Noch muss Astrid Arhelger als Schulleiterin Foto: Zeyer, privat

Seit dem Jahr 1986 unterrichtet Astrid Arhelger an der Grundschule Zazenhausen, seit mehr als drei Jahrzenten ist sie Rektorin. Ende des Schuljahres geht die dann 63-Jährige in den Ruhestand. Ganz möchte sie zazenhausen und die Grundschule freilich nicht verlassen.

Zazenhausen - Das war zuerst ein Riesenschock. Es gab sogar Tränen“, erinnert sich Astrid Arhelger an den Moment im Jahr 1986, als ihr mitgeteilt wurde, dass sie von der Silcherschule, wo sie sich sehr wohl gefühlt hatte, an die Grundschule nach Zazenhausen versetzt werden soll. Mehr als drei Jahrzehnte später sind die Tränen einem Lächeln gewichen. Wenn Arhelger Ende des Schuljahres in den Ruhestand geht, dann nimmt sie eine Menge schöner Erinnerungen mit.

1956 in Wuppertal geboren, studierte Arhelger von 1975 bis 1980 Kunst und Deutsch in Heidelberg, dann folgte das Referendariat. „Danach war ich arbeitslos“, erzählt sie. Im Gegensatz zu heute gab es damals ein Überangebot an Lehrern. Die junge Frau musste glücklicherweise nicht allzu lange auf eine Anstellung warten, 1984 konnte sie an der Silcherschule anfangen. Wo es ihr sehr gefiel – bis nach zwei Jahren mit der Versetzung nach Zazenhausen ein jäher Umbruch erfolgte. 1986 war die Grundschule noch im alten Rathaus an der Emhild­straße untergebracht, es gab zwei Klassen, 20 Schülerinnen und Schüler und zwei Lehrkräfte.

Seit 1986 an der Grundschule Zazenhausen

„Die Eltern haben mir den Anfang leicht gemacht“, erinnert sich Arhelger. Der Versetzungsschock war bald überwunden, die Tränen schnell getrocknet. Doch dann folgte ein neuer Umbruch: Die bisherige Schulleiterin ging 1987 in den Ruhestand, Arhelger wollte ihr eigentlich nicht nachfolgen, konnte dann aber doch überredet werden. „Ich kam zu dem Job sozusagen wie die Jungfrau zum Kind“, sagt sie und schmunzelt.

Viel Unterricht, wenig Verwaltung, so lassen sich die Anfangsjahre der jungen Schulleiterin charakterisieren. Der nächste Schritt nach vorne folgte 1993 mit der Einweihung des Gebäudekomplexes an der Landsknechtstraße. Aus zwei Klassen wurden vier, aus 20 Schülern 80. In den neuen Räumlichkeiten gab es genug Platz, und die Bürokratie hielt sich zunächst auch noch in Grenzen. „Früher kannte ich noch jedes Kind mit Namen“, berichtet die Schulleiterin. Im Laufe der Jahre wuchsen dann Schule und Verantwortung Stück für Stück. Heute besuchen 240 Mädchen und Jungs die Grundschule, unterrichtet werden sie von 15 Lehrerinnen.

„Es ist viel Respekt verloren gegangen“

„Es ist wahnsinnig hektisch geworden“, erzählt die 62-Jährige. Es fehle die Zeit, um sich wichtigen Angelegenheiten in Ruhe zu widmen. „Früher wurde ein Stoffplan gemacht und unterrichtet, ansonsten mussten noch zwei Feste pro Jahr geplant und organisiert werden“, erinnert sich Arhelger. Heutzutage gebe es ständig neue Konzepte, Qualitätsüberprüfungen und Anforderungen seitens der Schulbehörde und des Kulturministeriums. „Da geht einem irgendwann die Puste aus“, sagt Arhelger. Auch bei Eltern und Kindern habe sich viel geändert: „Es ist viel Respekt verloren gegangen.“ Selbst Erstklässler würden den Anweisungen nicht mehr folgen, und die Eltern hätten weitaus weniger Vertrauen in die Arbeit der Lehrkräfte als dies früher der Fall gewesen sei. Die Aufgaben gingen heute weit über die reine Stoffvermittlung hinaus, es seien Fähigkeiten als Psychologe, Erzieher und Sozialarbeiter gefragt. Zusätzlich macht noch der Raummangel der Rektorin und ihren Kolleginnen zu schaffen. Trotz des 2009 eingeweihten Erweiterungsbaus platzt die Schule aus allen Nähten. Noch ist nicht klar, wo die zusätzlichen Räume für den Ganztagesbetrieb herkommen sollen.

„Es wird für mich eine große Erleichterung sein, die große Verantwortung abgeben zu können“, sagt Arhelger. Im Ruhestand möchte sie mehr Sport treiben, Freunde treffen, Reisen mit ihrem Lebensgefährten machen und sich mehr Ruhe gönnen. Natürlich könne es auch sein, dass sie in ein gewisses Loch falle: „Ich überlege mir jetzt schon die Strukturen für meine Tagesabläufe.“ Ganz möchte Arhelger, die in Bad Cannstatt wohnt, aber nicht von Zazenhausen und der Grundschule lassen. Gerne würde sie ihrer Nachfolgerin oder ihrem Nachfolger (wer es wird, steht noch nicht fest) mit Rat und Tat zur Seite stehen und hin und wieder auch als Krankheitsvertretung unterrichten. „Das wird sozusagen ein schleichender Abgang“, sagt sie. Einen Schock oder gar Tränen wird es dabei hoffentlich nicht geben.

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