Wer hat beim Lauf-Duell die Nase vorn? In welchen Stunden stehen sie einander bei? Und warum findet Cem Özdemir als VfB-Fan das Büro von Danyal Bayaz „faszinierend“? Die beiden Minister verraten im Interview viel über ihre besondere Freundschaft.
Der baden-württembergische Finanzminister Danyal Bayaz und Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir sind Freunde – obwohl es die in der Politik doch gar nicht gibt. Ein Gespräch über geteilten Schmerz, Lauf-Duelle und die Frage, wer wen öfter mit Fans fotografieren muss.
Herr Bayaz, Herr Özdemir, was schätzen Sie am anderen?
Özdemir: Fang du an, dann hab’ ich mehr Zeit zum Überlegen.
Bayaz: Er hat das Herz am rechten Fleck. Er ist humorvoll. Er ist verlässlich. Man bekommt immer eine Antwort. Auch wenn’s manchmal dauert. Aber wenn es dringend ist, geht es auch schneller.
Özdemir: Jetzt hast du dich beschrieben! All das kann ich auch über ihn sagen. Wir haben auf der Ebene des Humors einen sehr guten Draht. Trotz allem Enthusiasmus für den Job ist uns wichtig, dass es daneben noch etwas anderes gibt.
Bayaz: Cem hat ein hohes Maß an Selbstironie. Wir machen beide wichtige Dinge. Das heißt aber auch, dass wir uns selbst nicht zu wichtig nehmen sollten. Wir reden als Menschen und nicht als Minister miteinander.
Wie haben Sie sich kennengelernt?
Özdemir: Das war durch diese Bekanntschaftsanzeige, die du aufgegeben hast. Auf die habe ich reagiert. Ich hatte wenig Freunde (lacht). Nein, im Ernst: Über seinen Papa, der Journalist beim Süddeutschen Rundfunk war. Ich fand es als Jugendlicher klasse, dass jemand mit Migrationshintergrund so selbstverständlich die Oettingers und wie sie alle hießen interviewte. Das zu sehen, hat mich stolz gemacht. Irgendwann habe ich über den Papa den Sohn kennengelernt.
Bayaz: Ich erinnere mich, wie mein Vater dich mit nach Hause nach Heidelberg brachte. Du warst junger Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Wir standen im Wohnzimmer, und ich war 16 oder so. Das hat auf mich Eindruck gemacht, dass jemand in seinem Alter und mit seinem Namen Abgeordneter des Deutschen Bundestags war. In diesem Plenarsaal mit dem Bundesadler, den ich aus dem Fernsehen kannte.
Özdemir: Damals haben wir beide wohl noch nicht damit gerechnet, dass du später mein Kollege in der Grünen-Fraktion im Bundestag wirst.
Herr Bayaz, war Cem Özdemir also Ihr Vorbild?
Bayaz: Er war ein Vorbild als Mensch, der anderen, die eine Migrationsbiografie haben, Mut macht. Er gibt mir als Mentor manchmal Ratschläge, die gar nichts mit Politik zu tun haben müssen.
Findet Ihre Freundschaft viel über Whatsapp und Telefon statt?
Özdemir: Whatsapp habe ich gar nicht.
Bayaz: Ich auch nicht. Aber wir kommunizieren schon viel per Kurznachricht. Es kommt vor, dass er mir plötzlich ein Selfie von sich und meiner Frau aus Bayern schickt, die dort Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag ist. Als ich Abgeordneter in Berlin war, haben wir nicht weit voneinander in Kreuzberg gewohnt. Da habe ich viele Abende mit guten Gesprächen bei dir zu Hause verbracht. Du hast eine sehr beeindruckende Openhouse-Politik – mit den Nachbarn, deinen Kindern. Es ist immer was los.
Özdemir: Ich mag es sehr, wenn das Haus offen ist. Da haben mich meine Eltern geprägt. Aber wir haben in unserer Berliner Zeit eh ein munteres Miteinander gelebt: Ich hatte einen Laufkreis mit meinem Büro und eine Mitarbeiterin, die war topfit. Gefürchtet waren ihre Kraft- und Dehnübungen nach dem Laufen Ich kann seither fast jeden Beckenmuskel einzeln ansteuern (lacht). Danyal hat es auf ein Battle mit seinem Büro-Team angelegt. Zugegeben: Ich hasse es zu verlieren, und er ist ja schon ein paar Jahre jünger. Ich musste mir einen Kniff überlegen und verhandelte, dass zum Battle auch die Übungen danach gehören. Es war dann wie erwartet: Beim Laufen hatte er die Nase etwas vorne, aber bei den Dehnübungen hat unser Büro seines um Längen geschlagen.
Bayaz: Ich war fertig. Ich hab gefragt, ob die Übungen überhaupt legal sind.
Özdemir: So konnten wir sicherstellen, dass das Büro Özdemir gezeigt hat, wo der Bartel de Moschd holt. Ein letztes Aufbäumen.
Bayaz: Wir haben das morgens gemacht. Ich saß zu der Zeit im Wirecard-Untersuchungsausschuss. Man musste rechtzeitig da sein für das Pressestatement. Irgendeiner hat meine Klamotten versteckt. Als ich aus der Dusche im Bundestag kam, waren sie weg.
Özdemir: Wir wissen bis heute nicht, wer es war …
Bayaz: Cem spielt mir gern Streiche. Er hat mir mehrfach erfundene Termine in meinen Kalender gestellt, zum Beispiel unter dem Stichwort Männergesundheit. Mein Büro machte mich darauf aufmerksam, dass ich doch zum Arzt müsse und ich wusste gar nicht, wie das da reinkommt.
Özdemir: Gut, wenn man sich mit der „Leute beim Kalender hinzufügen“-Option etwas auskennt. Da kann man ein Büro auf Trab halten. Einmal habe ich ihm in der Fraktionssitzung das Buch „Reich werden mit den Geissens“ so auf seinem Tisch platziert, dass es die anderen sehen konnten, er selbst aber nicht. Das war ein großes Gelächter und Gefeixe bei jedem Beitrag von ihm.
Sind Sie denn beste Freunde?
Bayaz: Beste Freunde sind wahrscheinlich die aus der Schulzeit. Aber es ist eine sehr enge Freundschaft, mehr auch als eine politische Freundschaft. Ich habe Cems Mutter noch kennengelernt. Cem kennt meine Familie sehr gut, er ist mein Trauzeuge.
Özdemir: Die meisten sehr engen Freunde haben nichts mit Politik zu tun. Ich kenne sie aus der Kindheit oder es sind Nachbarn. Echte Freunde in der Politik sind Ausnahmen. Insofern ist das schon etwas Besonderes.
Bayaz: Du warst ja auch bei meinem 40. Geburtstag dabei. Als einziger Politiker neben Winfried Kretschmann. Und den musste ich als meinen Chef ja einladen.
Können Sie miteinander streiten?
Özdemir: Es gibt nicht viel, über das wir diametral anderer Meinung sind.
Bayaz: Vielleicht gab es mal Uneinigkeiten in politischen Fragen. Als du dich als Landwirtschaftsminister eingesetzt hast, dass die Mehrwertsteuer für Lebensmittel sinkt, sagte ich als Finanzminister natürlich: Muss das jetzt sein?! Dann schreibt man ’ne SMS und sagt: Wenn ich gefragt werde, musst du damit rechnen, dass ich das nicht gut finde.
Worüber unterhalten Sie sich privat?
Özdemir: Ich frag ihn schon mal, wo man so schreckliche Klamotten kaufen kann…Spaß! Wir sprechen über Musik, über Fußball. Wobei Danyal bei Musik schon mehr auf Höhe der Zeit ist. Ich bin eher stehengeblieben bei der Kolchose in den 90er Jahren und bei Bob Dylan, The Who und Led Zeppelin.
Bayaz: Ich bin ledig und kinderlos ins Amt gekommen. Jetzt habe ich zwei Kinder. Cem hat einen ähnlichen Weg gemacht. Ich habe ihn schon mal gefragt: Wie priorisiert man?
Sie trennen 18 Jahre. Gibt es einen Unterschied zwischen Ihnen als Vätern in der Politik?
Özdemir: Meine Kinder sind inzwischen 19 und 16. Ich habe noch die Generation Joschka Fischer im Ohr, die meinte: Der Job kommt zuerst, dem hat sich alles unterzuordnen. Die Männer dieser Generation habe ich aktiv erlebt. Aber man hat privat einen hohen Preis dafür bezahlt. Ich hatte das Bild von Helmut Kohl vor Augen, dessen Kinder Bücher geschrieben haben über den Papa, den sie nie hatten. Das wollte ich nicht. Ich habe immer versucht – so gut es eben in diesem Job geht –, die kostbaren freien Abende mit meiner Familie daheim zu verbringen und nicht beim dritten Bier mit anderen Abgeordneten am Tresen der Parlamentarischen Gesellschaft. Und Danyal repräsentiert eine neue Generation, die das zurecht auch viel selbstbewusster einfordert.
Bayaz: Winfried Kretschmann sagte zu mir: Meine Frau hat mir den Rücken freigehalten, aber so was ist eher Auslaufmodell, ich gebe dir die Freiheiten, die du brauchst.
Özdemir: Es geht darum: Wie macht man die Politik attraktiv auch für Quereinsteiger – etwa aus der freien Wirtschaft wie es bei Danyal ja der Fall ist? Es braucht solche Role Models, die zeigen, dass man sich nicht entscheiden muss zwischen Familie und Beruf.
Stehen Sie sich in schweren Zeiten bei?
Özdemir: Als Danyals Großmutter kürzlich gestorben ist, habe ich sehr Anteil genommen. Ich kannte sie.
Bayaz: Und ich habe mitgelitten, als Cems Mutter gestorben ist.
Özdemir: Unsere Biografien zeigen, dass Einwanderungsgeschichten sehr unterschiedlich sind: Meine Eltern waren Gastarbeiter, mein Vater hatte drei Jahre Grundschule hinter sich. Danyals Mutter ist Deutsche, sein Vater war Journalist mit türkischem Hintergrund, also eher Bildungsbürgertum. Aber trotzdem gibt es da diese enge Bande über die geteilte Erfahrung. Wenn ich sehe, was Danyal alles erreicht hat, bin ich stolz.
Bayaz: Und wenn ich lese, dass das Schild der Änderungsschneiderei von Cems Mutter ins Haus der Geschichte einzieht, bin ich auch stolz. Oder wenn ich im Literaturarchiv Marbach plötzlich Cems Button entdecke, mit dem er dem türkischen Präsidenten Erdoğan im Schloss Bellevue die Stirn geboten hat.
Özdemir: Darauf steht auf Türkisch sinngemäß das Schiller-Zitat „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“. Sich gegenseitig zu bestärken ist ein wichtiger Teil von Freundschaft, aber seine Kritik und ehrliches Feedback sind mir genauso wichtig, weil man das selten bekommt im politischen Betrieb. Danyal war zum Beispiel der Einzige, dem ich die Rede, die ich hielt, als die AfD Texte von Deniz Yücel missbilligen lassen wollte, vorher zum Lesen gegeben habe. Er gab mir ein paar sehr gute Hinweise. Dazu muss man sich gut kennen, einander vertrauen und sich in den anderen hineinversetzen können. Aber manchmal sind Freundschaftsdienste auch ganz banal: Danyal ist der Mann, der die Fotos macht, wenn mich zum Beispiel VfB-Fans im Stadion erkennen und ein Selfie wollen.
Bayaz: Ich habe schon sehr viele Fotos von Cem und Fans gemacht!
Kommt das andersherum nicht vor?
Özdemir: Doch, doch, immer mehr. Aber, wenn wir schon beim VfB sind. Als VfB-Fan finde ich natürlich auch Danyals Büro faszinierend. Denn dort saß früher der ehemalige Finanzminister und VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder. Man erzählt sich die Geschichte, dass dort die Verträge mit den Spielern unterschrieben wurden. Deshalb war ich sehr auf das Büro gespannt. Es ist schon krass, dass dort nun Danyal sitzt. Das sagt auch viel aus über das Land.
Herr Özdemir, haben Freunde für Sie als Einzelkind eine andere Bedeutung als für Menschen mit Geschwistern?
Özdemir: Ich glaube schon. Ich habe mich zum Beispiel bewusst für den Beruf des Erziehers entschieden. Nicht nur, weil es etwas Rebellisches war, kein typischer Männerberuf. Es hatte schon auch etwas damit zu tun, dass ich einen Beruf lernen wollte, der viel soziales Miteinander und Interaktion dabei hat. Und Freundschaften können manchmal auffangen, was man ohne Geschwister vermisst. Zum Beispiel, dass man gemeinsame Erinnerungen teilt.
Herr Bayaz, Sie haben eine Schwester. Wie ist das Verhältnis?
Bayaz: Ich war sicher kein einfacher großer Bruder in der Pubertät, wir haben uns nichts geschenkt, so wie das bei Geschwistern ist. Wir verstehen uns heute sehr gut, sehen uns nur zu selten, aber facetimen häufig, weil sie ihre Neffen sehen möchte. Aber so wie eine gute Freundschaft Distanz aushält, hält sie auch eine gute Geschwisterbeziehung aus.
Zwei Freunde in der Politik
Cem Özdemir
Der Sohn von Gastarbeitern – Jahrgang 1965 – wächst in Bad Urach auf, lernt zunächst den Beruf des Erziehers und studiert Sozialpädagogik. Seit 1994 saß er für die Grünen zeitweise im Bundestag und Europaparlament, 2021 gewann er erstmals als Direktkandidat den Wahlkreis Stuttgart I. In der Ampel-Koalition wurde er zunächst Landwirtschaftsminister, nach deren Bruch zusätzlich Bundesminister für Bildung und Forschung. Bei den kommenden Landtagswahlen will er als Spitzenkandidat für die Grünen ins Rennen gehen. Özdemir hat zwei Kinder und ist seit 2024 mit der kanadischen Juristin Flavia Zaka liiert.
Danyal Bayaz
Der Heidelberger mit deutsch-türkischen Wurzeln wurde 1983 geboren, promovierte über Finanzmärkte und arbeitete für die Unternehmensberatung Boston Consulting Group. Ab 2017 saß er, der dem Realo-Flügel zugerechnet wird, für die Grünen im Bundestag, seit 2021 ist er Finanzminister Baden-Württembergs. Mit seiner Frau, der bayerischen Grünenpolitikerin Katharina Schulze, hat er zwei Kinder.