Deutschland ist ein rohstoffarmes Land, heißt es. Das stimmt nicht ganz.
Von Walther Rosenberger
ALTHEIM/STUTTGART. Seit drei Jahren macht Herbert Kempf aus Gülle Gold. Mehrmals im Monat fährt er mit dem Traktor die eineinhalb Kilometer zu seiner Biogasanlage im baden-württembergischen Altheim und lässt ein paar Tausend Liter Jauche gluckernd in die Vorratstanks seines Gärreaktors laufen. "Futter für das Kraftwerk", sagt er.
Mit der Biogasanlage erzeugen Bauer Kempf und seine zwei Partner genug Strom, um 800 Familien ein Jahr lang rund um die Uhr zu versorgen. Damit sind die Landwirte so etwas wie die heimlichen Bio-Energiebarone am südöstlichen Rand des Odenwalds.
Die Energie stammt zu zwei Dritteln aus Gras, Getreide, Raps oder Mais. Das Grünzeug stopfen die Bauern in die Tanks der Gäranlage. Dann kommt die Gülle obendrauf. Bei der Zersetzung entsteht Methan, das wird verbrannt, in Strom umgewandelt und ins Netz eingespeist.
Rund 22 Cent je Kilowattstunde brachte das bisher für Kempf und seine Mitstreiter. Seit die Bundesregierung die Beimischung von tierischem Exkrement jedoch speziell fördert, wird die Anlage so richtig lukrativ. "Güllebonus", nennt Bauer Kempf den Turbo in seiner Wirtschaftlichkeitsrechnung. Die Extra-Cent können bei großen Anlagen aufs Jahr gerechnet schon mal fünfstellige Eurobeträge in die Kassen der Betreiber spülen. In dreizehn Jahren ist die Anlage nach Kempfs Berechnungen abgeschrieben. Dann wird sie zur Gelddruckmaschine.
Energie aus Kot und Dung ist in Deutschland zu einem großen Geschäft geworden. Allein der Anlagenbau setzt dieses Jahr nach Branchenschätzungen mit den Kleinkraftwerken gut eine Dreiviertelmilliarde Euro um. Mehr als 4300 Biogasanlagen blubbern derzeit in Deutschland vor sich hin. Im Jahr 2000 waren es nur 65. Damals stellte das Erneuerbare Energiengesetz die Ampeln für die Erzeugung von Strom aus regenerativen Energien auf Grün, und seitdem nimmt die Anlagenzahl jährlich zu. Würde man alle Güllereaktoren zusammenschalten, könnten sie auf einen Schlag eineinhalb Atomkraftwerke ersetzen.
Besonders Bauern sind es, die diese Entwicklung vorantreiben. Rund 80 Prozent der Güllereaktoren bundesweit werden von Landwirten betrieben. In den Anlagen, die stetig Strom zu festen Renditen erzeugen, haben sie einen willkommenen Ausgleich zum stark schwankenden Geschäft mit landwirtschaftlichen Produkten wie Weizen, Schweinefleisch oder Milch entdeckt.
Die Strategie scheint aufzugehen. Allein in Baden-Württemberg klingeln jährlich Güllestrom-Einspeisevergütungen in Höhe von geschätzt 180 bis 240 Millionen Euro in den Kassen der gut 600 Anlagenbetreiber - Tendenz steigend. Bauer Kempf etwa macht mittlerweile rund ein Drittel seiner Betriebsgewinne mit dem Güllestrom.
Lediglich als zwischen 2007 und 2008 die Lebensmittelpreise in die Höhe schossen und es immer schwerer zu rechtfertigen war, neben Gülle auch Weizen und Mais in die Tanks zu kippen, bekam die Branche einen Dämpfer. Nicht in den Tank, sondern auf den Teller sollten die Lebensmittel, monierten Kritiker damals.
Von der damaligen Katerstimmung ist heute nur noch wenig zu spüren. Überall im Bundesgebiet werden Anlagen zugebaut. Allein im Südwesten sollen 2010 rund 80 Anlagen neu ans Netz gehen. Fast alle sind für die Güllevergasung optimiert - und brauchen ständig neue Nahrung.
Besonders im Norden und Osten Deutschlands hat sich seit einigen Jahren ein reger Handel mit den tierischen Ausflüssen etabliert. Besonders die Tierzucht-Hochburgen haben ein echtes Gülleproblem. Regionen wie Oldenburg oder Westfalen-Lippe ertrinken in Jauche und Mist. Denn den stinkenden Gärsaft einfach aufs Feld zu kippen ist gesetzlich verboten. Pro Hektar darf in Deutschland nur eine eng begrenzte Menge ausgebracht werden. Der Rest ist theoretisch Sondermüll - oder wird weggeschafft.
Mehrere Zehntausend Tonnen Mist würden jährlich von Norddeutschland vor allem gen Osten transportiert und dort auf Felder ausgebracht oder vergast, sagt Carl-Hendrik May. May ist Leiter der Nährstoffbörse Nordrhein-Westfalen und spezialisiert auf den Güllehandel. Seit mehreren Jahren bringt er Anbieter und Abnehmer der braunen Brühe über ein zertifiziertes Handelssystem zusammen. Die Nachfrage sei "gerade enorm", sagt der Güllemakler. Mengen und Transportentfernungen stiegen stetig an.
Kein Wunder. Auf bis zu sieben Euro beziffert der Fachmann den Wert einer Tonne Exkrement. Geflügel- oder Schweinemist sei vergleichsweise teuer, Gülle sei wegen ihres hohen Wasseranteils günstiger zu haben. In Zeiten hoher Düngemittelpreise werde es auch für weiter entfernt liegende Höfe lukrativ, Gülle aufzukaufen und auf ihre Felder zu transportieren, sagt May.
Einen noch besseren Schnitt kann machen, wer die Sickersäfte in Biogasanlagen verwertet und die entstehende Wärme vermarktet. Ende 2008 bezifferte das Fachblatt Land & Forst allein den Strom-Ertrag, der in einer Tonne Rindergülle stecke, auf bis zu 15 Euro. Wenn der Grünzeug-Jauche-Brei voll durchgegoren ist, können die Rückstände zudem als Dünger verkauft werden. Bis zu zwanzig Euro pro Tonne Trockenmasse bringt das nach Expertenangaben.
Von den energetischen Segnungen des Dungs profitieren auch Bauer Kempf und seine Partner. Vier Millionen Kilowattstunden Strom liefere ihre auf Gülle optimierte Anlage pro Jahr, sagt Kempf. Daraus lassen sich jährliche Einspeisevergütungen von geschätzt 875 000 Euro ableiten, die die Energiewirte einnehmen. Was als Reingewinn hängen bleibt, will Kempf lieber für sich behalten. Nur so viel: Mit den Erträgen aus den Sickersäften sei man "sehr zufrieden."