Detlef Decker angelt unter der Brücke in Mühlhausen, sein Eimer ist leer. Die Wasserqualität des Neckars hat sich zwar verbessert. Im Fluss tummeln sich allerdings weniger Fische. Foto: Max Kovalenko/PPF

Im Neckar werden die Fische knapp. Schuld daran ist nicht allein der Kormoran, wie eine Untersuchung zeigt.

Stuttgart - Ob sie frühmorgens fischen oder ihr Petri Heil in der Abenddämmerung suchen – die Sportfischer am Neckar kommen mit langen Gesichtern nach Hause. An den Haken zappeln immer weniger Barsche, Forellen oder die typischen Neckarflossenträger wie Barbe, Nase oder Schneider. Neuerdings wissen die Neckarangler, dass ihre Erfolglosigkeit nicht am mangelnden ­Geschick oder am fehlenden Glück liegt, sondern handfeste Gründe hat.

„Um beim Fischvorkommen vom Glauben und Meinen zum Wissen zu kommen“, so ­Michael Schramm, der Geschäftsführer des Verbands für Fischerei und Gewässerschutz Baden-Württemberg, habe der Verband zusammen mit der Fischereibehörde beim Regierungspräsidium Stuttgart im Neckarabschnitt zwischen Gundelsheim und Plochingen die Bestände untersucht. Das Ergebnis liegt jetzt vor und wird ausgewertet. Eines können Schramm und Rainald Hoffmann vom ­Regierungspräsidium bereits sagen: „Da sieht’s nicht gut aus.“

Angler bekommen nur noch 15 bis 20 Kilogramm Fisch im Jahr an den Haken

Dank der Leistung der Kläranlagen ­entlang des Flusses gibt es heute wieder 27 von insgesamt 38 Arten, die im Neckar eigentlich zu Hause sein müssten. Allerdings schwimmen viel weniger der typischen Neckarfische wie Barbe, Nase oder Schneider im Wasser. Auf einen Hektar Wasserfläche können die Sportfischer heutzutage nur noch damit rechnen, 15 bis 20 Kilo Fisch im Jahr an den Haken zu bekommen. Früher, als der Fluss noch nicht reguliert, dafür aber stärker verschmutzt war, betrug die Fangmenge rund 120 Kilogramm. Augenfällig sei, so Hoffmann, dass im Gegensatz zu den neunziger Jahren heute im Neckar bei allen Arten vor allem die laichfähigen Fische im Alter von drei bis fünf Jahren fehlen. Vor Beginn der Untersuchung haben die Angler vor allem die starke Zunahme der Kormoranvorkommen für diese Entwicklung verantwortlich gemacht. Tatsächlich passen typische Neckarfische in diesem Alter gut in den Schlund der Vögel. Sie ernähren sich ausschließlich von Fisch .

„Wer die ganze Schuld auf den Kormoran schiebt, macht es sich zu leicht“, meint ­dagegen Rainald Hoffmann. Durch den ­Ausbau des Neckars zur Schifffahrtsstraße mache es sich in den letzten Jahren immer stärker bemerkbar, dass es den Fischen an Laichgebieten, an Lebensräumen für Jungfische, Winterlager und Schutzräumen vor Hochwasser fehle. Abgelegter Fischlaich sei zudem dem Sog und Wellschlag der Schiffe ausgeliefert und werde oft zerstört.

Die Untersuchung hat aber auch ergeben, dass die Bestände nicht überall im Fluss gleichmäßig schwach sind. So kommen in den gestauten und regulierten Abschnitten weniger Fische und weniger Arten vor als in den Altarmen des Neckars. Solche Flussabschnitte ohne Schiffsverkehr gibt es beispielsweise noch zwischen Altbach und Esslingen oder bei Pleidelsheim. Dort ist sowohl die Artenvielfalt als auch die absolute Zahl der Fische höher als in der Schifffahrtsrinne.

Wehre, Kraftwerke und Schleusen brauchen einen extra Kanal für die Fische

Genau gezählt haben das Regierungs­präsidium und der Fischereiverband im Uferbereich in Ludwigsburg-Hoheneck. Dort hat die Stadt mit Hilfe des Verbands Region Stuttgart einen Teil des befestigten Ufers aufgelöst und verschiedene Flachwasserzonen angelegt. Bereits nach kurzer Zeit hat sich dort der Fischbestand gegenüber dem kanalisierten Bereich vervierfacht und die Artenvielfalt verdoppelt. „In der Ökozone finden die Fische optimale Verhältnisse, um sich fortzupflanzen, auszuruhen und zu überwintern“, erklärt Hoffmann den Unterschied.

Wegen der Erfahrungen mit Hoheneck ­erwarten sich die Fischereiexperten vom benachbarten Projekt Zugwiesen bei Ludwigsburg-Poppenweiler wahre Wunderdinge. Dort entstand am linken Neckarufer auf Höhe der Schleusen ein insgesamt 28 Hektar großes Rückzugsgebiet für die schwimmenden Neckarbewohner. Ein künstlich ­angelegter Bach umgeht auf einer Länge von 1,3 Kilometern die Schleusen.

Eigentlich verlangen die einschlägigen Verordnungen der Europäischen Union, dass alle künstlichen Hindernisse wie Wehre, Kraftwerke und Schleusen in den Flüssen einen Fischkanal erhalten. In der Region Stuttgart ist diese Auflage in hervorragender Weise erfüllt. Auf dem Papier. Der vom Verband Region Stuttgart in Auftrag gegebene Landschaftspark Neckar sieht noch viele Ökoprojekte wie die Ludwigsburger Zugwiesen vor. Im Stuttgarter Stadtgebiet sollen beispielsweise die Ufer bei Mühlhausen, Münster und Hofen von ihrem Betonkorsett befreit und wieder naturnäher gestaltet werden. Für die Staustufen im Stuttgarter Stadtgebiet existieren Pläne für Fischtreppen oder Umgehungsgewässer. Die Umsetzung der tollen Vorschläge wird aber auf sich warten lassen. „Das Problem ist, in Stuttgart die notwendigen Freiflächen für die Öko-Reparaturen zu finden“, sagt Rainald Hoffmann. Für Michael Schramm machen Straßen, Schienen und Leitungen am und im Neckar eine Umkehr nur schwer möglich. Seiner Meinung nach sollten die Ökoprojekte deshalb dort forciert werden, wo die Flächen dafür zur Verfügung stehen. Insgesamt heißt es beim Zurück zur Natur am Neckar für Schramm allerdings in ­großen Zeitabständen zu denken.

Der Bestand ist laut der Verbände bereits alarmierend niedrig

Drängender als naturnahe Ufer und Fischtreppen zu schaffen ist es, für die Angler in der Region Stuttgart das Kormoranproblem zu lösen. Dabei kommen sie in Konflikt mit Vogel- und Naturschützern. Die wehren sich vehement dagegen, die Abschussquoten für die gefräßigen Fischjäger zu erhöhen oder sie mit umstrittenen Methoden (einölen der Eier) am Brüten zu hindern. Gesicherte Erkenntnisse, wie viele Kormorane in der Region Stuttgart dauerhaft leben, gibt es für den Max-Eyth-See in Stuttgart und für das Naturschutzgebiet Wernauer Baggerseen im Kreis Esslingen. Rund 400 Vögel dieser Gattung zählten Naturschützer dort zuletzt. Rund 200 davon brüten. Verschärft wird die Situation allerdings im Winter, wenn die Kormorane ihre angestammten Reviere an der Nord- und Ostsee verlassen, um in wärmeren Gefilden wie dem Mittleren Neckarraum nach Nahrung zu suchen. Und es kommen Jahr für Jahr mehr, denn die seit den siebziger Jahren streng geschützte Vogelart vermehrt sich dank fehlender natürlicher Feinde rasend schnell. Das Europäische Parlament hat deshalb beschlossen, die Vogelart auf dem gesamten Kontinent zu regulieren, um weitere Schäden zu verhindern. Die Neckarangler und ihre Verbände hoffen, dass die Maßnahmen schnell kommen. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Der Fischbestand im Neckar sei bereits jetzt alarmierend niedrig.

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