Es liefert nicht nur „grünen“ Strom, sondern ist auch ein Weilimdorfer Wahrzeichen: die Windkraftanlage auf dem Grünen Heiner. Foto: Archiv Georg Linsenmann

Im kommenden Jahr endet die Betriebserlaubnis für Stuttgarts einzige Windkraftanlage auf dem Grünen Heiner. Gelingt es nicht, sie weiterzubetreiben, muss sie abgebaut werden. Die Stadtwerke Stuttgart haben kein Interesse und das Recycling der Anlage könnte zum Problem werden.

Weilimdorf - Über die Zukunft der Windkraftanlage Grüner Heiner wurde in der Vergangenheit schon häufiger diskutiert und spekuliert. In der ersten Sitzung nach der Sommerpause stand sie nun wieder auf der Agenda des Weilimdorfer Bezirksbeirats. Wenn im kommenden Jahr das Erneuerbare-Energien-Gesetz ausläuft, endet auch die Betriebserlaubnis für die Anlage. Teils hitzig wurde in dem Gremium debattiert, wie es um die umweltgerechte Entsorgung problematischen Stoffe, aus denen die Rotore bestehen, bestellt ist. Denn ob das Windrad sich weiterdrehen darf, steht noch in den Sternen.

Angeregt wurde das Thema von den Freien Wählern. Die wollten wissen, ob eine neue Anlage gebaut würde, wer für die umweltgerechte Entsorgung zuständig sei und wie die Sache aussehe, sollte die alte Anlage weiter betrieben werden. Dieser Anfrage wollte sich die FDP Stadtgruppe Weilimdorf anschließen und ergänzte durch einen eigenen Antrag. Darin stand die Forderung, das jetzige Windrad durch den „größten und leistungsstärksten Vertikalrotor der Welt“ zu ersetzen.

Betreiber haben noch kein neues Geschäftsmodell

Licht ins Dunkel, ob dies möglich wäre, brachte Heinrich Blasenbrei-Wurtz. Der Ingenieur hatte vor zwei Jahrzehnten die Bauleitung der im Jahr 2000 ans Netz gegangenen Anlage inne. Er sprach sich im Namen der Gesellschafter dafür aus, sie so lange wie möglich weiterzubetreiben. Da die Betriebsgenehmigung im März 2020 ausläuft, „werden wir ein Standsicherheitsgutachten beauftragen müssen, was in Kürze geschehen wird“, sagte er. Zwei Angebote lägen vor. An ein Repowering, also den Austausch gegen eine neuere Anlage, denke man nicht. „Die Standardwindräder heute sind fünfmal größer als das, was sich dort oben dreht“, sagte er. Was möglich wäre, habe die Herstellerfirma untersucht, aber das ziehe ein neues Genehmigungsverfahren nach sich. Zudem sei fraglich, ob eine deutlich größere Anlage dann noch zum Grünen Heiner passe.

„Wir haben aber noch kein Geschäftsmodell, um das ganz offen zu sagen“, so Blasenbrei-Wurtz. Vorstellig sei man bei den Stadtwerken Stuttgart geworden. Diese empfände man als optimalen Partner, denn in deren Netz befinde man sich schließlich. „Aber sie haben kein Interesse“, zeigte sich der Ingenieur enttäuscht. Zwar lägen Angebote anderer Stromanbieter vor, doch seien die zu niedrig.

Keine umweltgerechte Entsorgung in Münster möglich

Auf Nachfrage unserer Zeitung antwortet die Sprecherin der Stadtwerke, Karoline von Graevenitz, wie folgt: „Die Stadtwerke Stuttgart betreiben deutschlandweit 31 Windkraft-Anlagen. In Abstimmung mit dem Aufsichtsrat wurde entschieden, dass die Stadtwerke Stuttgart darüber hinaus in keine weiteren Windkraftprojekte investieren.“

Sollte der Weiterbetrieb scheitern, stünde die Entsorgung an. Da etwa die Rotoren hauptsächlich aus hochproblematischen glasfaserverstärkten Kunststoffen (GFK) bestehen, entsteht eine Menge Sondermüll. Der stellvertretende Bezirksbeirat Lothar Barth (FDP) warf ein, dass entgegen der Behauptung von Blasenbrei-Wurtz die umweltgerechte Entsorgung nicht durch die EnBW in Münster oder sonstigen konventionellen Müllverbrennungsanlagen realisierbar sei. Das bestätigt auch der EnBW-Konzernsprecher Hans-Jörg Groscurth. „Die EnBW hat bisher den Austausch von Blättern über die entsprechenden Herstellerfirmen vornehmen lassen. Parallel befassen wir uns auf Verbandsebene mit der Definition von Anforderungen für eine umweltgerechte Verwertung von Rotorblättern“, erklärt er.

Nur ein Unternehmen in Deutschland

Umweltgerecht entsorgen kann die Rotorblätter bislang nur ein Unternehmen in Deutschland. Die Neocomp GmbH in Bremen hat sich auf die Aufbereitung von glasfaserverstärkten Kunststoffen spezialisiert und einen Zero-Waste-Prozess entwickelt. Die dabei produzierten Stoffe werden bei der Zementherstellung vollständig thermisch und stofflich verwertet. Für die Entwicklung des Verfahrens erhielt das junge Unternehmen 2017 den GreenTec Award. „Es ist keine Raketenwissenschaft, aber eine Nische in der Nische, an die sich nicht jeder ran wagt“, erklärt Neocomp-Geschäftsführer Frank J. Kroll. Er hofft auf weitere Anbieter, denn „es gibt für Kunden nichts Schlimmeres, als eine Quasi-Monopol-Stellung eines Anbieters“. Da sein Unternehmen gar nicht die Kapazität habe, sei es wünschenswert, dass weitere Anbieter folgen.

Sollte sich in Weilimdorf kein Partner finden und das Windrad abgebaut werden müssen, stehen die Betreiber damit vor einer Herausforderung. Denn was Heinrich Blasenbrei-Wurtz auch deutlich machte, war, dass die bisherige Geschäftsführung der Anlage durch die Gedea in Murrhardt zum Jahresende auslaufe.

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