Immer donnerstags heißt es in Pattonville: Kamera an. Foto: Grundschule Pattonville

An der Grundschule in Remseck-Pattonville soll nichts über den Kopf der Kinder hinweg entschieden werden. Deshalb gibt es einen Kinderrat und ein TV-Angebot, das seinesgleichen suchen dürfte.

Autokratien sind weltweit auf dem Vormarsch. Auch in Europa werden in einigen Staaten die Grundrechte leise unterhöhlt. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die 440 Mädchen und Jungs der Grundschule Pattonville später solche Tendenzen kritisch beäugen. Denn sie lernen tagtäglich, was Mitsprache bedeutet und was man über demokratische Prozesse bewegen kann. An der Bildungsstätte wird nichts über den Kopf der Kids hinweg entschieden. Themen werden im Kinderrat diskutiert und auf außergewöhnliche Weise transparent gemacht: über ein eigenes Schulfernsehen.

 

Im Foyer der Schule kann man die Sendung auch anschauen. Foto: Grundschule Pattonville

Der Kinderrat, in den jede Klasse zwei gewählte Präsidenten entsenden kann, sei eine Errungenschaft mit langer Tradition, erklärt Rektorin Ulrike Schiller, die seit der Gründung der Bildungsstätte vor 27 Jahren am Ruder sitzt. Früher habe das Gremium seine Themen allerdings bei einer wöchentlichen Schulversammlung aufs Tapet gebracht. Bei anfangs nur 80 Mädchen und Jungs habe dafür ein großer Raum gereicht, mit steigenden Schülerzahlen sei man auf eine Turnhalle ausgewichen. Als diese saniert wurde, brauchte man ein andere Lösung. „Wir haben uns daran erinnert, dass die Amerikaner hier früher Schulfernsehen hatten, und haben mit einer Gruppe von Eltern die Leitungen reaktiviert und in einer kleinen Ecke ein Studio eingerichtet. Statt eine Schulversammlung abzuhalten, haben wir einfach in jedes Klassenzimmer gesendet“, erklärt Schiller. Das war die Geburtsstunde des ersten Pattonviller Schulfernsehens.

Damals flimmerte das Programm auf klobigen Fernsehapparaten. Inzwischen können die Klassen die Beiträge auf digitalen Tafeln verfolgen. Das Studio ist zudem in einem extra Raum im Erdgeschoss untergebracht. Von hier aus startet jeden Donnerstag um 9.20 Uhr die halbstündige Übertragung. Und zwar nicht aus der Konserve, sondern live. Immer zwei andere Präsidenten führen durch die Sendung. Ulrike Schiller ist als Stütze mit im Raum, Kollegen von ihr kümmern sich um die Technik und die Kamera.

Es gibt sogar ein eigenes Logo für das Schulfernsehen, das bei den Sendungen eingeblendet wird. Foto: Grundschule Pattonville

Los geht es mit dem Rätsel der Woche, über dem die Klassen brüten können. Eine Lehrerin verliest das Protokoll der vergangenen Sendung. Außerdem berichten Kinder aus ihren Klassen, etwa, was sie bei einem Ausflug erlebt haben, was ihnen missfällt oder wie sich eine Studentin als Hilfe im Unterricht schlägt. „Man kann auch mitteilen, dass jemand eine Brille verloren hat“, sagt Konrektorin Barbara Frösch. Dann folgt der Bericht des Kinderrats. Obligatorisch ist der Witz der Woche. Filme zu bestimmten Themen oder aus dem schuleigenen Trickfilmatelier werden ebenfalls eingespeist. Für die Schüler ist das eine große Sache, wenn sie mit einem Vortrag dran sind. Und sie lernen, wie eine Präsentation funktioniert.

Wichtig sei auch, dass die Mädchen und Jungs merken: sie können wirklich mitentscheiden, es bewegt sich etwas, betont Ulrike Schiller. So werde beispielsweise über den Kinderrat und die Diskussion in den Klassen beschlossen, wo ein neues Spielgerät aufgestellt wird. „Sie erkennen damit zudem, dass es sich lohnt, sich zu engagieren“, sagt die Rektorin. Außerdem würden sich die Kinder von den Erwachsenen ernst genommen fühlen, ergänzt Laura Fröhlich, die Vorsitzende des Fördervereins der Schule, der das Projekt finanziell unterstützt. Konrektorin Frösch hebt ferner hervor, dass es einen Minderheitenschutz gebe, nicht immer die Mehrheit tun und lassen könne, was sie wolle.

Laura Fröhlich, Vorsitzende des Fördervereins, Konrektorin Barbara Frösch und Rektorin Ulrike Schiller (von links) freuen sich über den Preis, mit dem der Einsatz der Schule für Demokratie gewürdigt wurde. Foto: Grundschule Pattonville

Die Lehrer setzen gewissermaßen die Leitplanken, machen klar, dass man sich mit seinen Anliegen nicht in einem rechtsfreien Raum bewegt – aber man innerhalb des Rahmens mit Nachdruck doch zu einem Kompromiss kommen kann. Exemplarisch dafür steht für Ulrike Schiller vor allem eine Episode. Die Kinder hätten sich gewünscht, im Winter Schneebälle werfen zu dürfen. Wegen Verletzungsgefahr sei das aber nicht ohne Weiteres möglich. Mit dem Kinderrat wurde die Idee entwickelt, eine durch ein Schild klar gekennzeichnete Zone auszuweisen, in der die Bälle fliegen dürfen. Ein Behördenleiter habe geunkt, dass das nicht funktioniere, bei einem Unfall keine Versicherung zahlen würde. „Die Kinder haben dann selbst bei der Versicherung angerufen, die Schulunfälle übernimmt“, erzählt die Rektorin. Die Kids wurden von A nach B verbunden, ehe sie bei einem Entscheidungsbefugten landeten, der lachend sagte: das ist eine hervorragende Regelung. Und so kam die Schule zu einer Schneeball-Wurf-Zone.

Der Impuls zu dem mittlerweile üblichen jährlichen Schlittschuhlauftag kam ebenfalls von Schülerseite, durchlief die Gremien, wurde geprüft – und am Ende umgesetzt. Man kann davon ausgehen, dass solche Erfolgsnachrichten damals an prominenter Stelle im Schulfernsehen verlesen wurden.

Einsatz für Demokratie wird honoriert

Preis
Der Landesverband der Schulfördervereine hat jetzt Projekte ausgezeichnet, die sich für Frieden und Demokratie an Schulen einsetzen. Der zweite, mit 3000 Euro dotierte Preis ging an den Förderverein der Grundschule Pattonville für den Kinderrat und das Schulfernsehen.

Anschub
Das Schulfernsehen verursacht im Prinzip keine laufenden Kosten. Der Förderverein hat aber vor allem eine Anschubfinanzierung für die Grundausstattung von rund 6000 Euro geleistet. Die 3000 Euro Preisgeld sollen voraussichtlich dafür verwendet werden, Spielgeräte für den Pausenhof anzuschaffen.