Im neuen Schuljahr sind von September an alle Fünftklässler in Baden-Württemberg wieder im neunjährigen Gymnasium. Die Schulleiter im Landkreis Göppingen sind skeptisch bezüglich der Ausgestaltung.
Jetzt sind es also doch wieder 13 Jahre bis zum Abitur. Ab September haben alle Schüler, die in ein Gymnasium eingeschult werden, neun Jahre bis zum Abitur. Was bedeutet das für die Gymnasien im Landkreis Göppingen, wo muss man noch nachjustieren, und sind die Schulen schon bereit für das neue System?
„G9 scheint ja grundsätzlich schon immer der Wunsch der Eltern zu sein, da die Verdichtung durch G8 relativ hoch ist“, so erscheint es dem Rektor des Freihof-Gymnasiums Göppingen, Andreas Pfletschinger. Der Sprecher der vier Göppinger Gymnasien wundert sich aber über das hohe Tempo in der Umsetzung der jetzigen Pläne. Ab dem nächsten Schuljahr sind alle Gymnasien im Kreis Göppingen wieder G9. Allerdings, so der Schulleiter des Freihof-Gymnasiums, funktioniere das neue G9 nur für eine „bestimmte Klientel“. Nämlich für die Familien, die nicht auf eine Nachmittagsbetreuung angewiesen sind. Am Freihof und den anderen Göppinger Gymnasien werde es weiterhin ein Ganztagsangebot geben, versichert der Schulleiter. Allerdings könnte man die 30 Wochenstunden in der Unterstufe problemlos in den Vormittagsunterricht legen.
Ähnlich sieht es bei seinem Kollegen Ralph Mülherr aus, der Schulleiter des Rechberg-Gymnasiums Donzdorf ist. Er wundert sich über den Umgang der Politik mit dem Ganztag. Bislang sei der Ganztag in allen Bereichen gestärkt worden – und sei nun beinahe flächendeckend auffindbar. Dass die Familien, die den Ganztag gewöhnt sind, jedoch auf einmal in der weiterführenden Schule darauf verzichten müssten, findet er bedenklich. Auch an seiner Schule werde es weiterhin ein Ganztagsangebot geben, beruhigt er.
„G9 ist kein Allheilmittel“
Auch Stephan Arnold, Schulleiter des Erich-Kästner-Gymnasiums (EKG) in Eislingen, wird weiterhin ein Ganztagsangebot an seiner Schule zur Verfügung stellen. Für ihn liegen die Probleme in der Bildungswelt aber tiefer und lassen sich nicht durch ein Jahr mehr Zeit beheben. „G9 ist kein Allheilmittel“, gibt er zu bedenken. Die strukturellen Probleme, eine immer heterogener werdende Schülerschaft, abnehmende Konzentrationsfähigkeit und die zunehmenden psychosozialen Belastungen seien nicht durch ein zusätzliches Jahr behoben. Eher sieht er eine Mehrfachbelastung, gerade für Alleinerziehende. Jetzt gelte es, verschiedene Stundenpläne aufeinander abzustimmen. Wobei hier schon die ersten Probleme aufkommen. Zu den bisherigen Stundenplänen, die zu großen Teilen aus den Pflichtunterrichtsstunden bestehen, gibt es nun im neuen G9 auch neue Fächer, die mit eingebaut werden müssen, etwa das Mentoring, ein Angebot, in dem ein Mentor mit den Schülern deren Zukunftspläne bespricht. Hierfür müssen zum einen die Lehrer eine zusätzliche Fortbildung absolvieren. Gespeist werden Stunden wie das Mentoring aus den Poolstunden, acht pro Klasse und Jahrgang. Drei dieser Poolstunden sind bereits fest verplant, fünf stehen dann noch zur freien Verfügung. „Das Neue ist jetzt, dass die Poolstunden allen Schülern zugutekommen müssen“, so Pfletschinger. War es bislang möglich, eine Poolstunde für die Rechtschreibunterstützung für die Schüler, die diese brauchten, anzubieten, müsse er jetzt auch ein Angebot für die Schüler, die gut in Rechtschreibung sind, anbieten. Die Verteilung der Poolstunden unterscheide sich je nach Profilen der Schulen, zudem seien es weniger als noch im alten G9. Für Mülherr stellen sich noch ganz andere Fragen. Seine Schule in Donzdorf ist bilingual, die Verteilung der Poolstunden könne demnach schon wieder variieren. Auch Stephan Arnold vom EKG sieht ungelöste Fragen bei der Verteilung – an seiner Schule hauptsächlich wegen der Wahlmöglichkeiten der Sport- und Musikprofile.
Was passiert mit Schülern, die sitzenbleiben?
Und was passiert mit Schülern, die sitzenbleiben? Soll es trotz flächendeckendem G9 die Möglichkeit zu G8 geben? Dazu wäre eine Mindestklassengröße von 27 Schülern notwendig. In Göppingen wohl kein Problem, doch die Schulleiter des Eislinger EKG und des Rechberg-Gymnasiums sind da skeptisch. „Wir bräuchten eine Kooperation mit einer anderen Schule, um auf diese Zahl zu kommen. Das ist aber räumlich nicht drin“, erklärt Mülherr, der seinen Schülern auch nicht den Weg aus Donzdorf nach Göppingen zumuten möchte. Vernünftige Stundenpläne könne man erst erstellen, sobald die Lehrpläne vorhanden sind. „Je früher wir die haben, desto besser“, sagt Pfletschinger.
Schulleiter wollten mehr Zeit
Lehrpersonal
Einig sind sich alle drei Schulleiter in einem Wunsch: Etwas mehr Zeit, vielleicht ein Jahr, hätte für die Umsetzung und auch für die Schüler einiges bewirkt. Warum man dem Druck jetzt so schnell nachgegeben habe und G9 überstürzt einführt, verstehe er nicht recht, erklärt Andreas Pfletschinger, Sprecher der Göppinger Gymnasien. Auch seine Kollegen rätseln. Etwas mehr Spielraum und den Einbezug der Schulen hätte sich auch Ralph Mülherr, der Schulleiter des Rechberg-Gymnasiums Donzdorf, gewünscht. „Mehr Freiraum, auch für individuellere Lösungen“, wäre auch für Stephan Arnold vom Erich-Kästner-Gymnasium in Eislingen wichtig gewesen. Er weist darauf hin, wie wichtig gut ausgebildetes Lehrpersonal, politischer Willen und Engagement sei, um die Schüler in der heutigen Welt gut zu unterstützen und vorzubereiten. Denn: „Wir werden unsere Kinder dringend brauchen – sowohl um den Wirtschaftsstandort Deutschland voranzubringen, als auch um unsere humanen Werte zu bewahren und weiterzugeben.“