Grünen-Politiker im Porträt Robert Habeck: Ein grüner Seiltänzer – ganz ohne Netz

Von Christoph Link 

Robert Habeck ist Umweltminister in Schleswig-Holstein. Foto: dpa
Robert Habeck ist Umweltminister in Schleswig-Holstein. Foto: dpa

Er gilt als „coolste Socke“ der Grünen: Robert Habeck, Umweltminister in Schleswig-Holstein. Bei der Kür der Parteispitze ist er unterlegen. Im Norden glänzt er aber mit hohen Umfragewerten und eigenem Erfolgsrezept.

Kiel - Natürlich spricht er hier im Kleinen Theater in Bargteheide, einem hübsch renovierten Plüsch-Kinosaal der 50er Jahre, auch gegen seine drohende Arbeitslosigkeit an. Robert Habeck (49), verheiratet mit einer Schriftstellerin und selbst Schriftsteller von Beruf, Vater von vier Kindern, ist seit fünf Jahren Minister für Energiewende, Umwelt und Landwirtschaft in Schleswig-Holstein. Am 7. Mai könnte Schluss damit sein. Dann wird der Landtag in Kiel neu gewählt, und weil Habeck sich von der Landespolitik verabschiedet hatte und als bundesgrüner Spitzenkandidat nach Berlin gehen wollte, was bei der Urwahl der Grünen knapp an Cem Özdemir scheiterte, steht er nicht auf der grünen Landesliste für die Landtagswahl. Also, nach fünf Jahren als Landes­minister mit Fahrer, Dienstwagen und Mitarbeiterstab winkt ihm jedenfalls kein Abgeordnetenmandat mehr. Trotzdem macht er Wahlkampf wie ein Wilder, macht Termine in Kaltenkirchen, Schleswig, Husum: für sich, für die grüne Sache, fürs Prinzip. Und für seine Weiterbeschäftigung.

In Bargteheide sind rund 150 Personen ins schöne, alte Kino gekommen, meist 30- bis 60-Jährige, in der Pause Rotwein trinkendes, klassisches Bildungsbürgertum. Bargteheide liegt im Speckgürtel von Hamburg, 20 Autominuten von Deutschlands reichster Millionenstadt. Feine Rote-Klinker-Innenstadt, man liest „Hamburger Abendblatt“, nicht „Kieler Nachrichten – im Kino lauscht das Publikum ergriffen ­Robert Habeck, den die „Rhein-Neckar-Zeitung“ mal als „coolste Socke der Grünen“ bezeichnet hat – das trifft es ganz gut.

„Manchmal habe ich Angst vor meiner eigenen Angstlosigkeit“

Da steht er auf der Bühne vor einem Rokoko-Schreibtisch mit dunkler Weste und Sakko im Halbdunkel und spricht mehr als zwei Stunden frei, liest Passagen aus ­seinem Buch „Wer wagt, beginnt“ , spricht Sätze wie: „Manchmal habe ich Angst vor meiner eigenen Angstlosigkeit.“ Und dann redet er von der Möglichkeit, sein Amt zu verlieren: „Ich habe zwei gesunde Hände, mir wird schon was einfallen.“

Habeck ist ein Geschichtenerzähler. Er ist der Ansicht, dass sich ohne eine politische Erzählung auch keine gesellschaftliche Idee entfalten könne. Also erzählt er von sich, von der Interrail-Reise als junger Mann, wie er Tschernobyl erlebte, wie er mit seiner Frau gemeinsam die Wiege schaukelnd an einem Kinderbuch arbeitete, wie er allein mit gestrandeten Pottwalen an der Nordsee stand und an die wenigen entkommenen Tiere dachte, dabei die Sehnsucht nach Freiheit und dem Meer verspürte.

Es gibt wenige Grüne, die so hohe Popularitätswerte erhalten

Im Bund schwächeln die Grünen, sie ­liegen laut Umfragen nur noch bei sieben Prozent. In Baden-Württemberg aber glänzen sie noch, und auch in Schleswig-Holstein stehen sie brillant da, unverändert im zweistelligen Bereich, jetzt gerade bei rund 14 Prozent. In Kiel sagen alle, das sei der Robert-Habeck-Effekt. Noch im Dezember ist er in Umfragen als der beliebteste Politiker des Landes ermittelt worden, noch vor dem SPD-Ministerpräsidenten Torsten Albig. Seit Habecks Abschied von der Landespolitik wird seine Person in den Umfragen allerdings nicht mehr abgefragt, als sei er nicht mehr als Politiker existent. Ein Minister ohne Netz. Es gibt wenige Grüne, die so hohe Popularitätswerte erhalten, auch Tarek al-Wazir, Wirtschaftsminister in Hessen, ist der beliebteste Politiker seines Landes, und natürlich Winfried Kretschmann in Stuttgart.

Aber was ist Habecks Erfolgsrezept? Neben dem Erzählmodus sind es vielleicht das Gegen-den-Strich-Bürsten und seine Art, die Glaubwürdigkeit vermittelt. Die „liberale und progressive Lässigkeit“ von Kretschmann, sagt Habeck, die gefalle ihm. Einen Lehrmeister aber braucht er nicht, er setzt selbst Akzente. Zum einen sagt der Politiker, der zum realpolitischen Flügel der Partei gehört, dass viele „grüne Themen einfach Wohlfühlthemen sind“. Als ihn später in Bargteheide bei der Diskussion mit dem Publikum ein Naturschützer über die „Katastrophe mit den Knicks“ – die für Norddeutschland typischen Erdwälle – sowie die Bedrohung des Breitblättrigen Knabenkrauts in geschützten Biotopen aufklärt und Hilfe des Ministeriums einfordert, da wird Habeck fast frech. Er entgegnet, wenn er jetzt im Kabinett das Breitblättrige Knabenkraut bringe, komme das angesichts von Themen wie innerer ­Sicherheit oder der Abwicklung der HSH Nordbank nicht so gut, um dann am Ende doch im Tonfall eines Regierungsbeamten zu versprechen: „Ich nehme den Vorgang mit.“ Den mit dem Breitblättrigen Knabenkraut, übrigens Orchidee des Jahres 1989.

Habeck wettert gegen die „ökologischen Reinheitslehren“

Anschaulich schildert Robert Habeck an diesem Abend die Konflikte zwischen Parteiräson und Regierungsverantwortung, das ständige Abwägen von Interessen. Zum Beispiel im Fall der Schweinswale, die in Ost- und Nordsee bedroht sind, weil sie den Fischern als Beifang ins Netz geraten und ersticken. Gehe es nach seiner Partei, müsse es Nullnutzungszonen für die Fischer wegen der Schweinswale geben, sagt Habeck. Aber er als Landwirtschaftsminister müsse auch die Interessen der Dorsch-Fischer abwägen. Mit denen ist er mal rausgefahren, „herzzerbrechende Menschen, coole Typen, Urviecher“, sagt Habeck über sie. Im Übrigen gebe es nur noch 20 Kutter und insgesamt 300 Nebenerwerbsfischer im Rentenalter. Alle Fakten abwägend, wurde am Ende ein Kompromiss gefunden – eine Reduzierung der Netze um ein Drittel: „Das entspricht nicht der reinen grünen Lehre. Einen Parteitag hätte ich damit nicht gewonnen – aber Gott sei Dank gab es zu der Zeit keinen.“ Das Publikum in Bargteheide freut sich darüber diebisch.

Auch in seinem Buch wettert Habeck gegen die „ökologischen Reinheitslehren“ der Grünen. Die Leute wollten auch Bildung, Kultur, Freizeit, Freiheit und Gesundheit – und die Freiheit von Mühsal, Krankheit und Leid. Aber die „Reinheitslehren“ mündeten oft in einem erzkonservativen Weltbild aus Regionalismus, Antikapitalismus und einer Absage an den Wohlfahrtsstaat – letztlich in der Förderung von Ungleichheit. So also formuliert es Habeck, der Intellektuelle unter den Grünen, ein in Freiburg und Hamburg studierter und promovierter Philosoph.

Was ihn von anderen Politikern unterscheidet, sind die Selbstzweifel

Klimawandel, Energiewende mit 1400 genehmigten Windrädern im Land, Tierwohl in der Landwirtschaft, Gülleproblematik – routiniert hat Robert Habeck auch die klassischen Themen drauf. Was ihn aber wohl unterscheidet von anderen Politikern, sind die Selbstzweifel: Wenn er morgens auf dem Weg ins Büro schon Mails ­bekomme – Ausbruch der Vogelgrippe, Biogasanlage ausgelaufen, Tierschutzskandal –, sei dieser Tag ein „suchendes Tasten“, sagt er. Politiker seien „Scheinriesen“, auch sie suchten ständig Antworten. Solche Bekenntnisse kommen an bei den Zuhörern in Bargteheide.

Am Ende des Abends hagelt es Komplimente, dass es fast schon peinlich ist. „Sie leben das, was Sie auch sagen“, sagt einer. „Wer soll Sie ersetzen?“, fragt ein anderer. Ein Dritter meint, dass „ein Politiker wie Sie, Herr Habeck, sich keine Sorge machen braucht, nicht irgendwo unterzukommen“. Habeck nimmt den Trost gelassen und dankt dem Publikum „sehr für diesen Abend“. Dann signiert er Bücher – 30 insgesamt werden verkauft, eine gute Quote – und lässt sich „von einem Kumpel“ zum nächsten Termin nach Flensburg fahren.

Der Ministerpräsident Albig würde Habeck gerne wieder im nächsten Kabinett sehen

In Schleswig-Holstein stehen die Chancen auf eine Fortsetzung der Koalition von SPD, Grünen und der dänischen Minderheitenpartei SSW laut Umfragen gut. Ministerpräsident Albig (53) sagt über seinen grünen Koalitionspartner und Stellvertreter, dass er zu Habeck einen „engen Draht“ habe, man sich menschlich gut verstehe. Eigentlich habe es in der rot-grün-blauen Koalition in dieser Legislaturperiode „keinen einzigen Tag des offenen Konflikts“ ­gegeben. „Ich würde Habeck gerne wieder im nächsten Kabinett sehen, um unsere ­gemeinsame Arbeit weiterzuentwickeln“, sagt Albig. Aber nach den Koalitionsgesprächen sei es Sache der Grünen, ihr Personal fürs Kabinett selbst zu bestimmen.

Auch bei den Grünen stehen die Zeichen pro Habeck. Monika Heinold, die Finanzministerin der Grünen in Kiel und einzige Spitzenkandidatin ihrer Partei, sagt, sie sei viel im Land unterwegs. „Ich habe den ­Eindruck, dass Robert Habeck auch ein Aushängeschild der Grünen im Land ist. Ich werde immer wieder gefragt, ob Herr Habeck auch wirklich Minister bleibt.“ Im Übrigen habe sie auf zwei Landespartei­tagen gesagt, dass es „unser Ziel ist, dass Robert Habeck und ich Minister und Ministerin bleiben, und habe dafür viel Applaus und große Zustimmung bekommen.“ Der Beifall von gestern – für Robert Habeck eine Zukunftssicherung für morgen.

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