Seit andere Bundesländer zum neunjährigen Gymnasium zurückgekehrt sind, kommt die Debatte ums Abitur auch im Südwesten nicht mehr zur Ruhe. Foto: dpa/Felix Kästle

Neun Jahre lernen bis zum Abitur – Eltern aus dem Land wollen, dass das wieder die Regel wird. Grün-Schwarz lehnt dies ab. Jetzt wird die gymnasiale Wende von unten versucht.

Die Elterninitiative „G9 jetzt“ hat den ersten Schritt unternommen, um die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium über ein Volksbegehren im Land durchzusetzen. Laut dem elfseitigen Gesetzentwurf, den die Initiatoren dem Landtag zugesandt haben, soll das neunjährige Gymnasium zum nächst möglichen Zeitpunkt in Baden-Württemberg wieder die Regelschule bis zum Abitur werden. G8-Züge, die den Weg zur Hochschulreife an den allgemeinbildenden Gymnasien ein Jahr schneller zurücklegen – was aktuell die Regel im Land ist –, sollen von den Schulen nur noch bei Bedarf angeboten werden.

 

Wahlfreiheit für Fünft- bis Zehntklässler gefordert

„Hierdurch wird dauerhaft und flächendeckend eine Wahlfreiheit zwischen G9 und G8 ermöglicht“, heißt es in dem Volksantrag. „Wir möchten, dass nicht nur die künftigen Fünftklässler zwischen dem neun- und dem achtjährigen Weg zum Abitur im Gymnasium wählen können“, betonte Anja Plesch-Krubner, eine Sprecherin der Initiative auf Anfrage. „Auch für die aktuellen Sechst- bis Zehntklässler muss so bald wie möglich Wahlfreiheit gelten.“ Um das Vorhaben umzusetzen werden laut den Angaben im Gesetzentwurf in der achtjährigen Umstellungsphase 1117 bis 1329 zusätzliche Lehrkräfte benötigt.

Im Landtag gibt es für die laufende Wahlperiode keine Mehrheit für ein solches Vorhaben. Im Koalitionsvertrag haben Grüne und CDU Strukturdebatten eine klare Absage erteilt, weil sie sich nicht auf groß angelegte Schulreformprojekte verständigen können. „Das achtjährige Gymnasium bleibt die Regelform“, heißt es dort ausdrücklich.

Der Volksantrag beim Parlament ist eine Möglichkeit, die die Landesverfassung Bürgern einräumt, um Gesetzesinitiativen, die Landtag und Landesregierung nicht selbst auf den Weg bringen, bei entsprechenden Mehrheiten zum Durchbruch zu verhelfen.

„Das Volk kann die Befassung des Landtags mit Gegenständen der politischen Willensbildung im Zuständigkeitsbereich des Landtags, auch mit einem ausgearbeiteten und mit Gründen versehenen Gesetzentwurf, beantragen“, heißt es in Artikel 59 der Landesverfassung. „Der Landtag hat sich mit dem Volksantrag zu befassen, wenn dieser von mindestens 0,5 vom Hundert der Wahlberechtigten gestellt wird.“

Begründet wird die Forderung nach einer Rückkehr zur neunjährigen Vorbereitung des Abiturs damit, dass im G8 vielen Schülern die Zeit fürs Üben und die Vertiefung der Lernstoffe fehle und dass die Persönlichkeitsentwicklung bei dem straffen Zeitplan zu kurz komme. Seit Einführung des achtjährigen Gymnasiums in Baden-Württemberg 2004 ist die Kritik am überzogenen Druck und den übervollen Stundenplänen in der Mittelstufe nie abgerissen. Die Schulforschung hat zwar nie Belege gefunden für die bemängelten Fehlentwicklungen: übergroßen Stress, Leistungseinbußen, die Verschärfung der sozialen Selektion und das Abbrechen von Sport- oder Musikaktivitäten. Doch spätestens seit die anderen westlichen Bundesländer die Einführung der verkürzten Gymnasialbildung rückabgewickelt haben und zu G9 zurückgekehrt sind, ist der Druck zur Reform auch im Südwesten gewachsen. Die Initiative „G9 jetzt“ hat in den vergangenen Jahren bereits 60 000 Unterschriften für eine einschlägige Petition gesammelt, die im Landtag allerdings kein Echo fand.

Kompliziertes Verfahren

Das Verfahren vom Volksantrag bis zum Volksbegehren ist nicht ganz einfach. Um den Prozess zu starten, brauchen die Befürworter laut Landesverfassung fast 39 000 Unterschriften. Findet der Volksantrag in unveränderter Form im Landtag keine Mehrheit, kann er Gegenstand eines Volksbegehrens werden.

Das Kultusministerium in Stuttgart hat den Antrag zur Kenntnis genommen und arbeitet , „wie im Koalitionsvertrag vorgesehen, an einer Weiterentwicklung des achtjährigen Gymnasiums“, hieß es auf Anfrage. „Wir haben in Baden-Württemberg bereits ein flächendeckendes Angebot für das Abitur in neun Jahren“, setzte Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) hinzu. „Das ist an unseren G9-Modellstandorten möglich, es ist an den Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe möglich und an unseren beruflichen Gymnasien.“ Seit 2012 gibt es im Rahmen eines Schulversuchs, der vor kurzem erneut verlängert wurde, 44 allgemeinbildende Gymnasien, die in neun Jahren zum Abitur führen, in jedem Landkreis eines.