Die Grundsteuer kann im Rems-Murr-Kreis fast Stuttgarter Niveau erreichen. Eine exklusive Analyse zeigt, welche Gemeinden für Eigenheimbesitzer besonders teuer sind.
Das Leben wird für Häuslesbesitzer im Rems-Murr-Kreis immer teurer – auch weil die unter der Finanznot ächzenden Städte und Gemeinden den Immobilienbesitz zunehmend als Einnahmequelle erkannt haben. Um ihren laufenden Betrieb und nötige Investitionen in die Infrastruktur bezahlen zu können, halten die Kommunen bei der Grundsteuer die Hand auf – und präsentieren ihren Bürgerinnen und Bürgern mal mehr, mal weniger hoch ausfallende Rechnungen.
Bemerkenswert ist beim Blick auf die Grundsteuer-Tabelle im Rems-Murr-Kreis allerdings, wie groß die Unterschiede ausfallen. Das Datenteam unserer Redaktion hat in einer aufwendigen Recherche für alle Gemeinden im Kreis die durchschnittliche Grundsteuer je Quadratmeter Boden errechnet. Das Ergebnis: Zwischen Stadt und Land existiert ein erhebliches Gefälle, die räumliche Nähe zur Landeshauptstadt Stuttgart wirkt sich als signifikanter Preistreiber aus. Als Faustregel gilt: Im Speckgürtel ist es am teuersten, am Rand des Ballungsraums kommen auf Häuslesbesitzer vergleichsweise überschaubare Kosten zu.
Mit 2,38 Euro pro Quadratmeter ist Fellbach ein teures Pflaster
Besonders deutlich wird das in Fellbach. Je Quadratmeter wird eine durchschnittliche Grundsteuer B von 2,38 Euro fällig. Das ist einer der höchsten Werte in der ganzen Region und macht die Kommune landesweit zu einem teuren Pflaster – in Fellbach zu leben, muss man sich erst mal leisten können.
Im nahen Ludwigsburg beispielsweise muss trotz Zentralitätsfaktor, einem hohen Freizeitwert, sportlichen Highlights und einem herausragenden Kulturangebot nur mit durchschnittlich 1,93 Euro gerechnet werden. Auch Städte wie Esslingen (1,76 Euro) oder Sindelfingen (1,70 Euro) lassen die Fellbacher beim Geldeinnehmen weit hinter sich. In Stuttgart übrigens werden 2,61 Euro pro Quadratmeter fällig.
Im Rems-Murr-Kreis aber liegt keine Kommune bei der Grundsteuer auch nur annähernd so hoch wie die 45.000-Einwohner-Stadt Fellbach. Waiblingen etwa ist mit einem durchschnittlichen Quadratmeterpreis von 1,74 Euro wahrlich auch kein Billig-Standort, bewegt sich preislich aber in ganz anderen Sphären als die Nachbarkommune. Fast ebenso hoch liegt Weinstadt mit 1,68 Euro, knapp dahinter folgt Winnenden mit 1,65 Euro.
Schwaikheim, Kernen und Korb – als Kommunen mit überschaubarer Größe und einem funktionierenden Ortsleben bei Berufspendlern als Wohnort gefragt – weisen bei der Grundsteuer einen durchschnittlichen Quadratmeterpreis von 1,64 Euro, 1,57 Euro und 1,45 Euro auf. Mit einem kleinen Abstand folgt das durch seine zahlreichen Teilorte auf einen Mittelplatz rutschende Schorndorf mit 1,24 Euro. In Backnang müssen Menschen mit 1,10 Euro pro Quadratmeter noch nicht mal die Hälfte der in Fellbach aufgerufenen Belastung stemmen.
Auslöser der gravierenden Unterschiede ist das Berechnungsmodell. Neben dem Grundsteuer-Hebesatz der jeweiligen Kommune spielt bei der Höhe der Belastung auch der Bodenrichtwert eine maßgebliche Rolle. Der liegt in Fellbach bei atemberaubenden 1026 Euro pro Quadratmeter – obwohl wegen der ohnehin bereits hochverdichteten Besiedlung und der hochwertigen Ackerböden kaum noch Wohnbaufläche auf den freien Markt kommt.
In Schorndorf hingegen muss beim Grundstückskauf nur mit einem durchschnittlichen Bodenrichtwert von 558 Euro pro Quadratmeter gerechnet werden – was sich auch auf die Grundsteuer auswirkt. In Backnang liegt der Bodenrichtwert im Schnitt sogar bei nur 367 Euro pro Quadratmeter. Das ist auch die Erklärung, weshalb es für Hausbesitzer in der Murrmetropole deutlich günstiger wird. Beim Hebesatz für die Grundsteuer langt Backnang nämlich deutlich kräftiger zu. 330 Prozentpunkte werden in der Gerberstadt kassiert – Fellbach gibt sich aktuell mit 255 Prozentpunkten zufrieden.
Welche Auswirkungen das Zusammenspiel zwischen Hebesatz und Bodenrichtwert entfaltet, zeigt sich aber auch am anderen Ende der Grundsteuer-Tabelle. Ein gutes Beispiel für den Effekt ist etwa die Gemeinde Althütte. Obwohl der Hebesatz mit 250 Prozentpunkten fast auf Fellbacher Niveau liegt, müssen Hausbesitzer nur mit einer Steuerbelastung von 50 Cent pro Quadratmeter rechnen – der niedrige Bodenrichtwert von 220 Euro spült auch deutlich weniger Geld in die Rathauskasse.
Günstige Grundsteuer: Spiegelberg und Großerlach im Fokus
Noch krasser ist die Lage in Spiegelberg: Trotz eines überdurchschnittlich hohen Hebesatzes von satten 370 Prozentpunkten liegt die Grundsteuerbelastung bei gerade mal 39 Cent pro Quadratmeter – Land ist vergleichsweise günstig am Nordrand des Landkreises. Schlusslicht der Grundsteuer-Tabelle ist Großerlach mit 30 Cent pro Quadratmeter, in Alfdorf und Kaisersbach ist die Belastung mit 35 Cent respektive 32 Cent nicht viel höher.
Menschen in Fellbach können von solchen Steuersätzen nur träumen – zumal die Gefahr besteht, dass sich die über leere Kassen klagende Stadtverwaltung im Zuge der Haushaltsberatungen einen Aufschlag gönnt. In der Region beim Hebesatz mit an der Spitze ist übrigens Schwaikheim mit 420 Prozentpunkten. Die größte Erhöhung hatte sich zuletzt Kernen geleistet, mit einem 60-Punkte-Sprung ging es hoch auf 385 Prozentpunkte.
Datenrecherche: Wie die Zahlen ermittelt wurden
Die Zahlen basieren auf einer exklusiven Analyse unserer Redaktion. Dafür haben wir auf Basis der örtlichen Hebesätze und Bodenrichtwerte die theoretische Grundsteuer für rund 2,3 Millionen Flurstücke in Baden-Württemberg berechnet, die laut dem amtlichen Liegenschaftskataster in Wohn- oder Mischgebieten liegen und auf denen Gebäude stehen, die ganz oder teilweise zum Wohnen genutzt werden.
Die Flurstücksinformationen aus dem Liegenschaftskataster wurden zuletzt Mitte August abgerufen, die Bodenrichtwerte wurden aus BORIS-BW zwischen Mai und August abgerufen. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden auch rückwirkende Änderungen an den grundsteuerrelevanten Bodenrichtwerten berücksichtigt. Die Hebesätze wurden vom Statistischen Landesamt veröffentlicht.
Auch der Eigentümerverband Haus und Grund hat die Grundsteuer verglichen, und zwar für die 100 größten deutschen Städte. Demnach zahlen Immobilieneigentümer in Tübingen, Mannheim, Stuttgart und Heidelberg im Schnitt am meisten Grundsteuer. Muster war ein Einfamilienhaus aus dem Jahr 1990 mit einer Grundstücksgröße von 508 Quadratmetern und 126 Quadratmetern Wohnfläche.
Die landesweit höchste Grundsteuer ist in Tübingen fällig
Die höchste Grundsteuer sei in Tübingen fällig (1377 Euro). Das deckt sich mit der Recherche unserer Zeitung. Es folgen Mannheim (1314 Euro) und Stuttgart (1197 Euro). Zwickau ist laut dem Ranking die bundesweit günstigste Grundsteuer-Stadt.