Baden-Württembergs Lehrer und Winfried Kretschmann sprechen sich gegenseitig die Kompetenz beim Thema besser Lernen in der Grundschule ab. Worum es bei dem Streit geht.
Es ist nicht das erste Mal, dass der Haussegen schief hängt zwischen dem Regierungschef und den Lehrerverbänden. Aber wenn der VBE-Vorsitzende Gerhard Brand öffentlich sagt, der Ministerpräsident verstehe vom Unterricht „ungefähr so viel, wie ein Ziegelstein vom Schwimmen“, dann sind die Fronten verhärtet.
Brand steht mit seiner Kritik an Winfried Kretschmann nicht alleine. „Er hat offenbar alles vergessen oder verdrängt, was er selbst als Lehrer erlebt hat“, kritisiert Ralf Scholl vom Philologenverband. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) rät dem Regierungschef direkt, „vielleicht erst einmal wieder eine Grundschule zu besuchen“, bevor er sich zur Bildungspolitik äußere.
Ausgelöst hat Kretschmann den Unmut mit einer Replik auf das schlechte Abschneiden der Grundschulen beim jüngsten IQB-Bildungstrend und eine Aussage der baden-württembergischen GEW. Die hatte betont, dass die schlechte Schüler-Lehrerrelation mit 19 Kindern je Grundschullehrern in Baden-Württemberg – verglichen mit 13 Kindern je Pädagoge in Hamburg – eine Ursache des schlechten Abschneidens gewesen sei. Die Forderung nach mehr Lehrkräften und kleineren Klassen wies Kretschmann zurück und wünschte sich stattdessen eine Debatte, in der nicht jeder immer „die gleiche alte Leier“ anstimme. Die Klassengröße habe mit den Problemen, die die Studie beschreibe, nichts zu tun, so der Regierungschef. Es gehe nicht um die Zahl der Lehrkräfte, sondern um die Qualität des Unterrichts.
Was sagen Forscher zu kleinen Klassen?
Dabei ist der Streit darum, ob kleine Klassen den Lernerfolg steigern, ein Dauerbrenner der Pädagogik. Die meisten Eltern sind feste Anhänger dieser These und ein Lehrerverband, der in einer besseren Schüler-Lehrer-Relation nicht einen zentralen Dreh- und Angelpunkt für messbare Bildungserfolge sieht, müsste erst noch gegründet werden. Dennoch hat die deutsche Schulforschung in den letzten dreißig Jahren keinen Beleg gefunden, dass kleine Klassen für bessere Lernleistungen sorgen – mit einer Ausnahme.
Welche Klassengröße ist sinnvoll?
Überhaupt zum ersten Mal hat eine Studie von Maximilian Bach und Stephan Sievert im Jahr 2018 nachgewiesen, dass kleinere Klassen in Grundschulen bessere Lernerfolge nach sich ziehen können. Allerdings zeigt die Studie auch, dass Lernfortschritte durch eine Verkleinerung der Klassen in relativ engen Grenzen und nur bei großen Klassen erzielbar sind. In Klassen mit mehr als zwanzig Schülern würde die Verkleinerung um einen Schüler die Lernleistung der Klasse so steigern, als ob sie zweieinhalb Wochen mehr Unterricht gehabt hätte. Bei Klassen mit bis zu zwanzig Schülern dagegen sei kein positiver Effekt messbar. „So erscheint eine Reduzierung der Klassengröße in kleinen Klassen – mit weniger als zwanzig Schülern – nicht empfehlenswert, da dies zwar Geld kosten würde, aufgrund der vorliegenden Studie aber keine besseren Lernerfolge zu erwarten wären“, heißt es im Fazit.
Wie groß sind die Grundschulklassen in Baden-Württemberg?
Tatsächlich sind die Grundschulklassen im Land laut Statistischem Bundesamt mit 19,7 Schülern im Schnitt kleiner als in Bayern (21,2) und Hamburg (20,4). Beide Länder haben beim IQB-Bildungstrend besser abgeschnitten als Baden-Württemberg. Bei der Schüler-Lehrer-Relation sieht es anders aus. Da liegt Baden-Württemberg laut der Statistik der Kultusministerkonferenz mit 16,8 Schülern je Lehrkraft knapp hinter Bayern (16,7) und deutlich hinter Hamburg (13,3).
Was sagt Kretschmann zu der Kritik?
Winfried Kretschmann bekräftigte am Dienstag, dass der Lernerfolg nicht allein von der Lehrerzahl abhänge. Seine Formulierung, es gehe um Qualität und nicht Quantität, sei missverständlich gewesen. Mit dem Hinweis auf Qualität meine er „alles, was nicht nur quantitativ ist und jenseits der Frage nach mehr Lehrkräften steht“. Mit einer „schönen Zahl“ könne er seine Auffassung auch belegen: Von 1980 bis 2019 sei die Zahl der Lehrkräfte um 27 Prozent gestiegen (auf 94 000), während die Zahl der Schüler um 27 Prozent auf 1,5 Millionen gesunken sei. Er sei sich sicher, „dass wir Unterschiede zu anderen Ländern haben, obwohl das Lehrer-Schüler-Verhältnis ganz ähnlich ist“.