Günther Jauch spricht den damaligen Finanzminister Griechenlands, Iannis Varoufakis, auf die Szene mit dem Mittelfinger an Foto: I&U TV Produktion GmbH & Co. KG

Viereinhalb Jahre sendete die ARD Günther Jauchs Talkrunde aus dem Gasometer in Berlin. An diesem Sonntag lädt der Moderator zum letzten Mal zum Diskutieren. Ein Rückblick.

1. Varoufakis zeigt den Stinkefinger – oder doch nicht?

Für helle Aufregung sorgte die Sendung vom 13. März dieses Jahres: Zugeschaltet zu Günther Jauch ist der damalige griechische Finanzminister Iannis Varoufakis – den Jauch mit einem You-Tube-Video aus dem Jahr 2013 konfrontiert. Zu sehen: Varoufakis während eines Vortrags auf einer Konferenz in Zagreb. Ebenfalls zu sehen: Varoufakis, wie er seinen ausgestreckten Mittelfinger in die Höhe reckt. Doch in wessen Richtung? Richtung Deutschland? Richtung Himmel? Aus Versehen?

Der Grieche weist jede Schuld von sich – die Szene sei aus dem Zusammenhang gerissen, beklagt er sich und fordert eine Entschuldigung von Jauch. Der Verwirrung nicht genug, mischt sich prompt auch noch Ulknudel Jan Böhmermann ein. Und erklärt in seiner Satiresendung „Neo Magazin Royal“ im ZDF, das umstrittene Video sei eine Fälschung seiner Redaktion.

Wie die das angestellt haben will, liefert er in einem rund zehnminütigen Making-of gleich dazu. Auf die folgende Debatte über eine mögliche Fälschung einer Fälschung meldet das ZDF, der Sender erwäge nun, bei allen „Neo Magazin“-Aussstrahlungen im Netz den Verweis „Vorsicht Satire!“ anzubringen.

b>2. Di Lorenzo wählt zweimal

2. Di Lorenzo wählt zweimal

Wahlen sind gerngesehene Themen bei Talkmastern. Mit dem Sendeplatz sonntags um 21.45 Uhr hatte Jauch da die idealen Voraussetzungen. Nach der Europawahl am 25. Mai 2014 plaudert er munter mit dem „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Ein geeigneter Gast zu dem Thema, hat di Lorenzo doch sowohl die italienische als auch die deutsche Staatsbürgerschaft – Europa pur.

Freimütig berichtet der Journalist, dass er an diesem Tag zweimal gewählt habe: Einmal in einem Wahllokal im italienischen Kulturinstitut in Hamburg als Italiener und einmal als Bundesbürger in einer Grundschule der Hansestadt. Das Problem: Doppelstaatler dürfen nach dem Europawahlgesetz nur in einem EU-Land wählen. Di Lorenzo beteuert, das habe er nicht gewusst. Dennoch leitete die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen des Verdachts der Wahlfälschung gegen di Lorenzo ein. Das Verfahren wurde im November 2014 wegen geringer Schuld und gegen eine „namhafte“ finanzielle Auflage wieder eingestellt.

3. Ein Herz für Querulanten

3. Ein Herz für Querulanten

Ungewöhnlich lange bleibt Klaus Wowereit im Bild. Der schaut verdutzt. Im Hintergrund Geschrei, es rumpelt. Die Geräuschkulisse verrät, ein Mann wird zu Boden geworfen. Dann das beherzte Eingreifen von Gastgeber Günther Jauch: „Halt, halt, halt“, ruft der, die Kamera schwenkt auf das Gerangel am Boden. Sekunden später tragen Sicherheitskräfte einen schreienden Mann aus dem Studio. „Holen Sie den Mann bitte zurück, hier wird keiner einfach aus der Sendung wie in der Ukraine rausgehauen.“

Der Mann darf den Gasometer wieder betreten: Ihm geht es in der Sendung vom 6. Mai 2012 um den Neubau der Schauspielschule „Ernst Busch“ in Berlin – Thema an dem Tag sind aber die Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Daher wird die Schule nicht näher thematisiert, Jauch hat aber die Wogen geglättet und wieder Ruhe in die Sendung gebracht.

Auch Uli Hoeneß erregt die Gemüter der Zuschauer derart, dass es in der Sendung zu seiner Person am 9. März 2014 zu einem ähnlichen Zwischenfall kommt. Der Ruhestörer ruft „Freiheit“ und „Alles Verarschung“, bevor auch dieses Mal die Sicherheitskräfte einschreiten und den Querulanten abführen. Jauch, solche Situationen inzwischen ja nun schon gewohnt, lässt herausfinden, was der Mann wollte, und klärt die Zuschauer zum Ende der Sendung auf: Der Störer habe wohl unter anderem Probleme mit seiner Wohnung. Dass man Uli Hoeneß dafür auch noch verantwortlich machen kann, darf bezweifelt werden.

4. TV-Duell bringt Quote

4. TV-Duell bringt Quote

An die Quotenerfolge seines Kollegen Thomas Gottschalk ist Günther Jauch mit seiner Sonntagabendsendung nie herangekommen: Von den 15 Millionen Zuschauern, die der blonde Entertainer bei seiner letzten „Wetten, dass . . ?“-Sendung Ende 2011 vor den Fernseher lockte, konnte Jauch mit seinen Politikgesprächen nur träumen.

Seine erfolgreichste Sendung lief am 1. September 2013, direkt nach dem TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel und ihrem damaligen Herausforderer Peer Steinbrück. 8,25 Millionen Zuschauer verfolgten die Debatte zwischen dem damaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier, Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU), Jauch-Kollegin Anne Will, dem Journalisten Hans-Ulrich Jörges, der Feministin Alice Schwarzer und dem Ex-Nationalspieler Paul Breitner. Die munter zusammengewürfelte Runde erzielte einen Marktanteil von mehr als 30 Prozent.

Das ist doppelt so viel, wie die Sendung im Schnitt der vergangenen viereinhalb Jahre hatte. Seit dem Start im Jahr 2011 verfolgten durchschnittlich 4,62 Millionen Menschen Jauchs Gesprächshalbkreis, Marktanteil 16,2 Prozent. An die Zeiten von 2013 konnte Jauch in diesem Jahr nicht mehr anknüpfen: Die erfolgreichste Sendung 2015 war die Diskussion zum Thema „Der Terror in Paris – Was ist unserer Antwort?“ am 15. November mit 5,62 Millionen Zuschauern.

5. Von der Leyen zeigt’s allen

5. Von der Leyen zeigt’s allen

Wie empörte sich die Öffentlichkeit über dieses Foto: Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (SPD) streckte kurz vor der Bundestagswahl 2013 seinen Mittelfinger frech in die Kamera – das Bild zierte die Titelseite des „SZ-Magazins“. Vor allem Unionspolitiker nahmen die Geste dankbar auf und sprachen Steinbrück postwendend die Fähigkeit ab, Deutschland als Kanzler zu repräsentieren.

Auch Günther Jauch macht die vulgäre Geste zum Thema. Am 15. September des Wahljahres spricht er in seiner Sendung Ursula von der Leyen (CDU) darauf an, damals Arbeitsministerin im Kabinett Merkel. Ob so ein Bild auch von ihr denkbar sei, fragt er unschuldig. Doch die Ministerin scheint zu wissen, was kommt, sie versucht hurtig, das Thema zu wechseln. Vergebens.

Schon wird es eingeblendet, das Corpus Delicti: Denn lange vor dem Stinkefinger Steinbrücks, 2007, gab es schon die Stinkefaust von der Leyens – ebenfalls im „SZ-Magazin“ in der Rubrik „Sagen Sie jetzt nichts“ erschienen. Die pantomimische Antwort auf die Frage: „Wie sehr hat sie der Vorwurf von Bischof Mixa gekränkt, Sie würden Frauen zu Gebärmaschinen degradieren?“

Die Antwort ist eindeutig, zwar eine leichte Abwandlung des Fingers, in der Bedeutung aber durchaus ähnlich. Auch in Jauchs Sendung sagt von der Leyen dazu nichts. Antwortet auf die Einblendung des Fotos nur mit einem Lächeln.

6. Liebesbriefe an die Konkurrenz

6. Liebesbriefe an die Konkurrenz

Nicht nur Krawall bestimmte die Sendungen Günther Jauchs. Es war auch mal Zeit für große Gefühle. „Liebe Claudi. Schade, dass du als Vorsitzende der Grünen aufhörst, ich werde deine manchmal schrille oder auch etwas spinnige Art vermissen.“ Diesen rührenden Abschiedsbrief erhält die einstige Grünen-Chefin Claudia Roth nicht etwa von ihren Parteifreunden. Nein.

Diese rührseligen Worte findet ausgerechnet CSU-Mann Günther Beckstein. In einem Einspieler in der Jauch-Sendung vom 29. September 2013 verliest er diesen Brief. In einem gemütlichen Wohnzimmer vor einer Bücherwand auf einem Ledersessel sitzend, die braune Hausjacke übergeworfen, das gute beige Briefpapier in der Hand, die Lesebrille auf der Nasenspitze balancierend.

So viel Wärme zwischen politischen Konkurrenten sucht ihresgleichen. Danke Günther.

7. Heimliche Show-Stars

7. Heimliche Show-Stars

Oft hat man bei diesen nahezu allabendlichen Talkshows das Gefühl: Da sitzen doch immer dieselben! Das ist natürlich nicht so – aber der eine oder andere scheint es doch recht bequem zu finden auf den senfgelben Ledersesseln im Berliner Gasometer.

Die Macher der Internetseite „Meinungsmaschine“ beobachten seit Januar 2014 die vier großen Politik-Talkshows im deutschen Fernsehen. Die meisten Besuche bei Günther Jauch absolvierte demnach der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CDU). Er nahm seit Anfang 2014 fünfmal in der Runde Platz, dicht gefolgt von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und Wolfgang Bosbach (beide CDU).

Ein gerngesehenes Thema in jeder Politik-Talkrunde ist die Frauenquote, bei Jauch zum Beispiel am 22. März 2015. Die gesetzliche Frauenquote von 30 Prozent in Aufsichtsräten (gilt ab 2016 für rund 100 Großunternehmen) würde Jauch gerade so erreichen: 30 Prozent seiner Gäste seit Januar 2014 waren weiblich.

Auch der Stargast der letzten Jauch-Talkrunde an diesem Sonntag – die laut Produktionsfirma eine Sendung wie jede andere sein wird ohne großes Abschieds-Tamtam – ist ein Mann: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU).

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