sich über Griechen lustig, fast wöchentlich gebe es einen neuen dummen Spruch, sagt er: „So langsam regt mich das richtig auf.“

„Es sind keine Einzelfälle mehr“

Ist Dimitrios Arvanitopoulos eine Ausnahme? Mitnichten! In den Gassen Bad Cannstatts in der Nähe des Bahnhofs, in denen es viele griechische Cafés und Restaurants gibt, berichten mehrere Stuttgarter mit griechischen Wurzeln von Häme und Hetze gegen Griechen. „Es sind keine Einzelfälle mehr“, betont Anna Ioannidou, Rechtsanwältin und Mit-Initiatorin der Neuen Hellenischen Gemeinde. Sie selbst sei vor kurzem auf einer Fete von einem bio-deutschen Gast verbal angegangen worden. Der Mann habe ihr vorgehalten, dass die Griechen lügen, betrügen, Steuern hinterziehen und zu früh in Rente gehen würden. „So etwas trifft mich sehr“, sagt die 52-Jährige, „das macht traurig und wütend.“

Griechische Schüler werden gemobbt

Auch an Schulen kommt es zunehmend zu Hänseleien, die griechische Kinder und Jugendliche ob der angespannten Situation in Griechenland ertragen müssen. An einer Realschule im Stadtteil Mühlhausen sei ihr Sohn von drei Klassenkameraden in der kleinen Pause mit Münzen beworfen worden, sagt Paraskevi Tsouka. Dazu habe das Trio dem griechischen Jungen „Spende für Griechenland“ hinterhergerufen.

Der Fall ereignete sich bereits Anfang Oktober 2013. Die drei Übeltäter seien später belehrt worden, dass sich das nicht gehöre. Die Schüler haben sich laut Tsouka nie entschuldigt, die Klassenlehrerin habe ihr zudem ein Elterngespräch verweigert. Erst nach Weihnachten schloss die Mutter von zwei Kindern mit dem Fall gedanklich ab. Doch vor kurzem brachen die alten Wunden wieder auf, als ihre Tochter, die eine dritte Klasse besucht, von Mitschülern angesprochen wurde, ob sie Geld brauche. Selbst bei einem Kinderarzt musste sie sich aufgrund ihrer griechischen Abstammung einen zynischen Kommentar anhören. „Ich bin in Dachau geboren, in Stuttgart aufgewachsen. Stuttgart ist meine Stadt, meine Heimat. Ich habe von meinen Stuttgarter Nachbarn nur Gutes erfahren“, sagt Tsouka, die Erzieherin ist, „aber allmählich fange ich an, mich unwohlzufühlen und ein anderes Bild von der Gesellschaft hier zu ­bekommen.“

Anwältin Ioannidou hat in Gesprächen mit anderen griechischstämmigen Stuttgartern außerdem mitbekommen, dass ein Lehrer im Erdkunde-Unterricht offen gegen Griechenland gewettert habe. „Das ist befremdlich“, sagt sie.

Griechen-Spott gibt es in allen Schichten

Die Beispiele von Arvanitopoulos, Ioannidou und Tsouka zeigen: Der Griechen-Spott ist ein Phänomen, das quer durch alle Schichten vorkommt und offenbar von der breiten Gesellschaft einfach so akzeptiert wird. Und eines, das in den vergangenen Wochen massiv zugenommen hat.

Thomas Strobl, CDU-Bundesvize und baden-württembergischer CDU-Landeschef, zum Beispiel hatte am vergangenen Montag gesagt: „Der Grieche hat jetzt lange genug genervt.“ Zwar hat sich Strobl mittlerweile entschuldigt und erklärt, dass nicht das griechische Volk gemeint gewesen sei, sondern der linke Ministerpräsident Alexis Tsipras. In der griechischen Bevölkerung, die in Deutschland lebt, bleibt ein fader Beigeschmack zurück.

Auch dass Pfarrer Matthias Vosseler es am Mittwoch für „gut möglich“ hielt, dass die Schmierereien an der Tür der Stuttgarter Stiftskirche im Zusammenhang mit der Griechenland-Debatte stehen, kam bei den griechischstämmigen Menschen in der Landeshauptstadt gar nicht gut an.

Doch woran liegt es, dass die Diskriminierung von griechischstämmigen Menschen salonfähig geworden ist? Fremdenfeindlichkeit? Fehlende Empathie? Überheblichkeit? Oder einfach Unbedachtheit? Womöglich eine Mischung aus allem.

Allermeisten Griechen in Deutschland sind voll integriert

Was viele derer, die Ressentiments gegen die in Deutschland lebenden Griechen schüren, offenbar vergessen: Die meisten von ihnen sind Menschen, die in der Bundesrepublik geboren und in der Gesellschaft voll integriert sind. Sie gehen einem geregelten Job nach und zahlen hierzulande ebenso ihre Steuern wie ihre schwäbischen Nachbarn. „Man muss sich nicht solidarisieren mit Griechenland, aber man sollte nicht immer pauschalisieren und die Lage zivilisiert auseinanderdividieren“, fordert Ioannidou. Die Griechen in Stuttgart wollen sich nicht mehr rechtfertigen müssen für etwas, das sie gar nicht beeinflussen konnten und können. „Es reicht!“, sagt Ioannidou. „Es kann nicht sein, dass die Stuttgarter Griechen in Sippenhaft genommen werden. Und es kann vor allem nicht sein, dass sich gerade Kinder schämen müssen, weil sie griechisch sind.“

Denn die Geschichte Stuttgarts zeigt: Die Griechen gehören seit den frühen 60er Jahren zum Stadtbild. „Sie bereichern Stuttgart“, sagt der Integrationsbeauftragte der Stadt, Gari Pavkovic. Die ersten griechischen Gastarbeiter kamen in den Stuttgarter Kessel, nachdem die Bundesrepublik Deutschland im März 1960 das Anwerbeabkommen mit Griechenland geschlossen hatte. Mittlerweile leben nach Angaben der Stadt 17 342 Menschen mit griechischen Wurzeln in Stuttgart (Stand: 31. Dezember 2014). 3531 von ihnen haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Seit 2011 sind jedes Jahr mehr als 1000 Griechen in die Landeshauptstadt gezogen, die Netto-Zuwanderung beträgt 300 bis 600 Griechen pro Jahr. „Und ich gehe davon aus, dass der Trend erst mal so bleibt“, sagt Pavkovic.

GFV Omonia Vaihingen ein Beispiel für Offenheit der Griechen

Wie offen die meisten Griechen sind, lässt sich am Beispiel des Griechischen Fußballvereins Omonia Vaihingen belegen. Er wurde 1962 von griechischen Gastarbeitern gegründet. Damals spielten dort nur Hellenen. Aber schon bald änderte sich das. „Beim Paul“-Wirt Theodoros Mpouranis ist seit vielen Jahren einer der Macher bei Omonia. Er hat gute wie schlechte Zeiten mit dem Club erlebt: Aufstiege bis in die Landesliga und den Wiederabsturz bis in die Kreisliga B. Über Jahrzehnte nutzten die Vaihinger dabei die Sportanlagen anderer Vereine in Rohr und Büsnau. „Nie gab es Probleme“, sagt Mpouranis. Im Jugendbereich kooperiert der Verein seit sieben Jahren zudem mit dem 1. FC Lauchhau-Lauchäcker 04.

Zum aktuellen Team, das in der Kreisliga A spielt, gehören deutsche, griechische, türkische, albanische, italienische und kroatische Spieler. Theo Mpouranis freut sich über die Vielfalt: „Die Nationalität ist doch ganz egal – Hauptsache, es sind menschlich gute Jungs.“

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