Die Maifliege Foto: mauritius

Die Qualität vieler Gewässer hat sich verbessert. Davon profitiert die Artenvielfalt unter Wasser – auch in der Fils.

Stuttgart - Lebensräume werden zerstört, die Umwelt vergiftet, Naturlandschaften gnadenlos ausgebeutet – es lassen sich zahlreiche Gründe nennen, warum die Artenvielfalt in vielen Regionen der Welt in den vergangenen Jahrzehnten stark abgenommen hat, auch in Deutschland. Gleichwohl gibt es Lichtblicke. So zeigen sich nun die ersten Erfolge der vielfältigen Bemühungen, die Wasserqualität von Bächen, Flüssen und Seen zu verbessern und diese Lebensräume wieder natürlicher zu gestalten.

Ein gutes Beispiel sind die Eintagsfliegen. Diese Wasserinsekten führen ein erstaunliches Doppelleben. Anders als ihr Name besagt, werden sie in der Regel etwa ein Jahr alt, wovon sie die weitaus meiste Zeit als Larven im Wasser verbringen. Über bis zu 30 Stadien hinweg entwickeln sie sich zum erwachsenen Insekt. Die flugfähige Eintagsfliege lebt dann wirklich nur wenige Stunden bis längstens eine Woche, um sich zu paaren und Eier abzulegen.

Die Güteklasse der Gewässer bringt die Insekten zurück

Die Larven von Eintagsfliegen, aber auch von anderen Insekten wie Libellen und Köcherfliegen sind vom Wasser abhängig – oder besser vom Zustand oder von der Güteklasse eines Gewässers. Bestimmte Arten – die Biologen sprechen von Zeigerarten – lassen Rückschlüsse zu, wie gut die Qualität eines Gewässers ist. Schaut man sich die Zusammensetzung der vorgefundenen Tierarten genauer an, kann man biologisch also ziemlich genau bestimmen, wie es um das Gewässer steht. So fahnden die Biologen mit Keschern nach Wassertieren und suchen zudem die Steine am Gewässerboden nach Lebewesen ab. Die „Beute“ wird dann nach Vielfalt und Individuenzahl der einzelnen Arten ausgewertet. Schlussendlich liegt unter Einsatz von Berechnungsformeln die Gewässergüte vor: von sehr gut bis miserabel.

Im Auftrag des Landratsamts Esslingen haben die Biologen von Büro am Fluss, der Geschäftsstelle der Aktion Lebendiger Neckar in Plochingen, genau das getan. 91 Bäche und Flüsse im Landkreis Esslingen standen vor rund zwei Jahren im Fokus einer Expertise mit insgesamt 172 Untersuchungen, deren Ergebnisse inzwischen vorliegen. Da von dem Kompetenzzentrum vor rund 20 Jahren eine ähnliche Studie erstellt worden war, lässt sich nun die Entwicklung gut verfolgen.

Defizite bei der Beschaffenheit der Ufer

Der Geoökologe Lukas Scheer von Büro am Fluss fasst die Ergebnisse so zusammen: „Über die Zeit hinweg haben sich Gewässerqualität sowie Artenvorkommen bei den Wasserinsekten in der Region Esslingen nachweislich verbessert.“ Gleichwohl sei man von den sogenannten Referenzzuständen „noch entfernt“ – also von den ursprünglichen, vom Menschen nicht beeinflussten Verhältnisse. So gebe es Defizite bei den Gewässerstrukturen, also etwa der Beschaffenheit der Ufer. Ferner habe man vielerorts noch nicht so viel erreicht, wie möglich wäre – beispielsweise weil aus der intensiven Landwirtschaft viele unerwünschte Nähr- und Schadstoffe in die Gewässer gelangen.

Gleichwohl ist an vielen Stellen eine Verbesserung nicht zu übersehen. Zum Beispiel haben sich verschiedene Arten von Eintagsfliegen etabliert, die es früher dort nicht gab – was sowohl für die Arten- als auch die Individuenzahl gilt. Auch Bachflohkrebse konnten nachgewiesen werden, die man in Bächen und Flüssen mit einer schlechten ökologischen Gewässerqualität nicht oder nur bedingt findet. Obendrein finden die Biologen kleinere Fischarten wie Groppen, deren Vorkommen ebenfalls von einem guten Gewässerzustand abhängig ist.

Auch Fische und Vögel profitieren von der Wiederbelebung

Neben den Biologen beschäftigt sich noch eine ganz andere Gruppe intensiv mit dem Zustand der Gewässer: die Sportfischer, vor allem wenn sie als Fliegenfischer Jagd auf Forellen und andere Raubfische machen. Sie berichten, dass zum Beispiel im unteren Filstal zwischen Ebersbach und Plochingen erstmals vor rund zwei Jahren eine kleine Anzahl von sogenannten Maifliegen aufgetaucht sei. Diese größten bei uns vorkommenden Eintagsfliegen sehen ein bisschen aus wie kleine Schmetterlinge. Inklusive der Schwanzfäden sind sie bis zu sechs Zentimeter lang und flattern eher als dass sie fliegen. Als Larven benötigen sie relativ saubere Gewässer. Daneben gibt es in und an der Fils weitere Arten von Eintagsfliegen sowie von Köcher- und Steinfliegen – allesamt Arten, die auf eine gute bis sehr gute Gewässerqualität angewiesen sind. Von dieser „Wiederbelebung“ der Kleintierwelt in Bächen und Flüssen profitieren auch Fische sowie Vögel wie die Wasseramsel oder der Eisvogel, die dort ihren Lebensraum haben.

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