Mit Video-Umfrage - Der Mann ist unterhaltsam. Auch am frühen Morgen. EU-Kommissar Günther Oettinger ließ sich im Kiosk der Scheunemanns in Gablenberg von StN-Lesern löchern. Und blieb keine Antwort schuldig, weder zu Maut, Atommüll, Griechenland, dem Internet, noch zu Putin und Chlorhühnern.

Stuttgart - Eine weiße Weste ist wichtig für Politiker. Deshalb vertraut Günther Oettinger der Reinigung Kurz in der Gablenberger Hauptstraße. Dort lässt er reinigen und bügeln. Und wenn er die schmutzige Wäsche bringt, schaut er nebenan im Kiosk von Karin und Rainer Schünemann vorbei und kauft Lektüre. Auch wenn er in Brüssel für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft zuständig ist, mag er das analoge ­Rascheln von Papier. Also sagte er spontan zu, als ihn die Eheleute fragten, ob er für die Premiere der neuen Reihe „StN am Kiosk“ in Karins Presse Ecke kommen wolle.

Sozusagen unter dem Motto „We are all standing in one Kiosk“, im Gedenken an Oettingers legendäre Rede in den USA. Kiosk hat übrigens den Vorzug, dass das Wort im Englischen und Deutschen gleich heißt. Da gibt es also keine Probleme. Doch Amtssprache war ohnehin Schwäbisch. Und zwar unverblümt. Wolfgang Molitor, stellvertretender Chefredakteur der Stuttgarter Nachrichten, war als Moderator vorgesehen. Doch er wurde nicht gebraucht. Oettinger erledigte das gleich selbst. Mit Humor und ohne Scheu.

Als die Wogen hochschlugen, die Themen wild wechselten und ihm keiner Zeit für eine Antwort ließ, sagte er: „Also Leute, als Schulklasse wärt ihr nur mäßig brauchbar!“ Und einem Herrn, der beteuerte, alles werde teurer und der Ölpreis sei wieder so hoch wie früher, antwortete Oettinger auf gut Schwäbisch: „Schwätzet S’ doch net so an Scheiß raus!“ Normalerweise darf man das in einer Zeitung nicht schreiben, aber weil im Schwäbischen Bruddeln eine besonders innige Form der Liebkosung ist, wollen wir eine Ausnahme machen. Und böse war man sich auch nicht. Im Gegenteil. Die Gäste waren ja gekommen wegen deutlicher Worte. Sie wurden nicht enttäuscht.

Ob er in Brüssel die Pkw-Maut nicht verhindern könne, wollte ein Diskutant wissen. „Die Maut ist bei uns zur Prüfung“, sagte Oettinger, „Österreich und Belgien haben ja eine Klage angekündigt.“ Und plauderte gleich aus dem Nähkästchen. „Die Kanzlerin hat die Maut nicht gewollt, man wollte der Schwesterpartei CSU ihren einzigen Weihnachtswunsch erfüllen.“ Damit die anderen Koalitionäre nicht leer ausgingen, bescherten sie sich auch. „Die SPD bekam die Rente mit 63 und die CDU die Mütterrente“, sagte Oettinger, „ich halte beides für falsch.“

Wo er gerade am Austeilen war, gab’s noch einen Hieb für die Herren Tsipras und Varoufakis, die Geldsucher aus Griechenland. „Diese Staatsschauspieler machen jeden Fehler, der nur möglich ist.“ Die bestimmte, aber beherrschte Reaktion von Finanzminister Wolfgang Schäuble zeige aber auch, dass die Gefahr für den Euro gering sei. „Vor fünf Jahren war es ein großes Risiko, dass der Dominostein Griechenland fällt und Irland, Spanien und Portugal mitreißt.“ Wenn der Dominostein jetzt umfalle, falle er ins Leere. Dennoch müssten manche Länder ihre Hausaufgaben erledigen. „Meine Hauptsorge ist Frankreich, Frankreich ist reformunfähig.“

Seine Perspektive ist mittlerweile eine andere. Mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko hat er in Minsk als Vertreter der EU über Krieg und Frieden verhandelt. Da nimmt sich manche deutsche Befindlichkeit seltsam kleinlich aus. Dass das Handelsabkommen TTIP mit den USA dafür sorge, dass man mit minderwertigen Lebensmitteln überschwemmt werde, wies Oettinger rundweg zurück. Komisch sei schon, dass die Deutschen in New York Hühnchen essen und Bier trinken, das nicht nach dem Reinheitsgebot zubereitet werde, und ganz begeistert seien, aber zu Hause dann so tun, als wolle man sie vergiften. „Die Amerikaner haben bei der Hygiene höhere Standards als wir!“ Was das berüchtigte Chlorhühnchen betreffe, da habe er von Experten gehört, „dass ein totes Huhn zu chloren freundlicher sei als das in Deutschland übliche Spritzen eines lebenden Huhns“. Und überhaupt, wer im Leuze bade, sei hernach selbst ein Chlorhühnchen. Wohl eher ein Salzhühnchen. Gechlort wird dort nicht.

Offenbar war er lange nicht mehr im Leuze. 2005 ist er vom Frauenkopf weggezogen. Regionales ist nicht mehr sein Behuf. Das musste Manfred Ederle (79) erfahren. Der hatte eine Seite der Stuttgarter Nachrichten vom Juni 1967 mitgebracht, in der über eine Brücke sinniert wird, die den Durchgangsverkehr aus Gablenberg heraushalten könne. Eberle: „Geschehen ist in 50 Jahren nichts!“ Ob Oettinger da nicht helfen könne. Konnte er nicht. „Ich wüsste nicht, wie man im Talkessel Entlastungsstraßen bauen könnte, da bleibt nur Verkehrsberuhigung, aber das sieht der Handel kritisch.“ Woraufhin Thomas Rudolph vom Handels- und Gewerbeverein energisch nickte.

Überhaupt sei „digitale Infrastruktur wichtiger als Straßenbau“. Da habe man Nachholbedarf, sprach der EU-Kommissar. Nicht nur der Caterer im Schwarzwald und die Steuerberaterin auf der Alb, „auch die Schule von morgen braucht die schnelle Verbindung“. Weil die Firmen die Kabel nur vergraben, wenn es sich rechne, wolle man „20 Prozent der Kosten vorfinanzieren, damit man bis 2018 flächendeckend 30 Megabyte je Sekunde erreicht“.

Oettinger hat ja vom Landesvater zum Kommissar für Energie und dann für Digitales umgesattelt, zudem ist er Jurist, folgerichtig um keine Antwort verlegen. Eine zweite Startbahn am Flughafen werde nie mehr kommen, der Atommüll sollte in den Granit, Stuttgart 21 sei notwendig und die Bundeswehr brauche mehr Geld. Erstaunlich, wie viele Themen man in gut einer Stunde streifen kann. Das Publikum wollte ihn kaum gehen lassen. Doch die badischen Bauern warteten, bei ihrer Landesversammlung in Bad Dürrheim war Oettinger geladen. Er nahm die Stuttgarter Nachrichten mit – und holte nebenan noch die weiße Weste.

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