H & M hat sich inzwischen entschuldigt und den Pullover aus dem Programm genommen. Foto: H&M/AP

Rassismus, Kalkül oder Dummheit? Die Affäre um einen Pullover im Angebot der Modekette H&M zeigt: Die Sensibilität für rassistische Verunglimpfungen sinkt, kommentiert unser Autor Michael Setzer.

Stuttgart - Der Idealfall ist klar: Ein schwarzer Junge trägt einen grünen Kapuzenpulli mit der Aufschrift „Coolest Monkey In The Jungle“, und niemand würde Anstoß daran nehmen – auch weil der Kleine tatsächlich so cool aussieht, dass man Kühlschränke nach ihm benennen könnte. Doch das Leben ist kein Wunschkonzert.

Denn nur einen Klick entfernt steht ein mindestens ebenso lässiger weißer Junge im Onlineangebot der Modekette H&M: er trägt einen Pullover mit der Aufschrift „Survival Expert“ (Überlebenskünstler). So viel zur hoffentlich unabsichtlichen Rollenverteilung.

Wie das schwedische Modehaus H&M den Pulli in seinem Online-Shop beworben hat, ist unglücklich, eventuell auch ein bisschen dumm, aber unter Umständen eben auch rassistisch. Denn besonders dunkelhäutige Menschen hatten bereits in der Vergangenheit nicht darum gebeten, als Affen bezeichnet oder im Fußballstadion unter Affenlauten mit Bananen beworfen zu werden.

Rassismus oder kalkulierter Tabubruch?

Hochrechnungen aus anderen Ecken des Internets: Man möge sich jetzt bitteschön nicht so dünnhäutig anstellen. Das sei ja wohl nicht so schlimm. Als ob die Deutungshoheit darüber, was als rassistisch wahrgenommen wird, ausgerechnet im Entscheidungsbereich derer läge, die nicht davon betroffen sind. Zu entscheiden, wo Diskriminierung anfängt, ist das letzte Privileg der Betroffenen, nicht das der Angreifer. Und schon gar nicht derer, die nicht verstehen wollen, was denn daran anstößig sein könnte, einen Fehlpass im Stadion „jüdisch“, eine miese Platte „schwul“ zu nennen oder die Kollegin für ihre stattliche Oberweite zu loben.

Ansonsten könnte man gleich Harvey Weinstein als Gleichstellungsbeauftragten für die Firma anheuern.

Ob die Entscheider bei H&M während der Arbeit trinken, etwas begriffsstutzig sind oder latent rassistisch – oder einfach nur mit einem kalkulierten Tabubruch die Aufmerksamkeit für ihre Marke steigern wollten, ist dabei unerheblich. Keine dieser Möglichkeiten wäre für das Unternehmen schmeichelhaft.

michael.setzer@stzn.de

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