Cem Özdemir soll für die Grünen die Landtagswahl am 8. März gewinnen. Dazu muss er die konservativen Grünen-Wähler überzeugen – aber auch die am linken Rand.
Cem Özdemir steht auf dem Gigelberg in Biberach. An diesem regennassen Februartag ist es fast schon gespenstisch ruhig. Vor zwei Jahren sah das ganz anders aus. Damals stand der frühere Bundeslandwirtschaftsminister bei einer Bauern-Demo rund 250 Traktoren und Landmaschinen gegenüber. Er redete gegen Sirenen und Hupen an, gegen Pfui-Rufe und gellende Pfiffe. Nur wenige Gehminuten entfernt vor der Stadthalle brannten Strohballen. Die Grünen sahen sich gezwungen, ihren politischen Aschermittwoch 2024 abzusagen
„Das ist ja ganz schön nah“, stellt Özdemir jetzt fest, das sei ihm damals gar nicht bewusst gewesen. Warum er sich seinerzeit den Bauernprotesten gestellt hat? „Ich möchte das Land in der Mitte zusammenhalten“, antwortet Özdemir. Damals habe er Briefe erhalten, dass Strömungen von ganz rechts in die Bauernbewegung drängten. „Vor zwei Jahren standen da auch Leute mit T-Shirts ‚Landwirtschaft ist bunt‘. Für die war wichtig, dass ich gesprochen habe.“
Özdemir ist angetreten, um die Grünen an der Regierung zu halten
Brücken bauen, das ist eine der Überschriften von Özdemir in diesem Landtagswahlkampf. Der 60-Jährige ist angetreten, um die Grünen nach der Wahl am 8. März in der Regierung zu halten – und der erste Ministerpräsident mit Migrationshintergrund zu werden. Integration ist ein Leitmotiv: In Reden verspricht er, Ideen nicht nach Parteibuch zu bewerten. Er wolle das Verbindende über das Trennende stellen.
Das heißt manchmal, sich von grünen Positionen abzusetzen. Özdemir hat als einer der ersten Grünen gefordert, das Verbrenner-Aus flexibel zu gestalten. Dass er auch mal von der Parteilinie abweicht, ist inzwischen fast schon Programm: Özdemir betont, dass er sich als Spitzenkandidat Beinfreiheit ausgebeten habe. Politische Gegner nutzen diese Aussagen als Steilvorlage. Özdemir schmücke sich mit fremden Federn ätzt etwa der FDP-Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke: „Er hofft ja immer, mit Winfried Kretschmann verwechselt zu werden.“
Kretschmanns Amtsbonus soll abfärben
Damit liegt Rülke gar nicht so falsch. Denn Özdemir ist angetreten, um den grün-konservativen Kurs Kretschmanns fortzuführen. Die Unterstützung des Ministerpräsidenten ist ihm sicher. Auf Wahlplakaten steht Kretschmann hinter Özdemir. Für die richtigen Fernsehbilder gehen die beiden in den Stuttgarter Weinbergen bei Uhlbach wandern. Der Amtsbonus soll abfärben.
Özdemir steht für Kontinuität. Er ist angetreten, einen Anschluss an die Ära Kretschmann zu finden. Der in Bad Urach geborene Özdemir stand schon in den 1990er Jahren für Schwarz-Grün – als Mitglied der sogenannten Pizza Connection, einer Gruppe von CDU- und Grünen-Bundestagsabgeordneten, die sich damals heimlich trafen.
Özdemir versucht, einen wirtschaftsfreundlichen Kurs zu fahren mit Ideen zum Bürokratieabbau und Bekenntnissen zur Autoindustrie. Das lobt auch das CDU-Klientel: Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller nannte den Grünen „nicht verkehrt“, wünscht sich aber trotzdem, wie viele Unternehmer, eine CDU-geführte Regierung.
Özdemir steht wie Kretschmann für eine Idee des Konservativen, die nicht an Strukturen festhält, sondern an Werten. „Für mich bedeutet Heimat vor allem Geborgenheit, die Aussicht auf ein gutes Leben“, schreibt Özdemir im Vorwort zum Wahlprogramm. Diese persönliche Note des Spitzenkandidaten ist ungewöhnlich für die Grünen und zeigt, wie stark die Partei in diesem Wahlkampf auf seine Person setzt.
Um das glaubwürdig zu machen, war es notwendig, seine bundespolitische Karriere bereits mit seiner Kandidatur für beendet zu erklären. Die Frage, was passiert, wenn die Grünen nur zweitstärkste Kraft in der Regierung oder sogar Opposition werden nach der Wahl am 8. März, lässt er unbeantwortet.
Und doch schmeckt die starke Fokussierung auf Özdemir nicht allen Grünen, so kritisierte die Grüne Jugend im Herbst, es gehe nicht nur um Personen. Inzwischen sind diese Stimmen leise geworden. Denn die Grünen wissen auch: Wollen sie nicht in der Opposition landen, ist Özdemir ihre einzige Chance. Die Frage ist, ob die Partei nach der Wahl weiter so mitzieht?
Ein Selbstläufer ist seine Kandidatur jedenfalls nicht, wie vielleicht mancher Grüner vor ein paar Jahre noch gedacht hätte. Joschka Fischer sprach im November sogar von einer „an Wunder grenzenden Aufgabe“. Zwar ist Özdemir, der in die Bundespolitik ging und nach der Bonusmeilen-Affäre einen Abstecher ins Europaparlament machte, bevor er wieder in die Bundespolitik zurückkehrte, bekannter als sein CDU-Kontrahent Manuel Hagel. Inzwischen haben die Grünen die CDU fast eingeholt. Der Vorsprung der Christdemokraten schrumpft.
Dafür hat Özdemir hart geackert. Seit Monaten ist er im Land unterwegs. Wo er auftaucht, wollen die Menschen Selfies mit ihm. Der Bahnhof in Stuttgart-Vaihingen an einem regnerischen Januar-Tag: Özdemir verteilt im Berufsverkehr Brezeln. Viele Leute bleiben überrascht stehen, als sie ihn erkennen. Ein enttäuschter Grünen-Wähler stellt ihn gleich zur Rede. Kretschmann sei ja eher ein Schwarzer als ein Grüner, was denn vom ihm zu erwarten sei? Ein anderer fragt nach dem schleppenden Windkraft-Ausbau im Land. Özdemir versucht zu parieren.
Das zeigt den schmalen Grat, auf dem er sich bewegt: Einerseits will Özdemir die programmatische Anschlussfähigkeit zur CDU wahren und gleichzeitig die Grünen-Kernwähler nicht verprellen. Beide Parteien haben bei den Wählern in Baden-Württemberg Schnittmengen. Doch bei dieser Landtagswahl zählt jeder Prozentpunkt.
Im Januar putzt Özdemir Klinken beim Haustür-Wahlkampf in seinem Wahlkreis Stuttgart-Möhringen. Dort, wo sich die Türen öffnen, schlägt Özdemir Wohlwollen entgegen. Ein junger Mann läuft dem Tross sogar noch hinterher, um ein Selfie zu machen. Aber es gibt auch das Gegenteil: Auf der anderen Straßenseite ruft einer vom Balkon herüber: „Ah Politiker. Wir wählen die ab.“ Die Sicherheitsleute von Özdemir sorgen später dafür, dass der Grünen-Politiker nicht mehr an diesem Haus vorbeigeht.
Schon seit Jahren wird Özdemir von Personenschützern begleitet. Nicht ohne Grund, wie sich auch in diesem Wahlkampf wieder zeigt. Bei einer Veranstaltung in Reutlingen wird ein Brandsatz gefunden. Die Ermittlungen laufen. Özdemir hatte schon so viele Feinde: „Mal sind es die türkischen Nationalisten, mal Rechts- oder Linksextreme, mal die PKK“, wie er einmal sagt.
In seiner Jugend war er Handballtorwart. Während eines Wahlkampftermins in Stuttgart stellt er sich noch mal ins Handballtor, bricht sich dabei zwei Finger. Und zwei Monate später darf die Jugend des TSV Calw ihm erneut Bälle um die Ohren werfen. „Ich glaube, Handball-Tugenden würden auch der Politik gut tun“, sagt er des Öfteren. Dort sei es tabu, die gegnerische Mannschaft auszupfeifen oder gegen Schiedsrichter zu pöbeln.
Und doch gibt es Gegenden, in denen er kein leichtes Spiel hat. Mitte Februar kommt Özdemir nach Böblingen, wo CDU und AfD stark sind. Am Bahnhof sind die AfD-Plakate in der Überzahl. In der Kongresshalle ist die Stimmung wohlwollend, aber nicht überschwänglich. Ausgelassen geklatscht wird vor allem, als der Komiker Dodokay als Überraschungsgast sekundiert. Was Özdemir jemandem sagen würde, der ihn nicht gewählt habe, um ihn zu überzeugen, will Dodokay wissen. „Jetzt muss ich sagen, besser wäre es, er würd mich wählen und würd dann sagen, ich finde den blöd – vom Outcome her“, witzelt Özdemir – und schiebt gleich nach, er würde sich hinsetzen und reden „beim Viertele, beim Bier oder beim Ayran.“ Das will er auch in den AfD-Hochburgen machen nach der Wahl – Brücken bauen eben.