Gerlinde Risel verlässt die Breitwiesenschule in Gerlingen. . . . . ihre Kollegin Ulrike Allerborn die Grundschule in Ditzingen-Heimerdingen. Foto: factum/Simon Granville

Zwei Rektorinnen gehen in den Ruhestand. Ihre Schulen in Gerlingen und Heimerdingen stehen unterschiedlich da.

Gerlingen/Ditzingen - Am Montag ist sie durch alle 18 Klassen gegangen und hat 400 Kindern ade gesagt. Denn mit einer großen Feier kann Gerlinde Risel, die Leiterin der Breitwiesenschule in Gerlingen, coronabedingt heute nicht in den Ruhestand verabschiedet werden. Auch diese Begegnungen haben die 63-jährige Pädagogin gefreut – und angerührt. „Ein Bub wusste nicht, was ,Ruhestand’ ist“, erzählt sie. „Er hat gemeint, ,da ist man alt und geht ins Altenheim’.“ Risel verlässt ihre Schule nach 20 Jahren – aber nicht ins Seniorenzentrum. Ihre Kollegin Ulrike Allerborn sagt ihrer Grundschule in Ditzingen-Heimerdingen heute, am letzten Schultag, ebenfalls ade – nach 18 Jahren.

Gerlinde Risel ist zufrieden; sie gehe aber „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“. Sie sei „gerne“ Lehrerin gewesen, erzählt sie. Das Unterrichten, vor allem Mathe und Sport, sei aber in den letzten Jahren „leider zu kurz gekommen“. Denn die Verwaltungs- und Organisationsaufgaben würden eine Schulleiterin sehr in Anspruch nehmen. Das Kollegium bestehe aus 33 Frauen. „Der einzige Kollege ist vor einem Jahr in den Ruhestand gegangen.“ Männer sind rar an den Grundschulen – auch wegen des Gehalts.

Lob und Dank an die Stadtverwaltung

Grund zur Klage hat Gerlinde Risel kaum. Die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung habe gut funktioniert. Immer wieder sei im Schulgebäude etwas auf Vordermann gebracht, Dächer, Fenster und Böden seien erneuert worden. Die Struktur mit Pavillons, obwohl bald 60 Jahre alt, sei immer noch gut – und der Schulhof fantasievoll. „Man hat sich im Bauamt gekümmert, der Umgangston war wertschätzend“, ist die Schulleiterin zufrieden.

In einem Punkt aber sei die Breitwiesenschule noch nicht modern: „Digital ist die Schule noch nicht auf Vordermann“, sagt die scheidende Chefin. Das habe auch das Unterrichten und die Kommunikation in den vergangenen Wochen nicht erleichtert. Apropos Corona. Wie hat Gerlinde Risel die Monate seit März empfunden? Immerhin war da alles anders als zuvor. „Es war sehr überraschend. Wir hatten nicht die Fantasie, dass so etwas kommen kann. Es war sehr, sehr anstrengend für alle.“ Das fängt mit der Kommunikation mit Kindern und Eltern an und hört beim Erstellen der Lernunterlagen für den Unterricht zuhause noch nicht auf. So habe man Eltern mit völlig unterschiedlicher Einstellung kennengelernt. „Die einen wollten Unterlagen nur digital, die anderen nur auf Papier – weil ihr Kind nicht vor den Computer sitzen sollte.“ Dann galt es noch, die beiden Nachhilfewochen zu Beginn der Ferien zu organisieren – mit drei Gruppen von je 16 Kindern und fünf Lehrerinnen, die sich freiwillig meldeten.

Immer neue Herausforderungen

Nach 18 Jahren als Rektorin verlässt Ulrike Allerborn die „Familiäre Schule im Grünen“, wie sich die Grundschule in Ditzingen-Heimerdingen selbst nennt. „Es gab Situationen, die uns herausgefordert haben“, stellt sie fest – und nennt die Umstellung von der Halbtags- auf die Ganztagsschule vor ein paar Jahren oder die Einführung der Vorbereitungsklassen im Jahr 2016, als die Kinder der Flüchtlinge aufgenommen werden mussten, die oftmals kein Wort Deutsch konnten.

Oder jüngst die Corona-Zeit mit ihren vielen Anforderungen, die sich in schneller Folge änderten, die Vorgaben für das Homeschooling oder die Umstellungen im Schulgebäude, um den Präsenzunterricht wieder aufnehmen zu können. „Das war ein Riesenaufwand, der viel Zeit und Engagement gefordert hat“, so die 64-Jährige. Aber eines habe sich bestätigt, meint die Pädagogin: „Lernen braucht Beziehung. Die Kinder waren glücklich, als sie wieder kommen durften.“

In Heimerdingen gibt es schon I-Pads

Digital ist die Schule in Ditzingen besser aufgestellt als die in Gerlingen: Alle Lehrerinnen haben ein I-Pad, 15 gibt es für die 135 Kinder. Bald sollen es fünf bis sechs pro Klasse sein. Eines habe die Coronazeit erreicht, meint Ulrike Allerborn: „Das Spektrum der pädagogischen Möglichkeiten wurde erweitert.“ Und eine Ansicht habe in 18 Jahren über allem gestanden: „Um Kinder zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ Dieser afrikanische Spruch bestätige sich, wenn man die lange Liste der Kooperationspartner anschaue: Sportvereine stehen drauf, Firmen, Forstamt, Kirchen, CVJM, Bibliothek, Ortschaftsrat, Stadtverwaltung, Schulamt, Lesepaten, Asylförderkreis, Jugendbegleiter.

Beide Rektorinnen haben bald mehr Zeit, die Schule rückt weit weg. Ulrike Allerborn will sich um Eltern und Enkel kümmern – „und auf mich achten“, wie sie sagt, mit mehr Sport und dem Gärtnern. „Ich werde alles vermissen, freue mich aber auf das, was kommt.“ Auf Gerlinde Risel warten der Ehemann – und der Kleinbus. Gemeinsam wolle man Deutschland entdecken. „Eine längere Reise durch Spanien und Portugal ist mein Traum.“

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