Läuft es an der Gemeinschaftsschule - oder nicht? Foto: dpa

Stein des Anstoßes: Ein Medienbericht über die Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen und ein ominöses Gutachten - das Kultusministerium wehrt sich gegen Vorwürfe, ein „vernichtendes Gutachten über die Gemeinschaftsschule“ unter Verschluss zu halten. Das schulinterne Papier liege ihm gar nicht vor.

Stuttgart - Einige Personen kennen die Studie, doch nur zwei geben derzeit Auskunft darüber: Eine Redakteurin der „Frankfurter Allgemeinen“, die in ihrer Zeitung von einem „schwäbischen Himmelfahrtskommando“ Gemeinschaftsschule berichtete, und der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, der das Werk vor zwei Monaten erhielt und daran eigentlich nichts Anstößiges entdecken konnte und kann.

Das Kultusministerium halte das „vernichtende Gutachten“ mit dem Vermerk „nur intern verwenden“ unter Verschluss, berichtete das Blatt: Der Schulleiter toure durch das Land und werbe für das veränderte Lernen, während es an seiner eigenen Schule alles andere als gut laufe. Weder seien die Kollegien von Gymnasium und Gemeinschaftsschule zusammengewachsen, noch werde umgesetzt, was an Gemeinschaftsschulen eigentlich vorgesehen sei.

Das selbstständige Lernen mit Lehrern gelinge nicht, ebenso wenig die Inklusion oder die besondere Förderung der Schwächsten und Stärksten. Auch sei die Leistungsbeurteilung „mehr als fragwürdig“, so die Schlüsse der ­Autorin.

Zu ganz anderen Ergebnissen kam Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne), als ihm das Papier vor einigen Monaten vorgelegt wurde. „Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Geschwister-Scholl-Gemeinschaftsschule ihren Aufgaben nicht gerecht wird“, sagte er am Montag den Stuttgarter Nachrichten.

Natürlich gebe es noch vieles zu verbessern – deshalb habe der Autor der Studie, der Tübinger Erziehungswissenschaftler Thorsten Bohl, der Schule ein Arbeitspapier mit Beobachtungen und Verbesserungsvorschlägen der Wissenschaftler zur Verfügung gestellt. Bohl wie auch der Schulleiter hätten ihm bestätigt, dass die Schule auf einem guten Weg sei. „Ich gehe davon aus, dass bei einem ähnlichen Auftrag an jeder anderen Schule vergleichbare Defizite genannt würden“, so Palmer. Es komme vor allen darauf an, diese zu erkennen und zu beseitigen. Studienleiter Bohl und der Leiter der Gemeinschaftsschule sind derzeit in Urlaub und waren gestern nicht zu erreichen.

Kultusminister Stoch kritisiert Skandalisierung eines internen Papiers

Kultusminister Andreas Stoch (SPD) wies die Kritik zurück. Seinem Ministerium liege das Gutachten gar nicht vor, sagte er. „Hier wird bewusst wahrheitswidrig skandalisiert.“ Bei dem Text handele es sich um einen schulbezogenen Bericht, der im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitforschung entstanden sei. Dieser sei der Schule für deren internen Qualitätsentwicklungsprozess zur Verfügung gestellt worden.

Die Opposition hingegen sieht den Bericht als einen weiteren Beleg dafür, dass die Gemeinschaftsschule gescheitert ist. „Wir verlangen von der grün-roten Landesregierung, dass sie das ideologisch geprägte Konzept der Gemeinschaftsschule zum Wohle der Kinder und Jugendlichen korrigiert“, erklärte der CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf. „Die Bürgerinnen und Bürger, denen die Gemeinschaftsschule geradezu als heilsbringend angepriesen wurde, haben nun ein Recht darauf, nun vorliegende wissenschaftliche Erkenntnisse über sie zu erfahren“, forderte Timm Kern, Bildungsexperte der FDP-Landtagsfraktion.

„Diese ewigen Versuche, unsere Pädagogik und das Engagement der Pädagogen zu verunglimpfen, werden zunehmend ignorant und auch durch Wiederholungen nicht wahrer“, konterte Matthias Wagner-Uhl, Vorsitzender des Vereins für Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg. Er bezeichnete die Aussagen über die neue Schulart als „un­seriös und wissenschaftlich nicht nachvollziehbar“. Die Zeitung versuche, eine unfertige Studie über eine einzige Schule zu verallgemeinern und damit den vollkommen verfrühten Eindruck zu erwecken, das Ergebnis der Studie stehe bereits fest. Dabei würden im Rahmen der Studie mehrere Hochschulen nicht nur eine, sondern zehn Schulen untersuchen.

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