Gab es einen rechtsextremen Vorfall am Geislinger Michelberg-Gymnasium? Ein Vater erhebt schwere Anschuldigungen gegen Schüler, die Schulleitung widerspricht.
Sie sind „absolut inakzeptabel“: Nationalsozialistische Gesten und Parolen widersprechen dem Leitbild und den Grundwerten des Michelberg-Gymnasiums „in eklatanter Weise“. Dies stellt Schulleiterin Martina Bach auf Nachfrage klar. Auslöser sind Vorwürfe des Vaters einer Schülerin, wonach Mitschüler wiederholt rechtsextremes Verhalten gezeigt haben sollen.
Der Vater hatte dem SWR laut einem Online-Beitrag Folgendes berichtet: Ein Schüler habe 2023 im Unterricht den Hitlergruß gezeigt und „Heil Hitler“ gerufen. 2025 seien zwei Schüler mehrere Male im Unterricht und in den Pausen mit den gleichen Äußerungen aufgefallen. Außerdem hätten sich dieselben Schüler über den Sohn einer KZ-Überlebenden lustig gemacht, als dieser von dem Thema erzählte. Der Schule sowie auch dem Regierungspräsidium Stuttgart (RPS) sind die Vorwürfe bekannt, teilen sie mit. Laut Schulleiterin Martina Bach seien die Anschuldigungen von einer Familie vorgebracht worden, „die sich seit Ende 2022 mit einer Vielzahl von Beschwerden zu unterschiedlichen Themenbereichen an die Schule gewandt hat“. In diesem Zusammenhang wurde auch eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Schulleiterin erhoben, die das RPS geprüft und als unbegründet zurückgewiesen hat.
Alle Beschwerden wurden der Schulleiterin zufolge ernst genommen
Alle Beschwerden wurden der Schulleiterin und dem RPS zufolge ernst genommen und bearbeitet. Es seien Stellungnahmen eingeholt und Gespräche geführt worden, Martina Bach habe die Lehrkräfte, die Elternvertretung sowie Schülerinnen und Schüler befragt. Sie berichtet: „Keine der Lehrpersonen konnte entsprechende nationalsozialistische Äußerungen bestätigen.“ Auch in Gesprächen mit den beschuldigten Schülern und deren Eltern seien die Vorwürfe zurückgewiesen worden. Das Mädchen, deren Vater sich gemeldet hatte, habe laut RPS bei der Befragung die Aussage verweigert, weil seine Eltern nicht anwesend waren.
Schüler wurden aufgefordert, Vorfälle unverzüglich zu melden
Im Sommer vergangenen Jahres habe Bach in der Klasse auf das Verbot der Verwendung nationalsozialistischer Symbole hingewiesen und auf mögliche straf- und schulrechtliche Konsequenzen aufmerksam gemacht. Sie habe die Schülerinnen und Schüler ausdrücklich aufgefordert, etwaige Vorfälle unverzüglich zu melden. Zudem habe sie die Eltern schriftlich informiert, Position bezogen und um Unterstützung in der Wertevermittlung gebeten. „Unsere Schule soll ein sicherer Ort für alle Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte sein“, teilt die Schulleiterin mit.
Im Michelberg-Gymnasium komme es vereinzelt zu Vorfällen, in denen sich Kinder unangemessen verhalten, berichtet Bach. Hinweise auf ein strukturelles oder organisiertes rechtsextremes Problem lägen nicht vor. Schule sei ein gesellschaftlicher Lern- und Erfahrungsraum, in den Schüler unterschiedliche Prägungen, Einflüsse aus sozialen Medien und gesellschaftliche Diskussionen einbringen. Einzelne Grenzüberschreitungen oder Provokationen könnten daher nicht vollständig ausgeschlossen werden. „Entscheidend ist für uns, dass wir bei Bekanntwerden unmittelbar reagieren, klar Position beziehen und Vorfälle transparent sowie konsequent aufarbeiten“, erklärt die Schulleiterin.
Die Zahl von Diskriminierungsfällen wächst
Jedoch zeigen Daten des Regierungspräsidiums: Die Zahl an Diskriminierungsfällen an Schulen im gesamten Regierungsbezirk Stuttgart nimmt zu. Der Bezirk erstreckt sich von Geislingen bis Wertheim im Main-Tauber-Kreis, von Crailsheim im Kreis Schwäbisch Hall bis Herrenberg im Kreis Böblingen. Vor fünf Jahren, zum Schuljahr 2020/2021, gab es dort 16 Fälle von Diskriminierung, im Folgejahr waren es fünf. Seit dem Schuljahr 2023/2024 wird bei der Erfassung zwischen „rechtsextremistisch“ und „ethnisch-diskriminierend“ unterschieden. In jenem Jahr sprang die Gesamtzahl der Vorfälle auf 43, davon fielen 30 in die Kategorie „rechtsextremistisch“. Im aktuellen Schuljahr gibt es bisher 20 Fälle, 16 davon rechtsextremistisch.
Die Zunahme an Fällen ist laut Martina Bach ein bundesweites Phänomen. Es sei zu beobachten, dass extremistische und demokratiefeindliche Inhalte stärker sichtbar werden. Digitale Plattformen erleichterten deren Verbreitung. Umso wichtiger sei nachhaltige Demokratiebildung, in der Schule sowie in der Gesellschaft.
Schulleitungen können dem RPS zufolge mit einigen Maßnahmen auf Fehlverhalten der Schüler reagieren – diese reichen bis zum Schulausschluss. Wichtig sei, Extremismus vorzubeugen. Das RPS unterstütze mit Präventionsangeboten, Beratungskräften, der Schulpsychologie und Schulsozialarbeit. Das Michelberg-Gymnasium hat der Schulleitung zufolge Demokratieerziehung fest im Leitbild und Bildungsprogramm verankert. Es trage das Label „Schule ohne Extremismus – Schule mit Courage“.
Fälle von Diskriminierung im Unterricht
Bezirk
Die Zahlen geben Fälle von Diskriminierung an Schulen im Regierungsbezirk Stuttgart wieder. Dieser erstreckt sich von Geislingen bis Wertheim (Main-Tauber-Kreis), von Crailsheim (Kreis Schwäbisch Hall) bis Herrenberg (Kreis Böblingen).
Zahlen
Für das Schuljahr 2020/21 wurde von insgesamt 16 Fällen berichtet, für das Schuljahr 2021/22 von fünf sowie für das Schuljahr 2022/23 von neun fällen, heißt es aus dem Regierungspräsidium.
Einordnung
Seit dem Schuljahr 2023/24 wird bei den Diskriminierungsfällen nach „rechtsextremistisch“ und „ethnisch-diskriminierend“ differenziert. Im Jahr 2023/24 sprang die Gesamtzahl der Vorfälle auf 43, davon fielen 30 in die Kategorie „rechtsextremistisch“ und 13 in die Kategorie „ethnisch-diskriminierend“. Für das Schuljahr 2024/25 wurden 46 Fälle insgesamt bekannt, von denen 33 als rechtsextremistisch eingestuft wurden. Im aktuellen Schuljahr gibt es bisher 20 Fälle, wovon 16 als rechtsextremistisch gelten.