Die Windmühle auf dem Grünen Heiner bleibt wohl die einzige in Stuttgart. 2027 wird sie ersetzt. Dann gibt Heiner Blasenbrei-Wurtz viel mehr ab als seinen Schlüssel.
Während Heiner Blasenbrei-Wurtz erzählt, wie das Windrad in sein Leben kam, wird es über ihm plötzlich laut. Die Rotorblätter peitschen durch die Luft. „Jetzt kommt eine Böe, das ist Volllast“, sagt er, ohne hinzuschauen. Der 77-Jährige kennt auf dem Grünen Heiner jeden Mucks. Er ist auf vielfache Weise mit diesem Windrad verbandelt. „Es ist mein Baby.“ Nur, dass dieses Baby mittlerweile 25 Jahre alt ist und seine Tage gezählt sind.
Stuttgarts bislang einziges Windrad wird 2027 repowert, sprich ersetzt durch ein stärkeres. Der Nachfolger wird etwa neunmal so viel Energie produzieren, rein rechnerisch für dann rund 2500 Haushalte statt für 270 wie bisher. Der Rotordurchmesser wird 138 statt 40 Meter betragen, und die Gesamthöhe 150 statt 66 Meter. Wenn es in zwei Jahren so weit ist, endet für Heiner Blasenbrei-Wurtz eine persönliche Ära.
In den vergangenen 25 Jahren war er der Kümmerer, der Hausmeister im Ehrenamt. Der gelernte Bauingenieur macht Führungen und schaut auf dem Grünen Heiner nach dem Rechten. Er hat online Zugriff auf die Steuerung des Windrads, und ist im Fall der Fälle von seinem Zuhause in Besigheim aus in einer halben Stunde vor Ort. Dass er selbst Heiner heißt, sei übrigens purer Zufall, komme bei den Leuten aber seit Jahren gut an.
Dass sich die Wege der beiden Heiners absehbarer Zeit trennen werden, weckt in dem 77-Jährigen gemischte Gefühle. Schon auch Wehmut, natürlich. Aber er könne gut loslassen. „Ich bin auch froh, dass ich einige Lasten von den Schultern genommen kriege“, sagt er. Sobald die alte Windmühle abgebaut ist, wird er mit seinem Schlüsselbund auch einen Haufen Verantwortung abgeben. Er meint damit vor allem Sicherheitsfragen.
Der Untergrund ist nicht ohne
Heute, nach einem Vierteljahrhundert ohne Vorkommnisse, sagt Heiner Blasenbrei-Wurtz: „Wir haben bewiesen, was zu beweisen war.“ Nämlich dass man ein Windrad in einen Schuttberg rammen kann und es funktioniert wie ein Schweizer Uhrwerk. Bei einer Generalrevision 2020 hätten Experten die Anlage komplett durchgecheckt. „Das Einzige, was wir reparieren mussten, waren die Flügel.“ Da habe sich die Beschichtung leicht abgelöst. Die Betriebserlaubnis wurde um sieben Jahre verlängert. Und jetzt das Repowering. „Es geht immer weiter“, sagt er.
Heiner Blasenbrei-Wurtz sitzt auf dem Gipfel, das Windrad im Rücken. Er erinnert sich noch gut, wie es hier aussah, als die Anlage gebaut wurde. „Wenn ich mich recht entsinne, kam das Windrad in drei Teilen.“ Zuvor war der Berg quasi geöffnet worden, um das Fundament zu versenken. Der Untergrund ist nicht ohne. Der Grüne Heiner ist kein natürlicher, sondern ein menschengemachter Berg, aus Kriegs- und sonstigem Stadtschutt.
Überbleibsel vom Stuttgarter Charlottenplatz sollen zum Beispiel hier unter dem Bänkchen, auf dem der Hausmeister gerade die Aussicht genießt, vergraben sein. Dass das Fundament von den Ausmaßen eines Einfamilienhauses das vergangene Vierteljahrhundert niet- und nagelfest saß, wurde mit Schotter, sogenannten Rüttelstopfsäulen und spezieller Verzahnungstechnik erreicht, erläutert er. Dass er das bis in Detail weiß, liegt daran, dass er seinerzeit sogar der hauptberufliche Bauleiter war.
Nachdem die Windmühle am 16. März 2020 in Betrieb genommen wurde, sei er täglich da gewesen und habe tote Vögel gesucht, berichtet Heiner Blasenbrei-Wurtz. Gefunden habe er keinen einzigen. Manche meinten, die habe sicher der Fuchs schon geholt. Andere waren sich, wie er, sicher, dass es gar keine gab. Nicht nur die Modellsegelflieger haben sich arrangiert. Das Windrad habe sich eingefügt, auch in die Natur. Er beobachte oft Falken oder Mäusebussarde. „Was bin ich schon Stunden hier gewesen.“ Die Vögel hätten die Anlage eindeutig auf dem Schirm, sagt er.
Neben ihm lassen Männer ihre Modellflugzeuge steigen, ein Radler hat es gleich an die höchste Stelle geschafft. Ein Pärchen hat eine Decke am Fuße des Windrads ausgerollt und tankt Frühlingssonne. Die Rotorblätter werfen blinkende Schatten. Gerade summen sie nur leise vor sich hin. Übernächstes Jahr müssen sich all diese Ausflügler vorübergehend einen anderen Aussichtspunkt suchen. Dann wird hier ordentlich gegraben. Läuft alles nach Zeitplan, wird der Gipfel 2027 zur Großbaustelle. Zu keiner einfachen.
4,2 Megawatt statt 600 Kilowatt
Der Standort werde leicht versetzt, damit der Kran überhaupt Platz hat, erklärt Bianca Weis von Gedea Ingelheim, der bisherigen Betreiberin. Deren Komplementärin Gedea Windkraft Grüner Heiner wird den leistungsstärkeren Nachfolger (4,2 Megawatt statt 600 Kilowatt) gemeinsam mit den Stadtwerken Stuttgart installieren. Die Kuppe werde um sechs Meter abgetragen. „Der Prozess umfasst den Abbau des alten Fundaments, die Vorbereitung des Untergrunds und den Bau eines neuen Fundaments, das den erhöhten Belastungen standhält“, sagt sie. Mit dem recycelten, alten Fundament werde die Kranstellfläche geschottert.
Der Gesamtinvest liegt bei geschätzt knapp sechs Millionen Euro. Die beiden Partner sind mit jeweils 50 Prozent an der neuen Projektgesellschaft Grüner Heiner Betriebs GmbH & Co. KG beteiligt. Um zu erklären, wann was passiert, hat das Windrad eine eigene Webseite.
Dass die Stadtwerke Stuttgart einsteigen, findet Heiner Blasenbrei-Wurtz eine sehr gute Nachricht. Er weiß von Zeiten zu berichten, da hatte der Berg als Energiestandort die Stadtwerke noch nicht sonderlich interessiert. Das ist inzwischen anders: Der Gemeinderat hat 2022 beschlossen, dass die Stadt bis 2035 klimaneutral sein soll. Seither investieren die Stadtwerke kräftig in verschiedene Energieprojekte – aufgrund von Platzmangel vor allem fernab der Landeshauptstadt. Auf Stuttgarter Boden wird das Windrad auf dem Grünen Heiner wohl erst einmal ein Einzelfall bleiben. Wie sich abzeichnet, haben weitere Anlagen am Sandkopf politisch keine Chance.
Windrad als jedermanns Liebling
In der ganzen aktuellen Debatte um die Windkraft sticht eines deutlich ins Auge: Das Windrad auf dem Grünen Heiner ist ein Sympathieträger und damit irgendwie fast ein Exot. Es gilt in der Region als Landmarke, ja vielleicht gar als Wahrzeichen. Heiner Blasenbrei-Wurtz erzählt, dass immer wieder Anfragen bei ihm eintrudeln, wie ihnen das gelungen sei. Ein Windrad als jedermanns Liebling? Heutzutage gilt es als gesetzt, dass sich eine Gegnergruppe formiert, sobald von Windenergie die Rede ist. Was also haben sie anders gemacht?
Zur Einordnung: Auch die Idee für das Energieprojekt auf dem Grünen Heiner bekam Gegenwind, sagt Heiner Blasenbrei-Wurtz. Die Modellflieger waren dagegen, der damalige Bürgermeister von Korntal-Münchingen auch. Der Kegelberg befindet sich zu einem Drittel auf der Gemarkung der Stuttgarter Nachbarkommune. Das Windrad sehe aus „wie ein Spargel auf dem spitzen Berg“, sagte Peter Stritzelberger seinerzeit. Entscheidend sei wohl gewesen, dass die damalige Bezirksvorsteherin im angrenzenden Stuttgart-Weilimdorf, Ulrike Zich, das Windrad wollte, sagt Heiner Blasenbrei-Wurtz. „Aber es ist schon so, dass der Protest nicht vergleichbar war mit heute“, sagt er.
Im Übrigen seien sie damals nicht als „Investorentypen mit Schlips und Köfferchen“ aufgetreten, sagt Heiner Blasenbrei-Wurtz. Er war nämlich nicht nur Bauleiter und anschließend Hausmeister im Ehrenamt, er hat das Projekt seinerzeit auch maßgeblich mit vorangetrieben. Nicht immer astrein diplomatisch, räumt er ein. „Aber eine derbe Art kann auch Türen öffnen, weil sie für Ehrlichkeit spricht.“ Im Fall des Grünen Heiners war das in der Rückschau so.
Gemeinsam mit 64 anderen Privatleuten hält Heiner Blasenbrei-Wurtz Anteile an der Anlage; mit 5000 D-Mark habe er sich damals eingekauft. Das Windrad ist längst abbezahlt. Auf seinem Konto landen rund 100 Euro im Jahr. „Man kann nicht reich werden damit“, aber er hat es ja eh aus Überzeugung getan. „Es ist der Wille, die Energiewende hinzubekommen.“ Auch am kräftigeren Windrad bleiben er und die anderen über die Gedea Ingelheim beteiligt.
Beim Repowering am Grünen Heiner zentrale Figur
Anlagen wie der Grüne Heiner waren das Geschäftsmodell von Heiner Blasenbrei-Wurtz. Nach ein paar Jahren als Angestellter machte er sich selbstständig, projektierte erneuerbare Energieanlagen, immer wieder auch mit der Möglichkeit für Bürger, sich finanziell daran zu beteiligen. Vor 13 Jahren ist er in den Ruhestand gegangen, zumindest im Hauptberuf. Denn der Job am Grünen Heiner blieb. Bisher.
Der Übergang in den echten Ruhestand zeichnet sich nun ab, wird aber noch etwas dauern. Der einstige Bauleiter gehört zu den letzten Wissensträgern für die Historie der Windkraft an diesem Ort. Für das Repowering, das nun ansteht, ist er eine zentrale Figur. Er kennt die Kabelquerschnitte, er weiß, ob dieses oder jenes aus Kupfer oder Aluminium besteht, kennt viele nützliche Details. „Schön wäre es, wenn wir als Erinnerung den Prozessor bekämen“, sagt er. Der habe die Anlage das Vierteljahrhundert über gesteuert, sei so etwas wie das Hirn des Windrads.
Inzwischen braucht Heiner Blasenbrei-Wurtz Stöcke, wenn er zu Fuß auf den – an der Umgebung gemessen – knapp 100 Meter hohen Grünen Heiner möchte; und er macht zwischendurch gern Verschnaufpausen mit Blick auf die Windmühle. Auch ohne Schlüssel wird man ihn hier bestimmt regelmäßig treffen. Eine gemeinsame Vergangenheit, wie die der beiden Heiners verbindet und überdauert auch ein Repowering. „Manchmal streichele ich auch den Turm“, sagt er. Auf den Nachfolger freut er sich gleichzeitig. „Es war mein ausdrücklicher Wunsch.“