Clever Shuttle ist seit knapp einem Jahr in Stuttgart unterwegs – und unzufrieden mit der Situation. Genauso wie die Konkurrenz aus der Taxi-Branche. Foto: Lichtgut/Willikonski

Die Taxi-Branche sieht sich mit neuen Mobilitätsanbietern konfrontiert. Der Kampf um jedes kleine Stückchen vom Kuchen ist hart. Die Stadt lässt jetzt untersuchen, wie sich die Branche verändern könnte.

Stuttgart - Manchmal wird die Zukunft von ganz simplen Dingen ausgebremst. Zum Beispiel einer fehlenden Tankstelle. Seit vergangenem April ist – zunächst probeweise mit einer Genehmigung für zweieinhalb Jahre – der Anbieter Clever Shuttle in Stuttgart unterwegs. Das Berliner Start-up, inzwischen großteils von der Bahn übernommen, wirbt mit günstigen und umweltfreundlichen Fahrten, weil zum einen mehrere Fahrgäste befördert werden, zum anderen nur Wasserstofffahrzeuge zum Einsatz kommen. Genehmigt ist das ausschließlich für die Innenstadt. Dumm nur, dass man zum Tanken an den Flughafen fahren muss. In Sachen Verkehrsvermeidung und Ökologie nicht gerade ideal.

Geschäftsführer und Mitgründer Bruno Ginnuth nennt das „nervig. Alle 500 Kilometer müssen wir zum Tanken da hochfahren“, sagt er. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum er mit der jetzt knapp einjährigen Probezeit in Stuttgart nicht recht glücklich ist. Zwar sei die Kundenzufriedenheit hoch, „aber wir unterliegen behördlichen Einschränkungen, die uns den Betrieb sehr erschweren“. Damit meint er die Beschränkung auf maximal 15 Fahrzeuge. Zwölf sind derzeit im Einsatz. Auch die Eingrenzung des Gebiets und der Betriebszeiten vorwiegend am Abend hält er für kontraproduktiv. Zwar hat Clever Shuttle das selbst so beantragt, „allerdings ist uns das damals von den Behörden so nahegelegt worden“, sagt Ginnuth.

Deshalb hat man jetzt bei der Stadt beantragt, die Flotte auf bis zu 100 Autos ausbauen zu dürfen und auch alle anderen Beschränkungen loszuwerden. „Wir wollen nicht mehr mit den Auflagen leben“, so Ginnuth. Nur dann könne man auch richtig werben und den Kunden einen kompletten Service anbieten. Mit der Stadt sei man darüber im Dialog.

Antrag und sofortiger Gegenantrag

Der Vorstoß hat sofort eine Reaktion seitens der Taxibranche nach sich gezogen. Die fürchtet, dass neue Konkurrenten im ohnehin hart umkämpften Markt das Gewerbe massiv schädigen könnten. Clever Shuttle ist da nur einer von mehreren Anbietern, die schon da sind oder in den Startlöchern stehen. Mit App-basierten Mitfahr-Angeboten versuchen sie, Kunden zu gewinnen. „Im Moment spüren wir die neuen Modelle noch nicht so sehr, aber wir müssen vorbauen“, sagt Harald Schober, der Vorsitzende der Taxi-Auto-Zentrale (TAZ), die als Genossenschaft in Stuttgart die meisten Fahrten vermittelt. Falls Clever Shuttle tatsächlich auf 100 Fahrzeuge gehe, spreche man von völlig anderen Dimensionen, zumal dann Elektrofahrzeuge zum Einsatz kommen könnten, die die Aufladestationen blockieren und dort für Taxis gehalten werden könnten. Sie dürfen aber nicht wie Taxis Fahrgäste spontan auf der Straße einsammeln. Deswegen hat die Branche gegen den Antrag des Konkurrenten Einspruch erhoben. Am liebsten will sie ihn ganz loswerden.

Bei der Stadt heißt es, man prüfe die Anträge derzeit. Man bewege sich mit dem versuchsweisen Zulassen neuer Angebote im Rechtsrahmen. Allerdings sei das Personenbeförderungsgesetz nicht optimal auf die aktuellen Entwicklungen ausgelegt. Das will Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) laut eigener Ankündigung bis 2021 ändern. Eine Novellierung soll es erleichtern, Shuttledienste zu genehmigen. „Die Zeichen stehen auf Öffnung“, sagt deshalb Clever-Shuttle-Chef Ginnuth. Man sei ein seriöser Wettbewerber der Taxibranche, mit dem man sich eben auseinandersetzen müsse. Zudem glaube er, dass man den Taxlern kaum Kunden abspenstig mache: „Wir transportieren wenig Geschäftsreisende, sondern vorwiegend jüngere Privatleute.“

Die Stadt will das ganze Durcheinander in der Beförderungsbranche grundlegend beleuchten. Das hat sie schon einmal getan – im Jahr 2013 mit einem umfassenden Gutachten zum Taxibetrieb in Stuttgart. Das Urteil des Hamburger Büros Linne und Krause fiel damals verheerend aus: In Stuttgart sowie den angrenzenden Gemeinden Leinfelden-Echterdingen und Filderstadt liege das Gewerbe am Boden. Die Auslastung sei viel zu gering, die Zahl der Fahrzeuge zu hoch. Statt 703 Taxis benötige man in Stuttgart nur rund 575 und zusätzlich 70 im Landkreis Esslingen rund um den Flughafen.

Zahl der Konzessionen kaum gesunken

Jetzt ist die Ausschreibung für ein neues Gutachten gelaufen. Ergebnis: Dasselbe Büro wird sich den Markt erneut anschauen. Auch, weil es keine andere Bewerbung gegeben hat. „Wir haben an diesem Donnerstag das Gewerbe zu einem Gespräch darüber eingeladen“, sagt Matthias Franke, der Leiter der Zulassungsstelle. Man habe den Auftrag erteilt, im neuen Gutachten nicht nur die Taxibranche zu beleuchten, sondern auch die Auswirkungen neuer Mobilitätsangebote wie Clever Shuttle. Damit soll der ganze Markt betrachtet werden. Ergebnisse soll es in etwa einem Jahr geben.

Bei den Bemühungen, die Zahl der Konzessionen zu verringern, ist die Stadt indes noch nicht sehr weit gekommen. „Die Zahl ist auf 685 gesunken. Das ist aber hartes Brot, weil natürlich jeder, der keine Konzession mehr bekommt, sofort klagt“, sagt Franke. Insgesamt habe man aber schon einiges bewirkt, auch weil das Gewerbe insgesamt sensibilisiert sei. Schwarzarbeit oder schlechter Service sollen so zurückgedrängt werden.

Die neue Untersuchung begrüßen sowohl die Taxibranche als auch die neuen Anbieter. Immerhin. „Das liegt in unserem Interesse. Neue Mobilitätsangebote müssen unter denselben Vorzeichen begutachtet werden wie wir“, sagt TAZ-Vorstand Schober. „Das begrüßen wir“, sagt auch Ginnuth. Auch wenn eine zentrumsnahe Wasserstofftankstelle weiter fehlen wird.

Hintergrund: Bewegung bei der Mobilität

Markt Nie zuvor gab es im hart umkämpften Markt der Personenbeförderung per Auto so viel Bewegung wie derzeit. Dabei wird mit harten Bandagen gearbeitet. Klagen und Gegenklagen sind an der Tagesordnung. In Stuttgart gibt es derzeit mehrere Modelle.

Das Taxi ist der Platzhirsch, der um seinen Markt bangen muss. 685 Konzessionen gibt es derzeit in der Stadt. Vielen Betrieben geht es nicht gut, weil die Standzeiten zu lang und die Umsätze zu niedrig sind. Auch innerhalb der Branche herrscht nicht immer Einigkeit. Manche Fahrer haben sich der Daimler-Tochter MyTaxi angeschlossen, die per App Fahrten vermittelt. Die meisten Fahrzeuge werden von der Taxi-Auto-Zentrale in Bad Cannstatt, einer Genossenschaft, vermittelt – ebenfalls per App oder telefonisch. Beide Vermittler haben sich schon mehrfach vor Gericht getroffen. Taxis haben eine Beförderungspflicht und müssen sich an festgelegte Tarife halten.

Mietwagen gibt es ebenfalls schon länger. Sie dürfen Kunden nur auf Bestellung befördern. Sie haben kein Taxi-Schild, dürfen nicht am Taxistand stehen und haben eine Rückkehrpflicht zum Betriebssitz.

Neuerdings drängen sogenannte Pooling-Angebote auf den Markt. Dabei sammeln die Autos mehrere Fahrgäste ein, die eine ähnliche Strecke haben. Das macht die Fahrten günstiger, bringt aber auch Umwege mit sich. In Stuttgart ist derzeit Clever Shuttle mit bis zu zwölf Fahrzeugen unterwegs. Das Berliner Unternehmen, das mittlerweile zum Großteil der Deutschen Bahn gehört, wirbt mit einer ökologischen Flotte aus Wasserstoff- und Elektrofahrzeugen. Es beschäftigt fest angestellte Fahrer. Der Betrieb seit knapp einem Jahr ist nur probeweise gestattet und läuft befristet auf zweieinhalb Jahre. Clever Shuttle will seine Flotte aber massiv ausbauen. Auch die Stadt selbst mischt mit – mit ihrer Tochter, den Stuttgarter Straßenbahnen. Beim Angebot SSB Flex werden ebenfalls per App Kundenwünsche gebündelt und mit zehn Autos bedient. Wie bei Clever Shuttle gilt das Angebot nur in einem Teil der Stadt, nämlich im und rund ums Zentrum. (jbo)

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